2 Okt. 2026, Fr.

Das Leben des jungen Domenico Savio, Zögling des Oratoriums des heiligen Franz von Sales

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„Ich bin also der Stoff; Sie sollen der Schneider sein.“ Mit diesen Worten vertraute sich am 2. Oktober 1854 in Becchi ein zwölfjähriger Junge Don Bosco an. Domenico Savio kam am 29. Oktober nach Valdocco und blieb dort weniger als drei Jahre: Er starb am 9. März 1857. Eine kurze Zeit, und doch lang genug, damit das Korn reifen und in die Scheune des Herrn eingebracht werden konnte. In Don Boscos Schilderung erscheint er nicht als ein Junge, dem der Alltag fremd ist, sondern als ein Gefährte, der das Lernen, das Gebet, die Freundschaft und das Spielen zu einem Weg der Heiligkeit machte. Sein „Ich will heilig werden“ spricht noch heute jeden Jungen an: „Wenn er es geschafft hat, warum nicht auch ich?“ Wir präsentieren den vollständigen Text in der vierten Ausgabe (1878), der letzten, die der Autor persönlich betreut hat.

 

Das Leben des jungen Domenico Savio, Zögling des Oratoriums des heiligen Franz von Sales

 

KAPITEL I. Heimat – Charakter dieses jungen Menschen – Seine ersten Tugendakte

KAPITEL II. Sein sittliches Verhalten in Murialdo – Schöne Züge der Tugend – Sein Schulbesuch in diesem Weiler

KAPITEL III. Er wird zur ersten Kommunion zugelassen – Vorbereitung – Sammlung und Vorsätze dieses Tages

KAPITEL IV. Schule in Castelnuovo d’Asti – Eine erbauliche Begebenheit – Kluge Antwort auf einen schlechten Rat

KAPITEL V. Sein Verhalten in der Schule von Castelnuovo d’Asti – Worte seines Lehrers

KAPITEL VI. Schule in Mondonio – Er erträgt eine schwere Verleumdung

KAPITEL VII. Meine erste Bekanntschaft mit ihm – Bemerkenswerte Begebenheiten bei dieser Gelegenheit

KAPITEL VIII. Er kommt in das Oratorium des heiligen Franz von Sales – Seine erste Lebensweise dort

KAPITEL IX. Lateinstudium – Bemerkenswerte Vorfälle – Verhalten in der Schule – Er verhindert eine Schlägerei – Er entgeht einer Gefahr

KAPITEL X. Sein Entschluss, heilig zu werden

KAPITEL XI. Sein Eifer für das Heil der Seelen

KAPITEL XII. Begebenheiten und schöne Formen seines Umgangs mit den Gefährten

KAPITEL XIII. Sein Geist des Gebetes – Verehrung der Mutter Gottes – Der Marienmonat

KAPITEL XIV. Sein häufiger Empfang der heiligen Sakramente der Beichte und der Kommunion

KAPITEL XV. Seine Bußübungen

KAPITEL XVI. Abtötungen aller äußeren Sinne

KAPITEL XVII. Die Gesellschaft von der Unbefleckten Empfängnis

KAPITEL XVIII. Seine besonderen Freundschaften – Seine Beziehung zu dem jungen Camillo Gavio

KAPITEL XIX. Seine Beziehung zu dem jungen Giovanni Massaglia

KAPITEL XX. Besondere Gnaden und außergewöhnliche Begebenheiten

KAPITEL XXI. Seine Gedanken über den Tod und seine Vorbereitung auf einen heiligen Tod

KAPITEL XXII. Seine Sorge für die Kranken – Er verlässt das Oratorium – Seine Worte bei dieser Gelegenheit

KAPITEL XXIII. Er verabschiedet sich von seinen Kameraden

KAPITEL XXIV. Verlauf seiner Krankheit – Letzte Beichte, Empfang der Wegzehrung – Erbauliche Begebenheiten

KAPITEL XXV. Seine letzten Augenblicke und sein kostbarer Tod

KAPITEL XXVI. Nachricht von seinem Tod – Worte von Prof. Don Picco an seine Schüler

KAPITEL XXVII. Nacheiferung in Savios Tugend – Viele empfehlen sich ihm an, um himmlische Gnaden zu erlangen, und werden erhört – Ein Andenken für alle

 

 

Meine lieben jungen Freunde,

 

 

      Ihr habt mich, meine lieben jungen Freunde, mehrmals gebeten, euch etwas über euren Gefährten DOMENICO SAVIO zu schreiben; und ich habe getan, was ich konnte, um diesem euren frommen Wunsch zu entsprechen. Hier ist nun sein Leben, mit jener Kürze und Einfachheit beschrieben, von der ich weiß, dass sie euch angenehm ist.

      Zwei Schwierigkeiten standen der Veröffentlichung dieser Schrift entgegen; die erste war die Kritik, der gewöhnlich ausgesetzt ist, wer über Dinge schreibt, für die es eine große Zahl lebender Zeugen gibt. Ich glaube, diese Schwierigkeit dadurch überwunden zu haben, dass ich mich bemühte, nur jene Dinge zu erzählen, die von euch oder von mir gesehen wurden und die ich fast alle schriftlich und von eurer eigenen Hand aufgezeichnet aufbewahre.

      Ein anderes Hindernis war die Notwendigkeit, wiederholt von mir selbst zu sprechen. Da dieser junge Mann etwa drei Jahre in diesem Haus gelebt hat, muss ich oft Begebenheiten berichten, an denen ich selbst beteiligt war. Auch dieses Hindernis glaube ich überwunden zu haben, indem ich mich an die Pflicht des Geschichtsschreibers hielt, die Wahrheit der Tatsachen zu schreiben, ohne auf die Personen zu achten. Solltet ihr dennoch auf irgendeine Begebenheit stoßen, bei der ich mit einem gewissen Wohlgefallen von mir spreche, so schreibt dies der großen Zuneigung zu, die ich für den verstorbenen Freund empfand und für euch alle empfinde; diese Zuneigung lässt mich euch das Innerste meines Herzens öffnen, wie es ein Vater tut, der zu seinen geliebten Kindern spricht.

      Mancher von euch wird fragen, warum ich das Leben DOMENICO SAVIOS und nicht das der anderen jungen Menschen geschrieben habe, die unter uns im Ruf hervorragender Tugend lebten. Es ist wahr, meine Lieben, die göttliche Vorsehung hat sich gewürdigt, uns mehrere Vorbilder der Tugend zu senden: so waren Gabriele Fascio, Luigi Rua, Camillo Gavio, Giovanni Massaglia und andere; doch ihre Taten waren nicht ebenso bekannt und auffallend wie jene SAVIOS, dessen Lebensführung offenkundig bewundernswert war. Wenn Gott mir übrigens Gesundheit und Gnade schenkt, habe ich vor, die Taten dieser eurer tugendhaften Gefährten zu sammeln, um eure und meine Wünsche erfüllen zu können, indem ich sie euch zum Lesen und zur Nachahmung vorlege, soweit dies mit eurem Stand vereinbar ist.

      In dieser neuen Ausgabe habe ich außerdem verschiedene Nachrichten hinzugefügt, von denen ich hoffe, dass sie das Buch auch für jene interessant machen werden, die bereits gelesen haben, was in den früheren Ausgaben gedruckt worden ist.

      Beginnt inzwischen, aus dem Nutzen zu ziehen, was ich euch beschreiben werde, und sagt in eurem Herzen, was der heilige Augustinus sagte: ‚Si ille, cur non ego?‘ – Wenn ein Gefährte von mir, im selben Alter, am selben Ort, denselben und vielleicht noch größeren Gefahren ausgesetzt, dennoch Zeit und Mittel fand, ein treuer Nachfolger Jesu Christi zu bleiben, warum sollte ich nicht dasselbe tun können? Bedenkt wohl, dass die wahre Religion nicht nur aus Worten besteht; man muss zu den Taten kommen. Wenn ihr also etwas findet, das der Bewunderung würdig ist, begnügt euch nicht damit zu sagen: Das ist schön, das gefällt mir. Sagt vielmehr: Ich will mich bemühen, jene Dinge zu tun, die mich, wenn ich sie bei anderen lese, mit Bewunderung erfüllen.

      Gott schenke euch und allen Lesern dieses Büchleins Gesundheit und Gnade, damit ihr aus dem, was ihr darin lesen werdet, Nutzen zieht; und die allerseligste Jungfrau, deren eifriger Verehrer der junge SAVIO war, erwirke uns, ein Herz und eine Seele zu werden, um unseren Schöpfer zu lieben, der allein würdig ist, über alles geliebt und an allen Tagen unseres Lebens treu gedient zu werden.

 

 

ERKLÄRUNG

Im Gehorsam gegenüber dem Dekret des hochseligen Papstes Urban VIII. erkläre ich, dass ich allen hier berichteten übernatürlichen Begebenheiten keinen anderen Wert als den menschlicher Glaubwürdigkeit beilegen will, solange der Heilige Stuhl sie nicht mit seiner unfehlbaren Autorität gebilligt hat.

 

 

KAPITEL I. Heimat – Charakter dieses jungen Menschen – Seine ersten Tugendakte

 

Die Eltern des jungen Menschen, dessen Leben wir zu beschreiben unternehmen, waren Carlo Savio und seine Ehefrau Brigida, arme, aber ehrbare Mitbürger[1] von Castelnuovo d’Asti[2], einem Ort zehn Meilen von Turin entfernt. Im Jahr 1841 gerieten die guten Eheleute in große Not und waren ohne Arbeit; deshalb zogen sie nach Riva[3], einem Ort zwei Meilen von Chieri entfernt, wo der Mann als Huf- und Eisenschmied zu arbeiten begann, ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hatte. Während sie dort wohnten, segnete Gott ihre Ehe und schenkte ihnen einen Sohn, der ihr Trost werden sollte. Er wurde am 2. April 1842 geboren. Als man ihn zur Wiedergeburt im Wasser der Taufe brachte, gab man ihm den Namen Domenico; dieser Umstand, an sich gleichgültig, wurde später für unseren Knaben Gegenstand ernster Betrachtung, wie wir sehen werden.

Domenico hatte sein zweites Lebensjahr vollendet, als seine Eltern aus familiären Gründen beschlossen, in die Heimat zurückzukehren, und ihren Wohnsitz in Murialdo, einem Weiler von Castelnuovo d’Asti, nahmen.

Die ganze Sorge der guten Eltern galt einer christlichen Erziehung ihres Kindes, das schon damals Gegenstand ihrer Freude war. Von Natur aus hatte er einen guten Charakter und ein Herz, das geradezu für die Frömmigkeit geschaffen schien. Mit erstaunlicher Leichtigkeit lernte er die Morgen- und Abendgebete und konnte sie bereits im Alter von nur vier Jahren allein sprechen. Selbst in jenem Alter natürlicher Zerstreutheit gehorchte er seiner Mutter in allem; und wenn er sich bisweilen von ihr entfernte, so nur, um sich in irgendeinen Winkel des Hauses zurückzuziehen und dort tagsüber ungestörter beten zu können.

„Von frühester Kindheit an“, versichern seine Eltern, „in einem Alter, in dem Kinder wegen ihrer mangelnden Überlegung für die Mütter gewöhnlich eine ständige Unruhe und Mühe sind, in dem sie alles sehen, anfassen und meistens auch beschädigen wollen, hat uns unser Domenico nie auch nur den geringsten Kummer bereitet. Er war nicht nur gehorsam und zu jedem unserer Aufträge bereit, sondern bemühte sich sogar, schon im Voraus das zu tun, von dem er merkte, dass es uns Freude bereitete.“

Eigenartig und zugleich rührend war auch die Art, wie er den Vater empfing, wenn dieser nach seiner gewöhnlichen Arbeit nach Hause kam. Er lief ihm entgegen, nahm ihn bei der Hand und sprang ihm bisweilen um den Hals: „Lieber Papa“, sagte er, „wie müde seid Ihr! Nicht wahr? Ihr arbeitet so viel für mich, und ich tauge zu nichts anderem, als Euch Mühe zu machen; ich werde den lieben Gott bitten, Euch Gesundheit zu schenken und mich gut werden zu lassen.“ Während er dies sagte, begleitete er ihn ins Haus, rückte ihm einen Stuhl oder Schemel hin, damit er sich setze, leistete ihm Gesellschaft und überschüttete ihn mit tausend Liebkosungen. „Das“, sagt der Vater, „war für mich ein süßer Trost in meinen Mühen, und ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, um meinem Domenico, dem die ganze Zuneigung meines Herzens gehörte, einen zärtlichen Kuss zu geben.“

Seine Frömmigkeit wuchs schneller als sein Alter. Schon mit vier Jahren musste man ihn nicht mehr daran erinnern, morgens und abends, vor und nach dem Essen sowie den Angelus zu beten; vielmehr erinnerte er selbst die anderen Hausbewohner daran, wenn sie es vergessen hatten.

Eines Tages geschah es, dass seine Angehörigen, durch einiges Lärmen abgelenkt, sich ohne Weiteres zum Essen setzten. „O Papa“, sagte der aufmerksame Domenico, „wir haben den Segen noch nicht erbeten.“ Ein anderes Mal begann ein Fremder, der in ihrem Haus aufgenommen worden war, ebenfalls zu essen, ohne irgendeinen religiösen Akt zu vollziehen. Domenico wagte es nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, und zog sich betrübt in eine Ecke des Hauses zurück. Als seine Angehörigen ihn später nach diesem ungewöhnlichen Verhalten fragten, antwortete er: „Ich habe es nicht gewagt, mich mit einem an den Tisch zu setzen, der zu essen anfängt wie die Tiere des Herrn über unseren Speisen.“ Nachdem er dies gesagt hatte, machte er selbst das Zeichen des heiligen Kreuzes und sprach das gewohnte Gebet.

 

 

KAPITEL II. Sein sittliches Verhalten in Murialdo – Schöne Züge der Tugend – Sein Schulbesuch in diesem Weiler

 

Hier finden sich Dinge, die man kaum glauben würde, wenn nicht derjenige, der sie bezeugt, unsere Zweifel zerstreute. Ich halte mich an den Bericht, den der Kaplan dieses Weilers[4] mir freundlicherweise über seinen lieben Schüler gegeben hat.

„In den ersten Tagen“, sagt er, „nachdem ich in diesen Weiler Murialdo gekommen war, sah ich häufig einen vielleicht fünfjährigen Knaben in Begleitung seiner Mutter zur Kirche kommen. Die Heiterkeit seines Gesichtes, seine gesammelte Haltung und sein andächtiges Benehmen zogen meine Blicke und die der anderen auf ihn. Fand er die Kirche bei seiner Ankunft geschlossen, bot sich ein anmutiger Anblick. Weit davon entfernt, allein oder mit anderen herumzulaufen und zu lärmen, wie es Kinder dieses Alters gewöhnlich tun, setzte er sich an die Schwelle der Tür, kniete nieder und betete mit geneigtem Köpfchen und den unschuldigen Händchen vor der Brust gefaltet innig, bis die Kirche geöffnet wurde. Man beachte, dass der Boden bisweilen mit Schlamm bedeckt war oder Schnee oder Regen fiel; aber er achtete auf nichts und kniete trotzdem nieder, um zu beten. Verwundert und von frommer Neugier bewegt, wollte ich wissen, wer dieser Knabe sei, der Gegenstand meiner Bewunderung geworden war, und erfuhr, dass er der Sohn des Schmieds Carlo Savio war.

„Wenn er mir dann auf der Straße begegnete, zeigte er schon von weitem seine Freude und kam meinem Gruß mit wahrhaft engelhafter Freundlichkeit ehrerbietig zuvor. Auch begann er, die Schule zu besuchen, und da er begabt und in der Erfüllung seiner Pflichten sehr fleißig war, machte er in kurzer Zeit bemerkenswerte Fortschritte im Lernen. Er musste mit ungezogenen und zerstreuten Jungen verkehren, doch habe ich ihn niemals in Streit gesehen. Kam es zu einer Auseinandersetzung, so ertrug er geduldig die Beleidigungen seiner Gefährten und entfernte sich sogleich von ihnen. Ich erinnere mich auch nicht, dass ich ihn jemals an gefährlichen Vergnügungen hätte teilnehmen oder in der Schule die geringste Störung verursachen sehen. Viele Gefährten luden ihn sogar ein, mit ihnen älteren Leuten Streiche zu spielen, Steine zu werfen, fremdes Obst zu stehlen oder auf den Feldern Schaden anzurichten; doch verstand er es geschickt, ihr Verhalten zu missbilligen, und weigerte sich, daran teilzunehmen.

„Die Frömmigkeit, die er schon beim Gebet an der Kirchenschwelle gezeigt hatte, ließ mit zunehmendem Alter nicht nach. Mit fünf Jahren hatte er bereits gelernt, bei der heiligen Messe zu ministrieren, und tat dies mit größter Andacht. Jeden Tag ging er zur Messe; wollte ein anderer ministrieren, hörte er sie mit, andernfalls versah er den Dienst in höchst erbaulicher Haltung. Da er noch jung und klein von Gestalt war, konnte er das Messbuch nicht tragen; und es war ein rührender Anblick, wie er eifrig zum Altar trat, sich auf die Zehenspitzen stellte, die Arme so weit wie möglich ausstreckte und sich alle Mühe gab, das Pult zu erreichen. Wenn der Priester oder jemand anders ihm die größte Freude der Welt machen wollte, durfte er nicht das Messbuch selbst hinübertragen, sondern musste ihm das Pult so nahe rücken, dass er es erreichen konnte; dann trug er es voller Freude auf die andere Seite des Altars.

„Er beichtete häufig, und sobald er imstande war, das himmlische Brot vom irdischen zu unterscheiden, wurde er zur heiligen Kommunion zugelassen, die er mit wahrhaft bewundernswerter Andacht empfing. Beim Anblick jener schönen Werke, welche die göttliche Gnade in dieser unschuldigen Seele vollbrachte, habe ich mehrmals bei mir gesagt: Hier ist ein junger Mensch von den besten Hoffnungen. Möge Gott ihm einen Weg eröffnen, auf dem solch kostbare Früchte zur Reife gelangen können.“ Soweit der Kaplan von Murialdo.

 

 

KAPITEL III. Er wird zur ersten Kommunion zugelassen – Vorbereitung – Sammlung und Vorsätze dieses Tages

 

Domenico fehlte nichts, um zur ersten Kommunion zugelassen zu werden. Er kannte den ganzen kleinen Katechismus auswendig, hatte eine klare Kenntnis dieses erhabenen Sakraments und brannte vor Verlangen, es zu empfangen. Nur sein Alter stand dagegen, denn in den Dörfern wurden die Kinder gewöhnlich erst mit vollendetem elften oder zwölften Lebensjahr zur ersten Kommunion zugelassen. Savio befand sich erst im siebten Lebensjahr. Neben seinem kindlichen Aussehen war er von so zarter Gestalt, dass er noch jünger erschien; deshalb zögerte der Kaplan, ihn zuzulassen. Er holte auch den Rat anderer Priester ein; nachdem diese Domenicos frühe Einsicht, seine Unterweisung und sein lebhaftes Verlangen wohl erwogen hatten, ließen sie alle Schwierigkeiten beiseite und gestatteten ihm, zum ersten Mal am Brot der Engel teilzunehmen.

Es ist sehr schwer, die Empfindungen heiliger Freude auszudrücken, mit denen eine solche Nachricht sein Herz erfüllte. Er lief nach Hause und sagte es seiner Mutter voller Begeisterung; bald betete er, bald las er; vor und nach der Messe verbrachte er viel Zeit in der Kirche, und es schien, als wohne seine Seele bereits bei den Engeln des Himmels. Am Vorabend des für die Kommunion bestimmten Tages rief er seine Mutter: „Mama“, sagte er zu ihr, „morgen gehe ich zu meiner Kommunion; verzeiht mir all den Kummer, den ich Euch in der Vergangenheit bereitet habe. Für die Zukunft verspreche ich Euch, viel besser zu sein; ich werde in der Schule aufmerksam, gehorsam, fügsam und ehrerbietig gegenüber allem sein, was Ihr mir auftragen werdet.“ Nachdem er dies gesagt hatte, war er tief bewegt und begann zu weinen. Die Mutter, die von ihm nichts als Trost erfahren hatte, wurde ebenfalls gerührt und hielt nur mit Mühe die Tränen zurück. Sie tröstete ihn und sagte: „Geh nur beruhigt, lieber Domenico, alles ist verziehen. Bitte Gott, dass er dich immer gut erhalte; bete auch für mich und für deinen Vater.“

Am Morgen dieses denkwürdigen Tages stand er früh auf, zog seine schönsten Kleider an und ging zur Kirche, die er noch verschlossen fand. Wie schon bei anderen Gelegenheiten kniete er an der Schwelle nieder und betete, bis andere Kinder eintrafen und die Tür geöffnet wurde. Mit Beichten, Vorbereitung und Danksagung nach der Kommunion dauerte die Feier fünf Stunden. Domenico ging als Erster in die Kirche und als Letzter wieder hinaus. Während der ganzen Zeit wusste er gleichsam nicht mehr, ob er im Himmel oder auf Erden war.

Dieser Tag blieb ihm stets unvergesslich und kann als der eigentliche Anfang oder vielmehr als die Fortsetzung eines Lebens bezeichnet werden, das jedem christlichen Gläubigen als Vorbild dienen kann. Als man ihn mehrere Jahre später von seiner ersten Kommunion sprechen ließ, konnte man noch die lebhafteste Freude auf seinem Gesicht erkennen. „Oh!“, pflegte er zu sagen, „das war für mich der schönste Tag und ein großer Tag.“ Er schrieb sich einige Vorsätze auf, die er sorgfältig in einem Andachtsbuch aufbewahrte und häufig las. Ich habe sie selbst in Händen gehabt und füge sie hier in ihrer ursprünglichen Einfachheit ein. Sie lauteten: „Vorsätze, die ich, Domenico Savio, im Jahr 1849 gefasst habe, als ich im Alter von sieben Jahren die erste Kommunion empfing.

  1. Ich werde sehr oft beichten und jedes Mal zur Kommunion gehen, wenn der Beichtvater es mir erlaubt.
  2. Ich will die Festtage heiligen.
  3. Meine Freunde werden Jesus und Maria sein.
  4. Lieber der Tod als Sünden.“

Diese Vorsätze, die er oft wiederholte, waren gleichsam die Richtschnur seines Handelns bis an das Ende seines Lebens.

Sollte sich unter den Lesern dieses Büchleins jemand befinden, der die erste Kommunion noch vor sich hat, so möchte ich ihm nachdrücklich empfehlen, sich den jungen Savio zum Vorbild zu nehmen. Ebenso empfehle ich, so sehr ich nur kann, den Vätern, den Familienmüttern und allen, die irgendeine Verantwortung für die Jugend tragen, diesem religiösen Akt die größte Bedeutung beizumessen. Seid überzeugt, dass eine gut vorbereitete erste Kommunion ein festes sittliches Fundament für das ganze Leben legt; und es wäre ungewöhnlich, jemanden zu finden, der diese feierliche Pflicht gut erfüllt hätte, ohne dass daraus ein gutes und tugendhaftes Leben hervorgegangen wäre. Dagegen gibt es Tausende ungeratener junger Menschen, die ihren Eltern und denen, die sich um sie kümmern, Kummer bereiten; geht man aber dem Übel auf den Grund, erkennt man, dass ihr Verhalten seinen Anfang in einer geringen oder völlig fehlenden Vorbereitung auf die erste Kommunion nahm. Es ist besser, sie aufzuschieben, ja besser, sie nicht zu empfangen, als sie schlecht zu empfangen.

 

 

KAPITEL IV. Schule in Castelnuovo d’Asti – Eine erbauliche Begebenheit – Kluge Antwort auf einen schlechten Rat

 

Nach Abschluss der ersten Schuljahre hätte Domenico schon längst an einen anderen Ort geschickt werden müssen, um seine Studien fortzusetzen, denn in einer ländlichen Kaplanei war dies nicht möglich. Domenico wünschte es, und auch seinen Eltern lag es sehr am Herzen. Aber wie sollte man es verwirklichen, da die finanziellen Mittel völlig fehlten? Gott, der höchste Herr aller Dinge, wird die notwendigen Mittel bereitstellen, damit dieser Knabe auf jenem Weg voranschreiten kann, zu dem er ihn beruft.

„Wenn ich ein Vogel wäre“, sagte Domenico manchmal, „möchte ich morgens und abends nach Castelnuovo fliegen und so meine Schulbildung fortsetzen.“

     Sein lebhaftes Verlangen zu lernen ließ ihn jede Schwierigkeit überwinden, und er beschloss, die Gemeindeschule des Ortes zu besuchen, obwohl sie fast zwei Meilen entfernt war. So machte sich ein kaum zehnjähriger Knabe täglich auf einen Weg von sechs Meilen für Hin- und Rückweg zur Schule. Manchmal gab es lästigen Wind, brennende Sonne, Schlamm oder drückenden Regen. Das machte nichts: Alle Beschwernisse wurden ertragen und alle Schwierigkeiten überwunden; denn er sah darin den Gehorsam gegenüber seinen Eltern und ein Mittel, die Wissenschaft des Heils zu erlernen, und das genügte, um jede Unbequemlichkeit mit Freude zu ertragen. Als eines Tages ein etwas älterer Mann Domenico allein um zwei Uhr nachmittags bei sengender Sonne zur Schule gehen sah, trat er zu ihm, gleichsam um ihm Erleichterung zu verschaffen, und führte mit ihm folgendes Gespräch:

– Mein Lieber, hast du keine Angst, ganz allein auf diesen Straßen zu gehen?

– Ich bin nicht allein; mein Schutzengel begleitet mich auf jedem Schritt.

– Wenigstens muss dir der Weg bei dieser Hitze beschwerlich sein, zumal du ihn viermal am Tag zurücklegen musst!

– Nichts ist beschwerlich, nichts ist Mühe, wenn man für einen Herrn arbeitet, der sehr gut bezahlt.

– Wer ist dieser Herr?

– Es ist Gott, der Schöpfer, der sogar ein Glas Wasser belohnt, das aus Liebe zu ihm gereicht wird.

Derselbe Mann erzählte diese Begebenheit einigen seiner Freunde und schloss seinen Bericht stets mit den Worten: Ein junger Mensch in so zartem Alter, der bereits solche Gedanken hegt, wird auf dem Weg, den er einschlagen wird, gewiss von sich reden machen.

Auf dem Hin- und Rückweg von der Schule geriet er wegen einiger Gefährten in eine große Gefahr für seine Seele.

Viele junge Menschen pflegen sich in der Sommerhitze bald in Gräben, bald in Bächen, bald in Teichen und Ähnlichem zu baden. Wenn mehrere Kinder gemeinsam, unbekleidet und bisweilen an öffentlichen Orten baden, ist dies für den Körper gefährlich, sodass wir leider nur allzu oft beklagen müssen, dass Jungen und andere Personen ertrinken und ihr Leben im Wasser verlieren; doch noch viel größer ist die Gefahr für die Seele. Wie viele junge Menschen beklagen den Verlust ihrer Unschuld und führen ihn darauf zurück, dass sie mit jenen Gefährten an solchen unglückseligen Orten baden gingen!

Mehrere Mitschüler Savios hatten die Gewohnheit, dorthin zu gehen. Nicht zufrieden damit, selbst hinzugehen, wollten sie auch ihn mitnehmen und hatten ihn einmal dazu verleitet. Als er jedoch darauf hingewiesen wurde, dass dies schlecht sei, zeigte er sich tief betrübt; nie wieder konnte man ihn dazu bewegen, vielmehr beklagte und beweinte er mehrmals die Gefahr, in die er seine Seele und seinen Körper gebracht hatte. Dennoch machten zwei der kecksten und geschwätzigsten Gefährten einen neuen Versuch und sagten zu ihm:

– Domenico, willst du mit uns zu einem Wettkampf kommen?

– Zu welchem Wettkampf?

– Zu einem Wettschwimmen?

– O nein, ich gehe nicht mit; ich kann es nicht und fürchte, im Wasser zu sterben.

– Komm doch, es macht großen Spaß. Wer schwimmen geht, spürt die Hitze nicht mehr, bekommt guten Appetit und wird sehr gesund.

– Aber ich fürchte, im Wasser zu sterben.

– Ach was, hab keine Angst; wir bringen dir alles Nötige bei. Zuerst schaust du, wie wir es machen, und dann machst du es ebenso. Du wirst sehen, wie wir uns im Wasser wie Fische bewegen und Riesensprünge machen.

– Ist es aber nicht Sünde, an solche Orte zu gehen, wo so viele Gefahren sind?

– Keineswegs; alle gehen doch hin.

– Dass alle hingehen, beweist nicht, dass es keine Sünde ist.

– Wenn du nicht ins Wasser springen willst, kannst du zunächst den anderen zuschauen.

– Genug; ich bin unschlüssig und weiß nicht, was ich sagen soll.

– Komm, komm; verlass dich auf unser Wort: Es ist nichts Schlimmes dabei, und wir werden dich vor jeder Gefahr bewahren.

– Bevor ich tue, was ihr sagt, will ich meine Mutter um Erlaubnis fragen: Wenn sie Ja sagt, gehe ich mit; andernfalls gehe ich nicht.

– Sei still, du Dummkopf, und hüte dich, es deiner Mutter zu sagen; sie wird dich bestimmt nicht mitkommen lassen, ja sie wird es sogar unseren Eltern erzählen, und dann werden sie uns die Hitze mit kräftigen Stockschlägen austreiben.

– Oh! Wenn meine Mutter mich nicht gehen lässt, ist das ein Zeichen, dass es etwas Schlechtes ist; deshalb gehe ich nicht. Und wenn ihr wollt, dass ich offen zu euch spreche, sage ich euch: Ich wurde getäuscht und bin ein einziges Mal hingegangen, aber künftig werde ich nie wieder dorthin gehen; denn an solchen Orten besteht immer die Gefahr, im Wasser zu sterben oder den Herrn auf andere Weise zu beleidigen. Sprecht mit mir auch nicht mehr vom Schwimmen; wenn so etwas euren Eltern missfällt, solltet ihr es ebenfalls nicht mehr tun, denn der Herr bestraft jene Kinder, die Dinge tun, die dem Willen von Vater und Mutter entgegenstehen.

So entging unser Domenico durch eine kluge Antwort an jene schlechten Ratgeber einer großen Gefahr; hätte er sich hineingestürzt, hätte er vielleicht den unschätzbaren Schatz der Unschuld verloren, worauf tausend traurige Folgen nach sich ziehen.

 

 

KAPITEL V. Sein Verhalten in der Schule von Castelnuovo d’Asti – Worte seines Lehrers

 

Während er diese Schule besuchte, begann er zu lernen, wie er sich seinen Gefährten gegenüber verhalten sollte. Sah er einen Mitschüler, der in der Schule aufmerksam, fügsam und respektvoll war, seine Lektionen gut wusste, seine Aufgaben erledigte und vom Lehrer gelobt wurde, so wurde dieser sogleich Domenicos Freund. Gab es einen ungezogenen, frechen Jungen, der seine Pflichten vernachlässigte, schlecht redete oder fluchte? Domenico mied ihn wie die Pest. Diejenigen aber, die etwas träge waren, grüßte er und erwies ihnen, wenn es sich ergab, irgendeinen Dienst, ging mit ihnen jedoch keine Vertraulichkeit ein.

Das Verhalten, das er in der Schule von Castelnuovo d’Asti zeigte, kann jedem jungen Schüler als Vorbild dienen, der in Wissen und Frömmigkeit vorankommen möchte. Dazu gebe ich hier den besonnenen Bericht wieder, den sein Lehrer, Don Alessandro Allora, damals Priester und noch heute Gemeindelehrer in diesem Bezirkshauptort, verfasst hat. – Er lautet wie folgt:

„Mit großer Freude lege ich mein Urteil über den jungen Domenico Savio dar, der sich in kurzer Zeit mein ganzes Wohlwollen zu erwerben wusste, sodass ich ihn mit der Zärtlichkeit eines Vaters liebte. Gern komme ich dieser Bitte nach, denn ich bewahre noch immer eine lebendige, klare und vollständige Erinnerung an seinen Fleiß, sein Verhalten und seine Tugenden.“

„Über sein religiöses Verhalten kann ich nicht viel sagen, weil er weit vom Ort entfernt wohnte und deshalb von der Teilnahme an der Kongregation befreit war; hätte er daran teilgenommen, so hätte er gewiss seine Frömmigkeit und Andacht in hellem Licht erscheinen lassen.“

„Nachdem dieser gute Knabe die erste Elementarklasse in Murialdo abgeschlossen hatte, bat er um Aufnahme in meine zweite Elementarklasse und erhielt sie am 21. Juni 1852, einem Tag, den die Schüler dem heiligen Aloisius, dem Schutzpatron der Jugend, widmeten. Er war von etwas schwächlicher und zarter Konstitution, sein Gesichtsausdruck ernst und zugleich lieblich, mit einem gewissen Zug von Ernst und Anmut. Sein Wesen war äußerst sanft und freundlich, seine Stimmung stets gleichmäßig. In der Schule und außerhalb, in der Kirche und überall zeigte er beständig eine solche Haltung, dass, sooft Blick, Gedanke oder Wort des Lehrers sich ihm zuwandten, der schönste und erfreulichste Eindruck zurückblieb. Für einen Lehrer darf man dies einen der lieblichen Ausgleiche für die harten Mühen nennen, die er oft vergeblich auf die Bildung trockener und schlecht disponierter Gemüter mancher Schüler verwenden muss. Daher kann ich sagen, dass er nicht nur Savio hieß, sondern es auch wirklich war. Das bewies er durch die Tat: im Studium, in der Frömmigkeit, im Umgang mit seinen Gefährten und in all seinem Tun. Vom ersten Tag seines Eintritts in meine Schule bis zum Ende jenes Schuljahres und während der vier Monate des folgenden Jahres machte er außergewöhnliche Fortschritte. Er verdiente sich beständig den ersten Platz in seiner Abteilung und die anderen Auszeichnungen der Schule sowie fast immer die besten Bewertungen in jedem Fach, das nach und nach gelehrt wurde. Ein so glückliches Ergebnis im Lernen ist nicht nur seiner ungewöhnlichen Begabung zuzuschreiben, sondern ebenso seiner sehr großen Liebe zum Studium und seiner Tugend.“

„Besondere Bewunderung verdient ferner der Fleiß, mit dem er die kleinsten Pflichten eines christlichen Schülers zu erfüllen suchte, vor allem seine Beharrlichkeit und erstaunliche Ausdauer beim Schulbesuch. Obwohl er stets von schwacher Gesundheit war, legte er jeden Tag über vier Kilometer Weg zurück und wiederholte diesen Weg viermal zwischen Hin- und Rückgang. Und dies tat er mit bewundernswerter Ruhe des Geistes und heiterem Gesicht, selbst bei den Unbilden des Winters, bei strenger Kälte, Regen oder Schnee; sein Lehrer musste darin einen Beweis und ein Beispiel seltenen Verdienstes erkennen. Als ein so würdiger Schüler im Lauf desselben Schuljahres 1852–1853 erkrankte und seine Angehörigen danach den Wohnort wechselten, konnte ich zu meinem wirklichen Bedauern den Unterricht dieses so lieben Schülers nicht fortsetzen. Die großen und schönen Hoffnungen, die er in mir geweckt hatte, wurden umso mehr von der Sorge überschattet, er könne wegen seiner Gesundheit oder wegen fehlender Mittel seine Studien nicht weiterführen.“

„Großen Trost bereitete mir später die Nachricht, dass er unter die jungen Menschen des Oratoriums des heiligen Franz von Sales aufgenommen worden war und ihm damit der Weg zur Entfaltung seiner seltenen Begabung und seiner leuchtenden Frömmigkeit offenstand. (Soweit der Schullehrer.)“

 

 

KAPITEL VI. Schule in Mondonio[5] – Er erträgt eine schwere Verleumdung

 

Es scheint, als habe die göttliche Vorsehung diesem jungen Menschen zeigen wollen, dass diese Welt ein Exil ist, in dem wir von Ort zu Ort pilgern; oder besser noch, als habe sie gewollt, dass er an verschiedenen Orten bekannt werde und sich so an mehreren Stellen als hervorragendes Vorbild der Tugend zeige.

Gegen Ende des Jahres 1852 verließen Domenicos Eltern Murialdo und nahmen ihren Wohnsitz in Mondonio, einem kleinen Ort an der Grenze zu Castelnuovo. Dort führte er dieselbe Lebensweise fort wie in Murialdo und Castelnuovo; deshalb müsste ich wiederholen, was seine früheren Lehrer über ihn geschrieben haben. Denn Don Cugliero[6], dessen Schüler er war, gibt einen fast gleichlautenden Bericht. Ich wähle daraus nur einige besondere Begebenheiten aus und lasse das Übrige weg, um Wiederholungen zu vermeiden.

„Ich kann sagen“, schreibt er, „dass ich in zwanzig Jahren, in denen ich mich der Unterweisung von Jungen widme, keinen einzigen gehabt habe, der Savio in der Frömmigkeit gleichgekommen wäre. Er war jung an Jahren, aber vernünftig wie ein reifer Mann. Sein Fleiß, seine Beharrlichkeit im Studium und seine Liebenswürdigkeit gewannen ihm die Zuneigung des Lehrers und machten ihn zur Freude seiner Gefährten. Wenn ich ihn in der Kirche betrachtete, war ich von tiefer Bewunderung erfüllt, so viel Sammlung bei einem jungen Menschen in so zartem Alter zu sehen. Mehr als einmal sagte ich zu mir selbst: Hier ist eine unschuldige Seele, der sich die Freuden des Paradieses öffnen und die mit ihren innersten Neigungen schon bei den Engeln des Himmels wohnt.“

     Unter den besonderen Begebenheiten zählt der Lehrer folgende auf:

„Eines Tages wurde unter meinen Schülern ein Vergehen begangen, und die Sache war so schwer, dass der Schuldige den Ausschluss aus der Schule verdient hätte. Die Täter kamen dem zuvor, gingen zum Lehrer und verabredeten sich, die ganze Schuld dem guten Domenico zuzuschieben. Ich konnte nicht glauben, dass er zu einem solchen Fehlverhalten fähig sei; doch die Ankläger verstanden es, der Verleumdung einen solchen Anschein von Wahrheit zu geben, dass ich ihnen glauben musste. So trat ich, wegen des vorgefallenen Fehlers mit Recht ungehalten, in die Schule, sprach zunächst allgemein zum Schuldigen und wandte mich dann an Savio: ‚Musste gerade dieser Fehler von dir begangen werden? Würdest du es nicht verdienen, auf der Stelle aus der Schule gewiesen zu werden? Glück für dich, dass dies das erste Vergehen dieser Art ist; sonst … sorge dafür, dass es auch das letzte bleibt.‘ Domenico hätte nur ein einziges Wort zu seiner Verteidigung sagen müssen, und seine Unschuld wäre erkannt worden. Doch er schwieg, senkte den Kopf und hob die Augen nicht mehr, wie jemand, der zu Recht getadelt wird.“

„Aber Gott schützt die Unschuldigen, und am folgenden Tag wurden die wahren Schuldigen entdeckt und damit Domenicos Unschuld offenbar. Voll Bedauern über die Vorwürfe, die ich dem vermeintlich Schuldigen gemacht hatte, nahm ich ihn beiseite und sagte: ‚Domenico, warum hast du mir nicht sofort gesagt, dass du unschuldig bist?‘ Domenico antwortete: ‚Weil jener andere, da er schon wegen weiterer Fehler schuldig war, vielleicht aus der Schule ausgeschlossen worden wäre; ich dagegen hoffte, Verzeihung zu erhalten, weil dies der erste Fehler war, dessen ich in der Schule beschuldigt wurde. Außerdem dachte ich auch an unseren göttlichen Erlöser, der zu Unrecht verleumdet worden ist.‘“

„Da schwieg ich; aber alle bewunderten Savios Geduld, der es verstanden hatte, Böses mit Gutem zu vergelten, und bereit war, selbst eine schwere Strafe zugunsten desselben Verleumders zu ertragen.“ (So Don Cugliero.)

 

 

KAPITEL VII. Meine erste Bekanntschaft mit ihm – Bemerkenswerte Begebenheiten bei dieser Gelegenheit

 

Die Dinge, die ich nun erzählen werde, kann ich mit mehr Einzelheiten darlegen, weil sie sich fast alle vor meinen Augen und meist in Gegenwart einer großen Zahl junger Menschen ereigneten, die in ihrer Aussage darüber übereinstimmen. Es war das Jahr 1854, als der erwähnte Don Cugliero zu mir kam, um mit mir über einen seiner Schüler zu sprechen, der wegen seiner Frömmigkeit besondere Beachtung verdiene. ‚Hier in Ihrem Haus‘, sagte er, ‚mögen Sie junge Menschen haben, die ihm gleichkommen; aber schwerlich werden Sie einen finden, der ihn an Begabung und Tugend übertrifft. Versuchen Sie es, und Sie werden einen heiligen Aloisius finden.‘ Wir vereinbarten, dass er ihn mir nach Murialdo schicken würde, wenn ich mich, wie gewöhnlich, mit den jungen Menschen dieses Hauses dort aufhielt, damit sie etwas Landluft genießen und zugleich die Novene halten und das Fest des Rosenkranzes der allerseligsten Jungfrau Maria feiern konnten.

Es war am frühen Morgen des ersten Montags im Oktober, als ich einen Knaben sah, der von seinem Vater begleitet auf mich zukam, um mit mir zu sprechen. Sein heiteres Gesicht und sein freundlicher, aber ehrerbietiger Ausdruck zogen meine Aufmerksamkeit auf ihn.

– Wer bist du? – fragte ich ihn. – Woher kommst du?

– Ich bin Domenico Savio – antwortete er –, von dem mein Lehrer Don Cugliero mit Ihnen gesprochen hat; wir kommen aus Mondonio.

Da nahm ich ihn beiseite, und als wir über seine bisherigen Studien und die Lebensweise, die er bis dahin geführt hatte, zu sprechen begannen, entstand sogleich volles Vertrauen zwischen ihm und mir.

Ich erkannte in diesem jungen Menschen ein Gemüt ganz nach dem Geist des Herrn und war nicht wenig erstaunt, als ich betrachtete, welche Werke die göttliche Gnade bereits in so zartem Alter vollbracht hatte.

Nach einem etwas längeren Gespräch und bevor ich den Vater rief, sagte er mir genau diese Worte: ‚Nun, was meinen Sie? Werden Sie mich zum Studieren nach Turin mitnehmen?‘

– Nun ja! Mir scheint, hier ist guter Stoff vorhanden.

– Wozu kann dieser Stoff dienen?

– Um daraus ein schönes Gewand zu machen, das man dem Herrn schenken kann.

– Dann bin ich also der Stoff; seien Sie der Schneider. Nehmen Sie mich also zu sich, und Sie werden ein schönes Gewand für den Herrn machen.

– Ich fürchte, dass deine zarte Gesundheit dem Studium nicht standhalten wird.

– Fürchten Sie das nicht; jener Herr, der mir bis jetzt Gesundheit und Gnade gegeben hat, wird mir auch künftig helfen.

– Aber was wirst du tun wollen, wenn du das Lateinstudium beendet hast?

– Wenn der Herr mir eine so große Gnade gewährt, wünsche ich sehnlichst, den geistlichen Stand zu ergreifen.

– Gut; nun will ich prüfen, ob du genügend Fähigkeit zum Studium hast. Nimm dieses Büchlein – es war ein Heft der Letture Cattoliche –; lerne heute diese Seite, und morgen kommst du zurück und sagst sie mir auf.

Nachdem ich dies gesagt hatte, ließ ich ihn frei, mit den anderen jungen Menschen zu spielen, und begann mit dem Vater zu sprechen. Kaum acht Minuten waren vergangen, da kam Domenico lächelnd auf mich zu und sagte: ‚Wenn Sie wollen, kann ich meine Seite jetzt schon aufsagen.‘ Ich nahm das Buch und stellte zu meiner Überraschung fest, dass er die aufgegebene Seite nicht nur wörtlich gelernt hatte, sondern auch den Sinn dessen, was darin stand, sehr gut verstand.

– Bravo – sagte ich zu ihm –, du hast das Lernen deiner Lektion vorweggenommen, und ich nehme meine Antwort vorweg. Ja, ich werde dich nach Turin mitnehmen, und von jetzt an zählst du zu meinen lieben Söhnen. Beginne auch du von nun an, Gott zu bitten, dass er mir und dir helfe, seinen heiligen Willen zu tun.

Da er nicht wusste, wie er seine Freude und Dankbarkeit besser ausdrücken sollte, nahm er meine Hand, drückte sie, küsste sie mehrmals und sagte schließlich: ‚Ich hoffe, mich so zu verhalten, dass Sie sich niemals über mein Benehmen beklagen müssen.‘

 

 

KAPITEL VIII. Er kommt in das Oratorium des heiligen Franz von Sales – Seine erste Lebensweise dort

 

Es ist dem wechselhaften Jugendalter eigen, seine Vorsätze hinsichtlich dessen, was man will, häufig zu ändern. Daher geschieht es nicht selten, dass man heute das eine beschließt, morgen etwas anderes; heute eine Tugend in hervorragendem Maß übt und morgen das Gegenteil. Wenn dann niemand aufmerksam wacht, endet eine Erziehung, die vielleicht sehr glücklich hätte verlaufen können, oft schlecht. Bei unserem Domenico war es nicht so. Alle Tugenden, die wir in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens entstehen und wachsen sahen, nahmen beständig auf wunderbare Weise zu, und sie wuchsen gemeinsam, ohne dass eine der anderen zum Schaden gereichte.

Als er in das Haus des Oratoriums gekommen war, begab er sich in mein Zimmer, um sich, wie er sagte, ganz in die Hände seiner Oberen zu geben. Sein Blick fiel sofort auf ein Schild, auf dem in großen Buchstaben die Worte standen, die der heilige Franz von Sales zu wiederholen pflegte: Da mihi animas, coetera tolle. Er las sie aufmerksam, und ich wünschte, dass er ihre Bedeutung verstünde. Daher lud ich ihn ein, ja half ihm, sie zu übersetzen und folgenden Sinn daraus zu entnehmen: ‚O Herr, gebt mir Seelen und nehmt alle anderen Dinge hinweg.‘ Er dachte einen Augenblick nach und fügte dann hinzu: ‚Ich habe verstanden: Hier geht es nicht um ein Geschäft mit Geld, sondern um ein Geschäft mit Seelen. Ich habe verstanden; ich hoffe, dass auch meine Seele zu diesem Handel gehören wird.‘

Seine Lebensweise war eine Zeit lang ganz gewöhnlich; man bewunderte an ihr nichts anderes als die genaue Beobachtung der Hausordnung. Er widmete sich mit Eifer dem Studium und erfüllte mit großer Hingabe alle seine Pflichten. Mit Freude hörte er die Predigten. Tief in seinem Herzen war die Überzeugung verwurzelt, dass das Wort Gottes der Führer des Menschen auf dem Weg zum Himmel ist; deshalb wurde jeder Satz, den er in einer Predigt hörte, für ihn zu einem unveränderlichen Merksatz, den er nicht mehr vergaß.

Jede moralische Unterweisung, jeder Katechismusunterricht, jede Predigt, auch wenn sie lang war, bereitete ihm stets Freude. Hörte er etwas, das er nicht gut verstanden hatte, so bat er sogleich um eine Erklärung. Daraus nahm jene beispielhafte Lebensführung ihren Anfang, jene Genauigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten, über die hinaus man kaum gehen kann.

Um über die Regeln und die Ordnung des Hauses unterrichtet zu werden, suchte er auf höfliche Weise die Nähe eines seiner Oberen; er stellte Fragen, bat um Erläuterungen und Rat und ersuchte darum, ihn freundlich zu ermahnen, sooft man ihn bei einer Pflichtverletzung sehe. Nicht weniger lobenswert war sein Verhalten gegenüber seinen Gefährten. Sah er jemanden zerstreut, in seinen Pflichten nachlässig oder in der Frömmigkeit lau? Domenico mied ihn. Gab es dagegen einen beispielhaften, fleißigen und gewissenhaften Gefährten, der vom Lehrer gelobt wurde? Dieser wurde sogleich Domenicos Freund und Vertrauter.

Als sich das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens näherte, richtete der Direktor jeden Abend einige Worte der Ermutigung an die jungen Menschen des Hauses, damit sich jeder bemühe, es der großen Mutter Gottes würdig zu feiern. Besonders drängte er darauf, von dieser himmlischen Beschützerin jene Gnaden zu erbitten, von denen jeder wusste, dass er sie am meisten benötigte.

Es war das Jahr 1854, in dem die Christen der ganzen Welt in einer Art geistlicher Bewegung waren, weil in Rom über die dogmatische Definition der Unbefleckten Empfängnis Mariens beraten wurde. Auch bei uns geschah alles, was unsere Lage erlaubte, um dieses Fest würdig und zum geistlichen Nutzen unserer jungen Menschen zu begehen.

Savio gehörte zu denen, die von dem Wunsch brannten, dieses Fest heilig zu begehen. Er schrieb neun kleine Vorsätze auf, das heißt neun Tugendakte, die er üben wollte, und zog für jeden Tag einen davon durch das Los. Er bereitete sich vor, legte mit innerer Freude eine Generalbeichte ab und empfing die heiligen Sakramente mit größter Sammlung.

Am Abend jenes Tages, des 8. Dezember, nachdem die heiligen Funktionen in der Kirche beendet waren, ging Domenico auf Anraten seines Beichtvaters vor den Marienaltar, erneuerte die bei der ersten Kommunion gemachten Versprechen und sprach dann wiederholt genau diese Worte: ‚Maria, ich schenke Euch mein Herz; sorgt dafür, dass es immer Euch gehöre. Jesus und Maria, seid immer meine Freunde! Aber um Eurer Güte willen: Lasst mich lieber sterben, als dass mir das Unglück widerfahre, auch nur eine einzige Sünde zu begehen.‘

Nachdem er Maria so zur Stütze seiner Frömmigkeit erwählt hatte, erschien sein sittliches Verhalten so erbaulich und mit solchen Tugendakten verbunden, dass ich von da an begann, sie aufzuschreiben, um sie nicht zu vergessen.

An diesem Punkt der Beschreibung der Taten des jungen Savio sehe ich mich einer Fülle von Begebenheiten und Tugenden gegenüber, die sowohl beim Schreibenden als auch beim Lesenden besondere Aufmerksamkeit verdienen. Um der Klarheit willen halte ich es deshalb für gut, die Dinge nicht nach der zeitlichen Reihenfolge darzustellen, sondern nach der Ähnlichkeit der Begebenheiten, die in besonderer Beziehung zueinander stehen oder denselben Gegenstand betreffen. Ich werde den Stoff daher in entsprechende Kapitel gliedern und mit dem Lateinstudium beginnen, das der Hauptgrund dafür war, dass er in dieses Haus von Valdocco kam und hier aufgenommen wurde.

 

 

KAPITEL IX. Lateinstudium – Bemerkenswerte Vorfälle – Verhalten in der Schule – Er verhindert eine Schlägerei – Er entgeht einer Gefahr

 

Er hatte in Mondonio die Grundlagen des Lateins gelernt; dank seines großen Fleißes und seiner überdurchschnittlichen Begabung wurde er bald in die vierte Klasse eingestuft, oder, wie wir heute sagen, in die zweite lateinische Grammatikklasse. Diesen Kurs besuchte er bei dem frommen und wohltätigen Lehrer Giuseppe Bonzanino, denn damals waren im Haus des Oratoriums noch keine Gymnasialklassen eingerichtet, wie es heute der Fall ist. Auch hier müsste ich sein Verhalten, seinen Lernerfolg und seine Vorbildlichkeit mit denselben Worten beschreiben wie seine früheren Lehrer. Deshalb werde ich nur einige Dinge berichten, die in diesem Jahr des Lateinstudiums und in den beiden folgenden Jahren von denen, die ihn kannten, mit besonderer Bewunderung wahrgenommen wurden. Professor Bonzanino sagte mehrfach, er könne sich nicht erinnern, je einen Schüler gehabt zu haben, der aufmerksamer, fügsamer und respektvoller gewesen sei als der junge Savio. In allem erschien er als Vorbild. In Kleidung und Haartracht war er keineswegs gesucht; doch trotz der Schlichtheit seiner Kleidung und seiner bescheidenen Verhältnisse erschien er sauber, wohlerzogen und höflich, sodass seine Mitschüler aus bürgerlichen und sogar adligen Familien, die diese Schule in großer Zahl besuchten, sehr gern mit Domenico zusammen waren, nicht nur wegen seines Wissens und seiner Frömmigkeit, sondern auch wegen seiner höflichen und angenehmen Umgangsformen. Wenn der Lehrer einen etwas geschwätzigen Schüler bemerkte, setzte er Domenico neben ihn, und dieser bemühte sich geschickt, ihn zum Schweigen, zum Lernen und zur Erfüllung seiner Pflichten zu bewegen.

Im Verlauf dieses Jahres bietet uns Domenicos Leben eine Begebenheit, die etwas Heldenhaftes an sich hat und in seinem jugendlichen Alter kaum glaubhaft erscheint. Sie betrifft zwei seiner Mitschüler, die in einen gefährlichen Streit gerieten. Der Zwist begann mit einigen Worten, mit denen sie gegenseitig ihre Familien beleidigten. Nach weiteren Beschimpfungen sagten sie einander grobe Dinge und forderten sich schließlich heraus, ihre Sache mit Steinwürfen auszutragen. Domenico erfuhr von diesem Streit; aber wie sollte er ihn verhindern, da die beiden Gegner stärker und älter waren als er? Er versuchte, sie zur Aufgabe ihres Vorhabens zu bewegen, und wies beide darauf hin, dass Rache der Vernunft und dem heiligen Gesetz Gottes widerspricht. Er schrieb dem einen wie dem anderen Briefe; er drohte, die Sache dem Lehrer und sogar ihren Eltern mitzuteilen; doch alles vergeblich. Ihre Gemüter waren so erbittert, dass jedes Wort nutzlos blieb. Neben der Gefahr, sich körperlich schwer zu verletzen, lag darin eine große Beleidigung Gottes. Domenico war darüber tief bekümmert; er wollte sich dem Vorhaben widersetzen und wusste nicht wie. Da gab Gott ihm folgenden Gedanken ein. Er wartete nach der Schule auf sie, und als er mit beiden allein sprechen konnte, sagte er: ‚Da ihr bei eurem tierischen Vorhaben bleibt, bitte ich euch wenigstens, eine Bedingung anzunehmen.‘ – ‚Wir nehmen sie an‘, antworteten sie, ‚wenn sie unser Duell nicht verhindert.‘ – ‚Er ist ein Schurke‘, erwiderte sofort der eine; ‚und ich werde keinen Frieden mit ihm haben‘, fügte der andere hinzu, ‚bis entweder er oder ich einen eingeschlagenen Kopf hat.‘ Savio zitterte bei diesem brutalen Wortwechsel; doch in seinem Wunsch, größeres Unheil zu verhindern, blieb er fest und sagte: ‚Die Bedingung, die ich euch stellen werde, verhindert das Duell nicht.‘

Gef. Welche Bedingung ist das?

Sav. Ich möchte sie euch erst an dem Ort sagen, an dem ihr euch mit Steinen messen wollt.

Gef. Du willst uns zum Narren halten oder versuchen, uns irgendein Hindernis in den Weg zu legen.

Sav. Ich werde bei euch sein und euch nicht zum Narren halten; seid unbesorgt.

Gef. Vielleicht willst du jemanden holen gehen.

Sav. Das müsste ich eigentlich tun, aber ich werde es nicht tun. Gehen wir; ich werde bei euch sein. Haltet mir nur euer Wort. Sie versprachen es ihm und gingen zu den sogenannten Wiesen der Zitadelle außerhalb der Porta Susa[7].

So groß war der Hass der beiden Streitenden, dass Savio sie auf dem kurzen Weg dorthin nur mit Mühe davon abhalten konnte, handgreiflich zu werden.

Als sie am vereinbarten Ort angekommen waren, tat Savio etwas, das gewiss niemand erwartet hätte. Er ließ sie in einem gewissen Abstand voneinander Aufstellung nehmen; jeder hielt bereits fünf Steine in der Hand, als Domenico sagte: ‚Bevor ihr euer Duell ausführt, will ich, dass ihr die angenommene Bedingung erfüllt.‘ Dabei zog er das kleine Kruzifix hervor, das er am Hals trug, hielt es in einer Hand und sagte: ‚Ich will, dass jeder von euch auf dieses Kruzifix schaut und dann, während er einen Stein gegen mich wirft, mit lauter Stimme diese Worte spricht: Der unschuldige Jesus Christus starb und vergab seinen Kreuzigern; ich Sünder will ihn beleidigen und feierliche Rache nehmen.‘

Nachdem er dies gesagt hatte, kniete er vor demjenigen nieder, der am wütendsten erschien, und sagte: ‚Wirf den ersten Stein auf mich; schleudere mir einen kräftigen Stein an den Kopf.‘ Dieser hatte einen solchen Vorschlag nicht erwartet und begann zu zittern. ‚Nein‘, sagte er, ‚niemals. Ich habe nichts gegen dich und würde dich verteidigen, wenn jemand dich beleidigen wollte.‘

Als Domenico dies hörte, lief er zum anderen und sagte dieselben Worte. Auch dieser war bestürzt und erklärte zitternd, da er sein Freund sei, werde er ihm niemals etwas Böses antun.

Da richtete sich Domenico auf und sagte mit ernstem und bewegtem Gesicht: ‚Wie? Ihr beide seid bereit, sogar einer schweren Gefahr entgegenzutreten, um mich zu verteidigen, der ich doch nur ein elendes Geschöpf bin; und ihr seid nicht fähig, einander eine Beleidigung und einen Spott zu verzeihen, die euch in der Schule widerfahren sind, um eure Seele zu retten, die das Blut des Erlösers gekostet hat und die ihr durch diese Sünde verlieren wollt?‘ Danach schwieg er und hielt das Kruzifix weiterhin hoch in der Hand.

Von diesem Schauspiel der Nächstenliebe und des Mutes wurden die Gefährten überwunden. „In jenem Augenblick“, versichert einer von ihnen, „war ich tief gerührt; ein Schauer lief mir durch die Glieder, und ich empfand große Scham darüber, einen so guten Freund wie Savio gezwungen zu haben, zu äußersten Mitteln zu greifen, um unser gottloses Vorhaben zu verhindern. Um ihm wenigstens ein Zeichen meines Entgegenkommens zu geben, vergab ich demjenigen, der mich beleidigt hatte, von Herzen und bat Domenico, mir einen geduldigen und liebevollen Priester zu nennen, zu dem ich beichten gehen könne. So wurde ich, nachdem ich erneut sein Freund geworden war, mit dem Herrn versöhnt, den ich durch Hass und Racheverlangen gewiss schwer beleidigt hatte.“

Dieses Beispiel verdient es sehr, von jedem jungen Christen nachgeahmt zu werden, wenn er sieht, dass ein Mitmensch Rache nehmen will oder von anderen auf irgendeine Weise beleidigt oder beschimpft wird.

Was Savios Verhalten und Nächstenliebe in dieser Begebenheit besonders ehrt, ist das Schweigen, in dem er das Geschehene zu bewahren wusste. Alles wäre völlig unbekannt geblieben, wenn nicht diejenigen selbst, die daran beteiligt waren, es wiederholt erzählt hätten.

Der Hin- und Rückweg zur Schule, der für junge Menschen aus den Dörfern, die in die großen Städte kommen, so gefährlich ist, wurde für unseren Domenico zu einer wahren Übung der Tugend. Beständig in der Ausführung der Weisungen seiner Oberen ging er zur Schule und kehrte nach Hause zurück, ohne auch nur einen Blick auf etwas zu werfen oder auf etwas zu hören, was einem christlichen jungen Menschen nicht geziemte. Sah er jemanden stehen bleiben, laufen, herumspringen, Steine werfen oder an unerlaubte Orte gehen, entfernte er sich sogleich von ihm. Eines Tages wurde er sogar eingeladen, ohne Erlaubnis einen Spaziergang zu machen; ein anderes Mal riet man ihm, die Schule auszulassen und sich zu vergnügen, doch er wusste stets mit einer Ablehnung zu antworten. ‚Mein schönstes Vergnügen‘, sagte er zu ihnen, ‚ist die Erfüllung meiner Pflichten; und wenn ihr wahre Freunde seid, müsst ihr mir raten, sie genau zu erfüllen und niemals zu verletzen.‘ Dennoch hatte er das Unglück, einige Gefährten zu haben, die ihn so sehr bedrängten, dass Savio beinahe in ihre Schlingen geriet. Schon war er entschlossen, mit ihnen zu gehen und an diesem Tag die Schule auszulassen. Doch nachdem er ein kurzes Stück Weg zurückgelegt hatte, bemerkte er, dass er einem schlechten Rat folgte, empfand große Reue, rief die schlechten Ratgeber zurück und sagte zu ihnen: ‚Meine Lieben, die Pflicht verlangt von mir, zur Schule zu gehen, und ich will dorthin gehen. Wir tun etwas, das Gott und unseren Oberen missfällt. Ich bereue, was ich getan habe; wenn ihr mir ein anderes Mal ähnliche Ratschläge gebt, werdet ihr aufhören, meine Freunde zu sein.‘

Die jungen Leute nahmen die Ermahnung ihres Freundes an, gingen mit ihm zur Schule und versuchten künftig nicht mehr, ihn von seinen Pflichten abzubringen. Am Ende des Jahres verdiente er sich durch sein gutes Verhalten und seinen beständigen Fleiß im Studium die Versetzung unter den Besten in die höhere Klasse. Zu Beginn des dritten Grammatikjahres schien sich Domenicos Gesundheit jedoch etwas zu verschlechtern; deshalb hielt man es für gut, ihn den Unterricht hier im Haus des Oratoriums privat absolvieren zu lassen, damit man ihm hinsichtlich Ruhe, Studium und Erholung die nötige Rücksicht gewähren konnte.

Im Jahr der Humanitätsklasse oder der ersten Rhetorik, als seine Gesundheit besser zu sein schien, wurde er zu dem verdienstvollen Professor Don Matteo Picco geschickt. Dieser hatte schon mehrfach von den schönen Eigenschaften gehört, die Savio auszeichneten, und nahm ihn daher gern und unentgeltlich in seine Schule auf, die zu den besten anerkannten Schulen unserer Stadt zählte.

Zahlreich sind die erbaulichen Dinge, die Savio im Jahr der dritten Grammatik und der ersten Rhetorik sagte oder tat; wir werden sie nach und nach darlegen, wenn wir die Begebenheiten erzählen, mit denen sie verbunden sind.

 

 

KAPITEL X. Sein Entschluss, heilig zu werden

 

Nachdem wir so kurz auf seine Studien in den Lateinklassen hingewiesen haben, wollen wir nun von seinem großen Entschluss sprechen, heilig zu werden.

Savio lebte seit sechs Monaten im Oratorium, als dort eine Predigt darüber gehalten wurde, wie leicht es sei, heilig zu werden. Der Prediger entfaltete besonders drei Gedanken, die auf Domenicos Gemüt tiefen Eindruck machten: Es ist Gottes Wille, dass wir alle heilig werden; es ist sehr leicht, dies zu erreichen; und im Himmel ist ein großer Lohn für den bereitet, der heilig wird. Diese Predigt war für Domenico wie ein Funke, der sein Herz mit Gottesliebe entzündete. Einige Tage sagte er nichts, war aber weniger fröhlich als gewöhnlich, sodass seine Gefährten es bemerkten und auch ich darauf aufmerksam wurde. Da ich meinte, dies komme von einer neuen gesundheitlichen Beschwerde, fragte ich ihn, ob ihm etwas fehle. ‚Im Gegenteil‘, antwortete er, ‚mir geht es in gewisser Weise gut.‘ – ‚Was willst du damit sagen?‘ – ‚Ich will sagen, dass ich in mir ein Verlangen und ein Bedürfnis spüre, heilig zu werden. Ich hatte nicht gedacht, dass man so leicht heilig werden könne; nun aber, da ich verstanden habe, dass dies auch möglich ist, wenn man fröhlich bleibt, will ich unbedingt und muss ich unbedingt heilig werden. Sagen Sie mir also, wie ich mich verhalten soll, um dieses Unternehmen zu beginnen.‘

Ich lobte seinen Vorsatz, ermahnte ihn aber, sich nicht zu beunruhigen, weil man in seelischer Erregung die Stimme des Herrn nicht erkenne. Vor allem wollte ich eine beständige und maßvolle Fröhlichkeit; ich riet ihm, in der Erfüllung seiner religiösen und schulischen Pflichten beharrlich zu sein, und empfahl ihm, immer auch an der Erholung mit seinen Gefährten teilzunehmen.

Eines Tages sagte ich ihm, ich wolle ihm ein Geschenk nach seinem Geschmack machen, doch solle er selbst auswählen. ‚Das Geschenk, um das ich bitte‘, erwiderte er sogleich, ‚ist, dass Sie mich heilig machen. Ich will mich ganz dem Herrn hingeben, für immer dem Herrn; ich spüre ein Bedürfnis, heilig zu werden, und wenn ich nicht heilig werde, tue ich nichts. Gott will mich heilig, und ich muss es werden.‘

Bei einer Gelegenheit wollte der Direktor den jungen Menschen des Hauses ein besonderes Zeichen seiner Zuneigung geben und erlaubte ihnen, auf einem Zettel um alles zu bitten, was ihm möglich sei, mit dem Versprechen, es zu gewähren. Man kann sich leicht vorstellen, welche lächerlichen und ausgefallenen Wünsche der eine und der andere äußerte. Savio nahm ein Stück Papier und schrieb nur diese Worte: ‚Ich bitte Sie, meine Seele zu retten und mich heilig zu machen.‘

Eines Tages wurden einige Wörter nach ihrer Etymologie erklärt. ‚Und Domenico‘, fragte jemand, ‚was bedeutet das?‘ Man antwortete: ‚Domenico bedeutet: dem Herrn gehörend.‘ – ‚Sehen Sie‘, fügte er sogleich hinzu, ‚ob ich nicht recht habe, Sie zu bitten, mich heilig zu machen: Schon mein Name sagt, dass ich dem Herrn gehöre. Also muss und will ich ganz dem Herrn gehören; ich will heilig werden und werde unglücklich sein, solange ich nicht heilig bin.‘

Der Drang, den er zeigte, heilig werden zu wollen, rührte nicht daher, dass er kein wirklich heiligmäßiges Leben geführt hätte. Vielmehr sagte er dies, weil er strenge Bußübungen auf sich nehmen und lange Stunden im Gebet verbringen wollte; der Direktor verbot ihm jedoch solche Dinge, weil sie mit seinem Alter, seiner Gesundheit und seinen Beschäftigungen nicht vereinbar waren.

 

 

KAPITEL XI. Sein Eifer für das Heil der Seelen

 

Das Erste, was man ihm als Weg zur Heiligkeit empfahl, war, sich darum zu bemühen, Seelen für Gott zu gewinnen; denn nichts ist auf Erden heiliger, als am Heil der Seelen mitzuwirken, für deren Rettung Jesus Christus bis zum letzten Tropfen sein kostbares Blut vergossen hat. Domenico erkannte die Bedeutung dieser Übung, und man hörte ihn mehrmals sagen: ‚Wenn ich alle meine Gefährten für Gott gewinnen könnte, wie glücklich wäre ich!‘ Unterdessen ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, einen guten Rat zu geben oder jemanden zu ermahnen, der etwas gesagt oder getan hatte, das dem heiligen Gesetz Gottes widersprach.

Was ihm großen Abscheu verursachte und seiner Gesundheit nicht wenig schadete, war die Gotteslästerung oder das unnütze Aussprechen des heiligen Namens Gottes. Wenn er auf den Straßen der Stadt oder anderswo je derartige Worte hörte, senkte er sogleich betrübt den Kopf und sagte aus frommem Herzen: ‚Gelobt sei Jesus Christus.‘

Als er eines Tages über einen Platz der Stadt ging, sah ein Gefährte, wie er den Hut abnahm und leise einige Worte sprach. ‚Was tust du?‘ fragte er ihn. ‚Was sagst du?‘ – ‚Hast du es nicht gehört?‘ antwortete Domenico. ‚Jener Fuhrmann hat den heiligen Namen Gottes unnütz ausgesprochen. Wenn ich geglaubt hätte, dass es nützt, wäre ich hingelaufen, um ihn zu bitten, es nie mehr zu tun; aber aus Furcht, er könnte noch Schlimmeres sagen, beschränke ich mich darauf, den Hut abzunehmen und zu sagen: Gelobt sei Jesus Christus.‘ Und dies tat er in der Absicht, die Beleidigung des heiligen Namens des Herrn wenigstens ein wenig zu sühnen.

Der Gefährte bewunderte Domenicos Verhalten und seinen Mut und erzählt diese Begebenheit noch heute gern zu Ehren seines Freundes und zur Erbauung seiner Gefährten.

Als er einmal von der Schule zurückkehrte, hörte er einen schon etwas älteren Mann eine schreckliche Gotteslästerung ausstoßen. Unser Domenico zitterte, als er sie hörte; in seinem Herzen lobte er Gott und tat dann etwas gewiss Bewundernswertes. Mit größter Höflichkeit lief er zu dem unbedachten Gotteslästerer und fragte ihn, ob er ihm den Weg zum Oratorium des heiligen Franz von Sales zeigen könne. Angesichts dieser geradezu himmlischen Freundlichkeit legte der Mann seine schroffe Art ab und sagte: ‚Ich weiß es nicht, lieber Junge, es tut mir leid.‘

– Oh! Wenn Sie das nicht wissen, könnten Sie mir einen anderen Gefallen tun.

– Sag nur, gern.

Domenico trat so nahe wie möglich an sein Ohr und sagte leise, damit andere es nicht verstanden: ‚Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie in Ihrem Zorn andere Worte gebrauchten, ohne den heiligen Namen Gottes zu lästern.‘

– Bravo – sagte der andere, voll Staunen und Bewunderung. – Gut, du hast recht: Das ist ein verfluchtes Laster, das ich um jeden Preis überwinden will.

Eines Tages geschah es, dass ein vielleicht neunjähriger Knabe in der Nähe der Haustür mit einem Gefährten in Streit geriet und dabei den anbetungswürdigen Namen Jesu Christi aussprach. Bei diesem Wort empfand Domenico zwar gerechten Unwillen in seinem Herzen, doch mit ruhigem Gemüt trat er zwischen die beiden Streitenden und brachte sie zur Ruhe. Dann sagte er zu demjenigen, der den Namen Gottes unnütz ausgesprochen hatte: ‚Komm mit mir, und du wirst zufrieden sein.‘ Seine freundliche Art bewog den Knaben, mitzugehen. Er nahm ihn bei der Hand, führte ihn in die Kirche vor den Altar und ließ ihn dann neben sich niederknien. Dabei sagte er: ‚Bitte den Herrn um Verzeihung für die Beleidigung, die du ihm zugefügt hast, indem du seinen Namen unnütz ausgesprochen hast.‘ Da der Junge den Reueakt nicht kannte, betete Domenico ihn mit ihm. Danach fügte er hinzu:

– Sprich mit mir diese Worte, um die Beleidigung Jesu Christi wiedergutzumachen: Gelobt sei Jesus Christus, und sein heiliger und anbetungswürdiger Name sei immerdar gelobt.

Mit Vorliebe las er das Leben jener Heiligen, die in besonderer Weise für das Heil der Seelen gearbeitet hatten. Gern sprach er von den Missionaren, die sich in fernen Ländern so sehr für das Wohl der Seelen abmühen. Da er ihnen keine materiellen Hilfen schicken konnte, brachte er dem Herrn jeden Tag ein Gebet für sie dar und empfing wenigstens einmal in der Woche für sie die heilige Kommunion.

Mehrmals hörte ich ihn ausrufen: ‚Wie viele Seelen warten in England auf unsere Hilfe! Oh, wenn ich Kraft und Tugend hätte, wollte ich sofort dorthin gehen und sie durch Predigten und gutes Beispiel alle für den Herrn gewinnen.‘ Oft beklagte er bei sich selbst und im Gespräch mit seinen Gefährten, wie wenig Eifer viele dafür hätten, die Kinder in den Wahrheiten des Glaubens zu unterweisen. ‚Sobald ich Kleriker bin‘, sagte er, ‚will ich nach Mondonio gehen; ich will alle Kinder unter einem Vordach versammeln, ihnen Katechismusunterricht geben, viele Beispiele erzählen und sie alle heilig machen. Wie viele arme Kinder gehen vielleicht verloren, weil niemand sie im Glauben unterrichtet!‘ Was er mit Worten sagte, bestätigte er durch Taten. Soweit es sein Alter und seine Kenntnisse erlaubten, erteilte er gern Katechismusunterricht in der Kirche des Oratoriums; wenn jemand Hilfe brauchte, unterrichtete er ihn zu jeder Tageszeit und an jedem Wochentag in der Schule oder im Katechismus, einzig mit dem Ziel, über geistliche Dinge sprechen zu können und die Bedeutung des Heils der Seele erkennen zu lassen.

Eines Tages wollte ein unbesonnener Gefährte ihn unterbrechen, während er in der Erholungszeit ein Beispiel erzählte. ‚Was hast du von diesen Dingen?‘ fragte er. ‚Was ich davon habe?‘ antwortete Domenico. ‚Ich habe davon, dass die Seele meiner Gefährten mit dem Blut Jesu Christi erlöst ist; ich habe davon, dass wir alle Brüder sind und deshalb gegenseitig unsere Seelen lieben müssen; ich habe davon, dass Gott uns aufträgt, einander zu helfen, das Heil zu erlangen; ich habe davon, dass ich, wenn es mir gelingt, eine Seele zu retten, auch das Heil meiner eigenen sicherer mache.‘

Auch während der kurzen Ferien, die Domenico im Elternhaus verbrachte, ließ diese Sorge um das Heil der Seelen nicht nach. Jedes Bildchen, jede Medaille, jedes Kruzifix, jedes Büchlein oder andere Ding, das er in der Schule oder im Katechismus erhalten hatte, legte er beiseite, um es in den Ferien zu verwenden. Vor seiner Abreise aus dem Oratorium bat er seine Oberen sogar gewöhnlich eigens darum, ihm solche Dinge mitzugeben, damit, wie er sagte, seine Freunde bei der Erholung Freude daran hätten.

Kaum war er in der Heimat angekommen, sah man ihn bald von Kindern seines Alters, jüngeren und auch älteren umgeben, die wirkliche Freude daran hatten, mit ihm zusammen zu sein. Indem er seine kleinen Geschenke im rechten Augenblick verteilte, regte er sie dazu an, aufmerksam auf die Fragen zu antworten, die er ihnen bald über den Katechismus, bald über ihre Pflichten stellte.

Mit diesen freundlichen Mitteln gelang es ihm, mehrere mit sich zum Katechismus, zum Gebet, zur Messe und zu anderen Übungen der Frömmigkeit zu führen.

Ich weiß zuverlässig, dass er nicht wenig Zeit darauf verwandte, einen Gefährten zu unterweisen. ‚Wenn du es schaffst‘, sagte er zu ihm, ‚das Zeichen des heiligen Kreuzes richtig zu machen, schenke ich dir eine Medaille; danach werde ich dich einem Priester empfehlen, der dir ein schönes Buch schenken soll. Aber ich möchte, dass du es wirklich gut machst: Während du die Worte mit dem Mund sprichst, soll die rechte Hand von der Stirn zur Brust gehen, dann richtig die linke Schulter und danach die rechte berühren und schließlich sollen die Hände beim „Amen“ wirklich gefaltet werden.‘ Er wünschte sehr, dass dieses Zeichen unserer Erlösung richtig gemacht werde, und machte es selbst mehrmals in ihrer Gegenwart, wobei er die anderen einlud, dasselbe zu tun.

Neben der Genauigkeit, mit der er selbst die kleinsten Pflichten erfüllte, kümmerte er sich um zwei jüngere Brüder. Er brachte ihnen Lesen und Schreiben bei, ließ sie den Katechismus aufsagen und stand ihnen beim Morgen- und Abendgebet bei. Er führte sie in die Kirche, reichte ihnen das Weihwasser und zeigte ihnen die richtige Weise, das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen. Die Zeit, die er sonst mit Spielen hier und dort verbracht hätte, verwendete er darauf, seinen Angehörigen oder anderen Gefährten, die ihm zuhören wollten, erbauliche Beispiele zu erzählen. Auch in der Heimat pflegte er jeden Tag das Allerheiligste Sakrament zu besuchen; und es war für ihn ein wirklicher Gewinn, wenn er einen Gefährten dazu bewegen konnte, ihn dabei zu begleiten. Man kann daher sagen, dass sich ihm keine Gelegenheit bot, ein gutes Werk zu tun oder einen guten Rat zum Heil einer Seele zu geben, die er ungenutzt hätte verstreichen lassen.

 

 

KAPITEL XII. Begebenheiten und schöne Formen seines Umgangs mit den Gefährten

 

Der Gedanke, Seelen für Gott zu gewinnen, begleitete ihn überall. In der freien Zeit war er die Seele der Erholung; doch was er sagte oder tat, zielte immer auf das sittliche Wohl seiner selbst oder anderer. Er behielt jene guten Erziehungsgrundsätze stets im Sinn, andere nicht zu unterbrechen, wenn sie sprachen. Wenn die Gefährten aber schwiegen, brachte er sofort Fragen aus Schule, Geschichte oder Arithmetik vor und hatte stets tausend kleine Geschichten zur Hand, die seine Gesellschaft angenehm machten. Wenn jemand das Gespräch auf Klatsch oder Ähnliches brachte, unterbrach er ihn und erzählte einen Scherz, eine Fabel oder etwas anderes, um die anderen zum Lachen zu bringen; so lenkte er das Gespräch vom Klatsch ab und verhinderte unter seinen Gefährten eine Beleidigung Gottes.

Sein fröhliches Wesen und sein lebhafter Charakter machten ihn auch jenen Gefährten lieb, die weniger zur Frömmigkeit neigten. Jeder freute sich, mit ihm zusammen sein zu können, und nahm die Ermahnungen gut auf, die er von Zeit zu Zeit gab.

Eines Tages wollte sich ein Gefährte verkleiden, und Domenico war dagegen. ‚Wärst du zufrieden‘, fragte er ihn, ‚wirklich das zu werden, als was du dich verkleiden willst: mit zwei Hörnern auf der Stirn, einer eine Spanne langen Nase und dem Gewand eines Possenreißers?‘ – ‚Niemals‘, antwortete der andere. – ‚Nun‘, fügte Domenico hinzu, ‚wenn du ein solches Aussehen nicht haben möchtest, warum willst du dann so erscheinen und die schönen Züge entstellen, die Gott dir gegeben hat?‘

Einmal während der Erholung geschah es, dass ein Mann zwischen die spielenden jungen Menschen trat, sich an einen von ihnen wandte und mit so lauter Stimme zu reden begann, dass alle Umstehenden ihn hören konnten. Der Schlaue wollte sie zunächst an sich ziehen und erzählte seltsame Dinge, um sie zum Lachen zu bringen. Von Neugier getrieben drängten sich die Jungen bald um ihn und hingen aufmerksam an seinen Lippen. Als er sich so umringt sah, brachte er das Gespräch auf religiöse Dinge und äußerte, wie solche Leute es zu tun pflegen, erschreckende Torheiten, machte die heiligsten Dinge lächerlich und setzte alle Geistlichen herab. Einige Zuhörer konnten solche Gottlosigkeiten nicht ertragen und wagten doch keinen Widerspruch; sie zogen sich daher zurück. Eine ganze Anzahl hörte unvorsichtigerweise weiter zu. Da kam zufällig Savio hinzu. Sobald er begriffen hatte, welcher Art diese Rede war, überwand er jede Menschenfurcht und wandte sich sofort an seine Gefährten: ‚Gehen wir fort‘, sagte er, ‚lassen wir diesen Unglücklichen allein; er will uns die Seele rauben.‘ Die jungen Menschen gehorchten der Stimme eines so liebenswürdigen und tugendhaften Gefährten und entfernten sich alle rasch von diesem Gesandten des Teufels. Als dieser sah, dass ihn alle verlassen hatten, ging er fort und ließ sich dort nicht mehr sehen.

Ein anderes Mal wollten einige baden gehen. Wenn dies schon anderswo gefährlich ist, so ist es in der Umgebung von Turin noch viel mehr, wo – ganz abgesehen von den Gefahren für die Sittlichkeit – die Gewässer so tief und reißend sind, dass junge Menschen beim Schwimmen häufig zu beklagenswerten Opfern werden. Domenico bemerkte es und versuchte, sie bei sich zu halten, indem er bald diese, bald jene Neuigkeit erzählte. Als er aber sah, dass sie fest entschlossen waren, unbedingt zu gehen, begann er entschieden zu sprechen: ‚Nein‘, sagte er, ‚ich will nicht, dass ihr geht.‘

– Wir tun doch nichts Böses.

– Ihr seid euren Oberen ungehorsam, setzt euch der Gefahr aus, Ärgernis zu geben oder zu empfangen und im Wasser ums Leben zu kommen – und das soll nichts Böses sein?

– Aber uns ist so heiß, dass wir es nicht mehr aushalten.

– Wenn ihr die Hitze dieser Welt nicht mehr ertragen könnt, wie wollt ihr dann die schreckliche Hitze der Hölle ertragen, die ihr euch damit verdient?

Von diesen Worten bewegt änderten sie ihren Entschluss, blieben bei ihm zur Erholung und gingen zur vorgesehenen Zeit in die Kirche, um an den heiligen Feiern teilzunehmen.

Einige andere junge Menschen des Oratoriums, denen das Wohl ihrer Gefährten am Herzen lag, schlossen sich zu einer Art Vereinigung zusammen, um sich der Besserung der Ungezogenen zu widmen. Savio gehörte dazu und war einer der eifrigsten. Hatte er ein Bonbon, eine Frucht, ein Kreuz, ein Bildchen oder Ähnliches, hob er es für diesen Zweck auf. ‚Wer will es? Wer will es?‘ rief er. ‚Ich! Ich!‘ riefen alle und liefen auf ihn zu. ‚Langsam‘, sagte er, ‚ich gebe es dem, der mir am besten auf eine Katechismusfrage antwortet.‘ Dabei fragte er gerade die ungezogensten; sobald sie einigermaßen zufriedenstellend antworteten, machte er ihnen das kleine Geschenk.

Andere gewann er auf andere Weise: Er nahm sie mit, lud sie ein, mit ihm spazieren zu gehen, brachte sie zum Reden und spielte, wenn nötig, mit ihnen. Man sah ihn bisweilen mit einem großen Stock auf der Schulter – wie Herkules mit der Keule – beim Spiel „Rana“, im Volksmund „Cirimella“, und scheinbar völlig in dieses Spiel vertieft. Doch plötzlich unterbrach er die Partie und sagte zum Gefährten: ‚Willst du am Samstag mit mir zur Beichte gehen?‘ Wegen der zeitlichen Entfernung bis Samstag, um das Spiel fortsetzen zu können und auch um ihm eine Freude zu machen, antwortete der andere mit Ja. Domenico war damit zufrieden und setzte das Spiel fort. Aber er verlor ihn nicht mehr aus den Augen: Jeden Tag erinnerte er ihn aus irgendeinem Anlass an dieses Ja und gab ihm Hinweise, wie man gut beichtet. Kam der Samstag, begleitete er ihn wie ein Jäger, der gute Beute gemacht hat, in die Kirche, ging ihm gewöhnlich bei der Beichte voraus, verständigte oft schon vorher den Beichtvater und blieb danach mit ihm zur Danksagung. Diese Begebenheiten, die häufig vorkamen, bereiteten ihm den größten Trost und brachten seinen Gefährten großen Nutzen; denn nicht selten geschah es, dass jemand aus einer in der Kirche gehörten Predigt keinen Nutzen zog, sich aber Domenicos frommen Einladungen ergab.

Manchmal schmeichelte ihm jemand die ganze Woche hindurch Hoffnungen und ließ sich dann am Samstag zur Beichtzeit nicht mehr sehen. Sobald Domenico ihn wieder traf, sagte er halb im Scherz: ‚He, du Schelm! Du hast mich hereingelegt.‘ – ‚Aber sieh‘, sagte der andere, ‚ich war nicht bereit, ich fühlte mich nicht …‘ – ‚Armer Kerl‘, erwiderte Domenico, ‚du hast dem Teufel nachgegeben, der sehr wohl bereit war, dich zu empfangen; jetzt aber bist du noch weniger bereit, ja ich sehe dich ganz schlechter Laune. Komm, versuch es: Geh beichten, streng dich an und bemühe dich, gut zu beichten; dann wirst du sehen, mit wie viel Freude dein Herz erfüllt sein wird.‘ Nachdem jener gebeichtet hatte, ging er gewöhnlich sogleich mit freudigem Herzen zu Domenico: ‚Es stimmt‘, sagte er, ‚ich bin wirklich zufrieden; künftig will ich häufiger beichten gehen.‘

In Gemeinschaften junger Menschen gibt es gewöhnlich einige, die – weil sie etwas unbeholfen, unwissend, weniger erzogen oder von irgendeinem Kummer bedrückt sind – von ihren Gefährten meist beiseitegelassen werden. Gerade diese tragen die Last der Verlassenheit, obwohl sie den Trost eines Freundes am dringendsten bräuchten.

Diese waren Domenicos Freunde. Er ging auf sie zu, erheiterte sie durch ein gutes Gespräch und gab ihnen gute Ratschläge. So geschah es häufig, dass junge Menschen, die entschlossen waren, sich dem schlechten Verhalten hinzugeben, durch Savios liebevolle Worte ermutigt wieder zu guten Gesinnungen zurückkehrten.

Aus diesem Grund baten alle, die gesundheitliche Beschwerden hatten, Domenico, sie zu pflegen; und wer Sorgen hatte, fand Trost, wenn er sie ihm anvertraute. Auf diese Weise stand ihm der Weg offen, fortwährend Nächstenliebe zu üben und sein Verdienst vor Gott zu vermehren.

 

 

KAPITEL XIII. Sein Geist des Gebetes – Verehrung der Mutter Gottes – Der Marienmonat

 

Unter den Gaben, mit denen Gott ihn bereichert hatte, ragte besonders sein Eifer im Gebet hervor. Sein Geist war so sehr an den Umgang mit Gott gewöhnt, dass er an jedem Ort, selbst mitten im lautesten Treiben, seine Gedanken sammelte und mit frommen Regungen das Herz zu Gott erhob.

Wenn er mit den anderen gemeinsam betete, erschien er wahrhaft wie ein kleiner Engel: unbeweglich, in der ganzen Haltung andächtig gesammelt, ohne sich irgendwo anzulehnen außer auf seine Knie, mit heiterem Gesicht, leicht geneigtem Kopf und niedergeschlagenen Augen; man hätte ihn für einen zweiten heiligen Aloisius halten können.

Es genügte, ihn zu sehen, um davon erbaut zu werden. Im Jahr 1854 wurde Graf Cays zum Prior der im Oratorium errichteten Gesellschaft des heiligen Aloisius gewählt. Als er zum ersten Mal an unseren Feiern teilnahm, sah er einen jungen Menschen in so andächtiger Haltung beten, dass er voller Staunen war. Nach den heiligen Feiern wollte er sich erkundigen, wer jener Knabe sei, der Gegenstand seiner Bewunderung gewesen war: Es war Domenico Savio.

Selbst seine Erholungszeit war fast immer geteilt: Einen Teil verbrachte er meist mit frommer Lektüre oder mit einem Gebet, das er mit einigen Gefährten in der Kirche für die Seelen im Fegefeuer oder zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria verrichtete.

Domenicos Verehrung für die Mutter Gottes war sehr groß. Ihr zu Ehren nahm er jeden Tag irgendeine Abtötung auf sich. Er blickte Personen des anderen Geschlechts niemals ins Gesicht; auf dem Weg zur Schule hob er nie die Augen. Bisweilen kam er an öffentlichen Schaustellungen vorbei, die seine Gefährten mit solcher Begierde betrachteten, dass sie kaum noch wussten, wo sie sich befanden. Fragte man Savio, ob ihm jene Schaustellungen gefallen hätten, antwortete er, er habe nichts gesehen. Darüber wurde ein Gefährte einmal beinahe ärgerlich und tadelte ihn: ‚Wozu willst du denn deine Augen haben, wenn du sie nicht benutzt, um diese Dinge anzuschauen?‘ – ‚Ich will sie gebrauchen‘, antwortete er, ‚um das Angesicht unserer himmlischen Mutter Maria zu schauen, wenn ich sie – sofern ich mit Gottes Hilfe dessen würdig werde – im Paradies besuchen werde.‘

Er hatte eine besondere Verehrung für das Unbefleckte Herz Mariens. Jedes Mal, wenn er in die Kirche kam, ging er vor ihren Altar und bat sie um die Gnade, sein Herz stets von jeder unreinen Neigung frei zu bewahren. ‚Maria‘, sagte er, ‚ich will immer Euer Sohn sein; erwirkt mir, lieber zu sterben, als eine Sünde gegen die Tugend der Reinheit zu begehen.‘

Jeden Freitag wählte er außerdem einen Teil der Erholungszeit und ging mit einigen Gefährten in die Kirche, um den Rosenkranz von den sieben Schmerzen Mariens oder wenigstens die Litanei zur Schmerzensmutter zu beten.

Er war nicht nur selbst ein Verehrer der allerseligsten Jungfrau Maria, sondern freute sich sehr, wenn er jemand anderen zu Übungen der Marienfrömmigkeit führen konnte. An einem Samstag hatte er einen Gefährten eingeladen, mit ihm in die Kirche zu gehen und die Vesper der seligen Jungfrau zu beten. Dieser ging nur ungern darauf ein und führte an, er habe kalte Hände. Domenico zog seine Handschuhe aus und gab sie ihm; so gingen beide in die Kirche. Ein anderes Mal nahm er den kleinen Mantel von seinen Schultern und lieh ihn einem anderen, damit dieser gern mit ihm in die Kirche zum Gebet ging. Wer könnte angesichts solcher Akte großherziger Frömmigkeit ohne Bewunderung bleiben?

Zu keiner Zeit erschien Domenico glühender in der Verehrung unserer himmlischen Beschützerin Maria als im Monat Mai. Er verabredete sich mit anderen, an jedem Tag dieses Monats zusätzlich zu den öffentlichen Feiern in der Kirche eine besondere Übung zu verrichten. Er bereitete eine Reihe erbaulicher Beispiele vor, die er mit großer Freude erzählte, um andere zur Marienverehrung anzuregen. In der Erholungszeit sprach er oft darüber und ermunterte alle, besonders in diesem Monat zu beichten und häufig die heilige Kommunion zu empfangen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und trat jeden Tag mit einer Sammlung an den eucharistischen Tisch, wie man sie sich größer nicht wünschen könnte.

Eine bemerkenswerte Begebenheit zeigt die Zartheit seines Herzens in der Marienverehrung. Die Schüler des Schlafsaals, in dem er schlief, beschlossen, auf eigene Kosten einen geschmackvollen kleinen Altar zu errichten, um den Abschluss des Marienmonats feierlich zu begehen. Domenico war in dieser Angelegenheit ganz beschäftigt; als es aber um den Anteil ging, den jeder bezahlen sollte, rief er: ‚Ach weh! Jetzt sind wir schön dran! Für solche Dinge braucht man Geld, und ich habe keinen Pfennig in der Tasche. Aber ich will um jeden Preis etwas beitragen.‘ Er ging, nahm ein Buch, das er als Preis erhalten hatte, bat den Oberen um Erlaubnis und kehrte voller Freude zurück: ‚Gefährten, nun kann auch ich etwas zur Ehre Mariens beitragen. Nehmt dieses Buch und erzielt daraus den Nutzen, den ihr könnt; das ist meine Gabe.‘

Beim Anblick dieses freiwilligen und so großherzigen Opfers waren seine Gefährten gerührt und wollten ebenfalls Bücher und andere Gegenstände anbieten. Daraus veranstalteten sie eine kleine Lotterie, deren Erlös reichlich ausreichte, die notwendigen Ausgaben zu decken.

Als der Altar fertig war, wollten die jungen Menschen ihr Fest mit größtmöglicher Feierlichkeit begehen. Jeder bemühte sich sehr darum; da die Ausschmückung aber noch nicht ganz vollendet werden konnte, musste in der Nacht vor dem Fest weitergearbeitet werden. ‚Ich‘, sagte Savio, ‚ich werde gern die Nacht hindurch arbeiten.‘ Seine Gefährten zwangen ihn jedoch, zu Bett zu gehen, weil er kurz zuvor krank gewesen war. Er wollte sich nicht fügen und ging nur aus Gehorsam schlafen. ‚Wenigstens‘, sagte er zu einem Gefährten, ‚komm und weck mich sofort, sobald alles fertig ist, damit ich zu den Ersten gehöre, die den zu Ehren unserer lieben Mutter geschmückten Altar sehen.‘

 

 

KAPITEL XIV. Sein häufiger Empfang der heiligen Sakramente der Beichte und der Kommunion

 

Die Erfahrung bestätigt, dass die wirksamsten Stützen der Jugend die Sakramente der Beichte und der Kommunion sind. Gebt mir einen jungen Menschen, der diese Sakramente häufig empfängt: Ihr werdet sehen, wie er in der Jugend heranwächst, das Mannesalter erreicht und, wenn es Gott so gefällt, bis ins hohe Alter eine Lebensführung bewahrt, die allen, die ihn kennen, zum Beispiel dient. Mögen die jungen Menschen diesen Grundsatz verstehen, um ihn zu befolgen; und mögen alle, die sich ihrer Erziehung widmen, ihn verstehen, um ihn ihnen nahezubringen.

Bevor Savio im Oratorium zu wohnen begann, empfing er diese beiden Sakramente nach dem Brauch der Schulen einmal im Monat. Danach tat er es sehr viel häufiger. Eines Tages hörte er von der Kanzel folgenden Grundsatz: ‚Junge Menschen, wenn ihr auf dem Weg zum Himmel ausharren wollt, werden euch drei Dinge empfohlen: Geht häufig zum Sakrament der Beichte, empfangt oft die heilige Kommunion, wählt euch einen Beichtvater, dem ihr euer Herz zu öffnen wagt, und wechselt ihn nicht ohne Notwendigkeit.‘ Domenico verstand die Bedeutung dieser Ratschläge.

Er wählte sich einen Beichtvater, bei dem er regelmäßig während der ganzen Zeit blieb, die er bei uns verbrachte. Damit dieser sich ein richtiges Urteil über sein Gewissen bilden konnte, wollte er, wie gesagt, eine Generalbeichte ablegen. Zuerst beichtete er alle vierzehn Tage, dann alle acht Tage und empfing ebenso häufig die Kommunion. Als der Beichtvater den großen Fortschritt bemerkte, den er im geistlichen Leben machte, riet er ihm, dreimal in der Woche zu kommunizieren; innerhalb eines Jahres gestattete er ihm sogar die tägliche Kommunion.

Eine Zeit lang wurde er von Skrupeln geplagt; deshalb wollte er alle vier Tage oder noch öfter beichten. Sein geistlicher Leiter erlaubte dies jedoch nicht und hielt ihn im Gehorsam bei der wöchentlichen Beichte.

Zu ihm hatte er unbegrenztes Vertrauen. Auch außerhalb der Beichte sprach er mit ihm in aller Einfachheit über Gewissensfragen. Jemand hatte ihm geraten, bisweilen den Beichtvater zu wechseln, doch er wollte sich niemals dazu bewegen lassen. ‚Der Beichtvater‘, sagte er, ‚ist der Arzt der Seele; und man wechselt gewöhnlich den Arzt nur, wenn man ihm nicht mehr vertraut oder wenn die Krankheit fast hoffnungslos ist. Bei mir liegt weder das eine noch das andere vor. Ich habe volles Vertrauen zu meinem Beichtvater, der sich mit väterlicher Güte und Sorgfalt um das Wohl meiner Seele bemüht; und ich sehe in mir kein Übel, das er nicht heilen könnte.‘ Dennoch riet ihm sein gewöhnlicher geistlicher Leiter, den Beichtvater gelegentlich zu wechseln, besonders bei Exerzitien; und er gehorchte bereitwillig, ohne Schwierigkeiten zu machen.

Savio freute sich über seine Lage. ‚Wenn ich irgendeine Sorge im Herzen habe‘, sagte er, ‚gehe ich zum Beichtvater, der mir nach dem Willen Gottes Rat gibt; denn Jesus Christus hat gesagt, dass die Stimme des Beichtvaters für uns gleichsam die Stimme Gottes ist. Wenn ich dann etwas Großes wünsche, gehe ich, um die heilige Hostie zu empfangen, in der sich corpus quod pro nobis traditum est befindet, das heißt derselbe Leib, dasselbe Blut, dieselbe Seele und Gottheit, die Jesus Christus für uns am Kreuz seinem ewigen Vater dargebracht hat. Was fehlt mir, um glücklich zu sein? Nichts in dieser Welt. Mir fehlt nur noch, im Himmel unverhüllt den genießen zu können, den ich jetzt mit dem Auge des Glaubens auf dem Altar schaue und anbete.‘

Mit solchen Gedanken verbrachte Domenico wahrhaft glückliche Tage. Daher kamen jene Heiterkeit und jene himmlische Freude, die in all seinem Tun hervorleuchteten. Man darf jedoch nicht meinen, er habe die Bedeutung dessen, was er tat, nicht verstanden oder nicht jene christliche Lebensweise geführt, die sich für jemanden ziemt, der häufig kommunizieren möchte. Sein Verhalten war vielmehr in jeder Hinsicht untadelig. Ich bat seine Gefährten, mir zu sagen, ob sie in den drei Jahren, die er bei uns lebte, an Savio irgendeinen Fehler bemerkt hätten, den man hätte verbessern müssen, oder irgendeine Tugend, die man ihm hätte empfehlen können; doch alle versicherten übereinstimmend, an ihm niemals etwas gefunden zu haben, das einer Zurechtweisung bedurft hätte, und sie hätten auch keine Tugend nennen können, die ihm noch hinzuzufügen gewesen wäre.

Seine Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Eucharistie war fromm und erbaulich. Am Abend vor der Kommunion sprach er vor dem Schlafengehen ein Gebet zu diesem Zweck und schloss stets mit den Worten: ‚Gelobt und gepriesen sei in jedem Augenblick das allerheiligste und göttlichste Sakrament.‘ Am Morgen bereitete er sich genügend vor; seine Danksagung hingegen kannte keine Grenze. Wenn er nicht gerufen wurde, vergaß er meistens das Frühstück, die Erholung und manchmal sogar die Schule und blieb im Gebet, oder besser gesagt in der Betrachtung der göttlichen Güte, die den Menschen auf unaussprechliche Weise die Schätze ihrer unendlichen Barmherzigkeit mitteilt.

Es war für ihn eine wahre Freude, einige Zeit vor Jesus im Sakrament verbringen zu können. Wenigstens einmal am Tag besuchte er ihn ohne Ausnahme und lud andere ein, ihn zu begleiten. Sein Lieblingsgebet war ein Kränzchengebet[8] zum Heiligsten Herzen Jesu, um die Beleidigungen zu sühnen, die es von Häretikern, Ungläubigen und schlechten Christen empfängt.

Damit seine Kommunionen fruchtbarer würden und ihm zugleich jeder Tag einen neuen Antrieb gäbe, sie mit Eifer zu empfangen, setzte er sich für jeden Tag eine besondere Meinung.

So verteilte er seine Kommunionen über die Woche:

 

Sonntag. Zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Montag. Für meine geistlichen und zeitlichen Wohltäter.

Dienstag. Zu Ehren des heiligen Dominikus und meines Schutzengels.

Mittwoch. Zur Schmerzensmutter Maria für die Bekehrung der Sünder.

Donnerstag. Für die Seelen im Fegefeuer.

Freitag. Zu Ehren des Leidens Jesu Christi.

Samstag. Zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria, um ihren Schutz im Leben und im Tod zu erlangen.

 

Mit großer Freude nahm er an allen Übungen teil, die das Allerheiligste Sakrament betrafen. Wenn er dem Viatikum begegnete, das zu einem Kranken getragen wurde, kniete er sogleich nieder, wo immer er sich befand; und wenn es seine Zeit erlaubte, begleitete er es, bis die Feier beendet war.

Eines Tages kam das Viatikum an ihm vorbei, während es regnete und die Straßen schlammig waren. Da er keinen besseren Platz hatte, kniete er mitten in den Schlamm. Ein Gefährte tadelte ihn später und bemerkte, es sei nicht nötig, seine Kleider so zu beschmutzen, und der Herr verlange so etwas nicht. Er antwortete schlicht: ‚Knie und Hosen gehören ganz dem Herrn; deshalb muss alles dazu dienen, ihm Ehre und Herrlichkeit zu erweisen. Wenn er an mir vorübergeht, würde ich mich zu seiner Ehre nicht nur in den Schlamm werfen, sondern mich auch in einen glühenden Ofen stürzen; denn so würde ich an jenem Feuer unendlicher Liebe teilhaben, das ihn dazu bewogen hat, dieses große Sakrament einzusetzen.‘

Bei einer ähnlichen Gelegenheit sah er eines Tages einen Soldaten stehen bleiben, gerade als das Allerheiligste Sakrament an ihm vorübergetragen wurde. Da Domenico nicht wagte, ihn zum Niederknien aufzufordern, zog er sein kleines Taschentuch aus der Tasche, breitete es auf dem schmutzigen Boden aus und gab dem Soldaten ein Zeichen, es zu benutzen. Der Soldat zeigte sich zunächst verlegen; dann ließ er das Taschentuch beiseite und kniete mitten auf der Straße nieder.

Am Fronleichnamsfest wurde er zusammen mit anderen Gefährten als Kleriker gekleidet und zur Prozession der Pfarrei geschickt. Er ging mit größter Freude hin und betrachtete dies als ein kostbares Geschenk, wie man ihm kein größeres hätte machen können.

 

 

KAPITEL XV. Seine Bußübungen

 

Sein Alter, seine schwache Gesundheit und die Unschuld seines Lebens hätten ihn gewiss von jeder Art von Buße entbunden; doch er wusste, dass ein junger Mensch seine Unschuld ohne Buße nur schwer bewahren kann, und dieser Gedanke ließ ein Leben voller Entbehrungen für ihn wie mit Rosen bedeckt erscheinen. Unter Buße verstehe ich hier nicht das geduldige Ertragen von Beleidigungen und Unannehmlichkeiten; ich spreche auch nicht von der ständigen Abtötung und Sammlung aller seiner Sinne beim Gebet, in der Schule, beim Studium und in der Erholung. Diese Bußübungen waren bei ihm fortwährend vorhanden.

Ich spreche nur von den Bußübungen, die dem Körper Schmerz zufügen. In seinem Eifer hatte er beschlossen, jeden Samstag zu Ehren der seligen Jungfrau bei Brot und Wasser zu fasten; der Beichtvater verbot es ihm jedoch. Er wollte während der Fastenzeit fasten; nach einer Woche erfuhr der Direktor des Hauses davon und untersagte es sofort. Wenigstens das Frühstück wollte er auslassen, doch auch dies wurde ihm verboten. Der Grund, weshalb man ihm solche Bußübungen nicht erlaubte, lag darin, zu verhindern, dass seine ohnehin schwache Gesundheit völlig zugrunde ging. Was sollte er also tun? Da ihm die Enthaltsamkeit beim Essen verboten war, begann er, seinen Körper auf andere Weise zu plagen. Er legte Holzsplitter und Ziegelstücke in sein Bett, um sich sogar die Ruhe unbequem zu machen; er wollte eine Art Bußgürtel tragen – auch all dies wurde ihm verboten. Da griff er zu einem neuen Mittel. Im Herbst und Winter ließ er die Jahreszeit fortschreiten, ohne zusätzliche Decken auf sein Bett zu legen; so war es schon Januar und er lag noch mit der Sommerdecke. Eines Morgens blieb er wegen einer Beschwerde im Bett, und der Direktor besuchte ihn. Als er ihn ganz zusammengerollt sah, trat er näher und bemerkte, dass er nur eine dünne Decke über sich hatte. ‚Warum hast du das getan?‘ fragte er. ‚Willst du vor Kälte sterben?‘ – ‚Nein‘, antwortete er, ‚ich werde nicht erfrieren. Jesus war in der Hütte von Bethlehem und als er am Kreuz hing weniger bedeckt als ich.‘

Da wurde ihm strengstens verboten, irgendeine Bußübung zu beginnen, ohne zuvor ausdrücklich um Erlaubnis zu bitten; diesem Befehl unterwarf er sich, wenn auch mit Mühe. Einmal traf ich ihn ganz betrübt an, wie er ausrief: ‚Armer Kerl, der ich bin! Ich bin wirklich in Verlegenheit. Der Erlöser sagt, dass ich nicht ins Paradies komme, wenn ich keine Buße tue; und mir ist es verboten, Buße zu tun. Welches Paradies wird dann meines sein?‘

– Die Buße, die der Herr von dir will – sagte ich zu ihm –, ist der Gehorsam. Gehorche, und das genügt dir.

– Könnten Sie mir nicht irgendeine andere Buße erlauben?

– Ja: Du darfst die Buße üben, Beleidigungen, wenn sie dir zugefügt werden, geduldig zu ertragen; Hitze, Kälte, Wind, Regen, Müdigkeit und alle gesundheitlichen Beschwerden, die Gott dir zu schicken gefällt, ergeben hinzunehmen.

– Aber das muss man doch aus Notwendigkeit ertragen.

– Was du aus Notwendigkeit ertragen müsstest, opfere Gott auf; dann wird es zur Tugend und zum Verdienst für deine Seele.

Mit diesen Ratschlägen zufrieden und ihnen ergeben ging er beruhigt davon.

 

 

KAPITEL XVI. Abtötungen aller äußeren Sinne

 

Wer Savio in seiner äußeren Sammlung sah, fand darin so viel Natürlichkeit, dass er leicht hätte sagen können, der Herr habe ihn eben so geschaffen. Doch diejenigen, die ihn aus der Nähe kannten oder für seine Erziehung verantwortlich waren, können versichern, dass dahinter eine große menschliche Anstrengung stand, unterstützt von der Gnade Gottes.

Seine Augen waren sehr lebhaft, und er musste sich nicht wenig Gewalt antun, um sie gesammelt zu halten. ‚Am Anfang‘, erzählte er einem Freund mehrmals, ‚als ich mir zum Gesetz machte, meine Augen unbedingt beherrschen zu wollen, kostete es mich große Mühe; manchmal bekam ich davon sogar starke Kopfschmerzen.‘ Seine Zurückhaltung im Blick war so groß, dass sich unter allen, die ihn kannten, niemand erinnerte, ihn auch nur einen einzigen Blick werfen gesehen zu haben, der die Grenzen strengster Bescheidenheit überschritten hätte. ‚Die Augen‘, pflegte er zu sagen, ‚sind zwei Fenster. Durch die Fenster geht hindurch, was man hindurchgehen lässt. Durch diese Fenster können wir einen Engel oder den Teufel mit seinen Hörnern einlassen und den einen oder den anderen zum Herrn unseres Herzens machen.‘

Eines Tages geschah es, dass ein fremder junger Mann unbedacht eine Zeitung mitbrachte, in der unanständige und irreligiöse Bilder abgedruckt waren. Eine Schar von Jungen umringte ihn, um die „Wunder“ jener Bilder zu sehen, vor denen selbst Türken und Heiden Abscheu empfunden hätten. Auch Savio lief herbei, weil er aus der Entfernung meinte, dort werde irgendein Andachtsbild gezeigt.

Als er näher kam, zeigte er sich überrascht; dann nahm er, fast lächelnd, das Blatt und riss es in kleine Stücke. Seine Gefährten waren voller Staunen, sodass einer den anderen schweigend ansah.

Da sagte er: ‚Arme wir! Der Herr hat uns die Augen gegeben, damit wir die Schönheit der von ihm geschaffenen Dinge betrachten; und ihr benutzt sie, um solche Hässlichkeiten anzusehen, die die Bosheit der Menschen zum Schaden unserer Seele erfunden hat? Habt ihr etwa vergessen, was so oft gepredigt wurde? Der Erlöser sagt uns, dass wir unsere Seele schon durch einen einzigen schlechten Blick mit Schuld beflecken; und ihr weidet eure Augen an solchen Dingen?‘

‚Wir‘, antwortete einer, ‚haben diese Bilder doch nur angesehen, um zu lachen.‘ – ‚Ja, ja, um zu lachen; inzwischen bereitet ihr euch darauf vor, lachend in die Hölle zu gehen … Aber werdet ihr noch lachen, wenn ihr das Unglück hättet, hineinzufallen?‘

‚Aber wir‘, begann ein anderer wieder, ‚sehen in diesen Bildern gar nicht so viel Böses.‘

‚Umso schlimmer. Dass ihr beim Ansehen solcher Hässlichkeiten nicht viel Böses erkennt, ist ein Zeichen dafür, dass eure Augen schon daran gewöhnt sind; und solche Gewöhnung entschuldigt das Böse nicht, sondern macht euch noch schuldiger.‘

‚O Ijob, o Ijob! Du warst alt, du warst ein Heiliger, du warst von einer Krankheit niedergedrückt, sodass du auf einem Misthaufen lagst; und dennoch schlossest du mit deinen Augen einen Bund, ihnen hinsichtlich schamloser Dinge nicht die geringste Freiheit zu gewähren!‘

Bei diesen Worten schwiegen alle, und niemand wagte mehr, ihn zu tadeln oder irgendeine weitere Bemerkung zu machen.

Mit der Bescheidenheit seiner Augen war große Zurückhaltung im Sprechen verbunden.

Ob mit Recht oder Unrecht: Wenn jemand sprach, schwieg er; mehrmals brach er sogar sein eigenes Wort ab, um einem anderen Raum zum Sprechen zu geben. Seine Lehrer und die übrigen Oberen stimmen darin überein, dass sie niemals auch nur Anlass hatten, ihn darauf hinzuweisen, dass er beim Studium, in der Schule, in der Kirche oder bei der Erfüllung irgendeiner schulischen oder religiösen Pflicht auch nur ein einziges unpassendes Wort gesagt hätte. Selbst bei Gelegenheiten, bei denen er beleidigt wurde, wusste er seine Zunge und seinen Zorn zu beherrschen.

Eines Tages hatte er einen Gefährten wegen einer schlechten Gewohnheit ermahnt. Statt die Zurechtweisung dankbar anzunehmen, ließ sich dieser zu brutalen Ausschreitungen hinreißen. Er überschüttete Domenico mit Beschimpfungen und schlug und trat ihn dann. Savio hätte sich durchaus körperlich zur Wehr setzen können, denn er war älter und stärker. Doch er nahm keine andere Rache als die eines Christen. Sein Gesicht wurde zwar ganz rot, aber er bezwang den Ansturm des Zorns und beschränkte sich auf diese Worte: ‚Ich verzeihe dir; du hast schlecht gehandelt. Behandle andere nicht auf diese Weise.‘

Was sollen wir dann über die Abtötung der übrigen körperlichen Sinne sagen? Ich beschränke mich darauf, nur einige Begebenheiten anzuführen.

Im Winter litt er an Frostbeulen an den Händen. So schmerzhaft sie auch waren, man hörte ihn niemals darüber sprechen oder ein Zeichen der Klage geben. Vielmehr schien er daran Freude zu haben. ‚Je größer die Frostbeulen‘, sagte er, ‚desto besser werden sie für die Gesundheit sein‘ – womit er die Gesundheit der Seele meinte. Viele seiner Gefährten versichern, dass er in strenger Winterkälte langsam zur Schule zu gehen pflegte, aus dem Wunsch heraus, zu leiden und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Buße zu tun. ‚Mehrmals sah ich ihn‘, bezeugt ein Gefährte, ‚im härtesten Winter mit Nadeln und Federspitzen Haut und sogar Fleisch aufritzen, damit diese Verletzungen zu Wunden würden und ihn seinem göttlichen Meister ähnlicher machten.‘

In Gemeinschaften junger Menschen trifft man manche an, die mit nichts zufrieden sind. Bald beklagen sie sich über die religiösen Feiern, bald über die Ordnung, bald über die Ruhezeiten oder das Essen; an allem finden sie etwas auszusetzen.

Solche sind für die Oberen ein wahres Kreuz; denn die Unzufriedenheit eines einzigen überträgt sich auf die anderen Gefährten, manchmal nicht ohne erheblichen Schaden für die Gemeinschaft. Savios Verhalten war dem völlig entgegengesetzt.

Nie kam ein Wort der Klage über seine Lippen, weder wegen der Sommerhitze noch wegen der Winterkälte. Ob schönes oder schlechtes Wetter war, er blieb immer gleich fröhlich. Was auch immer man ihm bei Tisch vorsetzte, er zeigte sich mit allem zufrieden. Ja, mit bewundernswerter Geschicklichkeit fand er gerade darin ein Mittel zur Abtötung. Wenn andere etwas beanstandeten, weil es zu gar, zu roh, zu wenig oder zu stark gesalzen war, zeigte er sich im Gegenteil zufrieden und sagte, genau so schmecke es ihm am besten.

Es war seine gewöhnliche Übung, nach seinen Gefährten im Speisesaal zu bleiben, die auf dem Tisch oder auf dem Boden verstreuten Brotkrümel aufzusammeln und sie wie etwas Schmackhaftes zu essen. Wenn manche sich darüber wunderten, verbarg er seinen Bußgeist mit den Worten: ‚Brotlaibe isst man ja auch nicht im Ganzen; und wenn sie schon in Krümel zerfallen sind, ist den Zähnen bereits Arbeit abgenommen.‘

Jeden Rest von Suppe, Speise oder anderer Nahrung hob er auf und aß ihn. Das tat er nicht aus Gefräßigkeit, denn oft verschenkte er sogar seine eigene Portion an andere Gefährten.

Als man ihn fragte, warum er sich so eifrig um jene Reste kümmerte, vor denen sich mancher ekeln würde, antwortete er:

‚Alles, was wir in der Welt haben, ist ein kostbares Geschenk Gottes. Unter allen Gaben ist jedoch nach seiner heiligen Gnade die größte die Nahrung, durch die er unser Leben erhält. Daher verdient auch der kleinste Teil dieser Gabe unsere Dankbarkeit und muss mit der gewissenhaftesten Sorgfalt bewahrt werden.‘

Schuhe putzen, die Kleider seiner Gefährten abbürsten, den Kranken die niedrigsten Dienste leisten, kehren und ähnliche Arbeiten waren für ihn eine angenehme Beschäftigung. ‚Jeder tue, was er kann‘, pflegte er zu sagen. ‚Ich bin nicht fähig, große Dinge zu tun; aber was ich kann, will ich zur größeren Ehre Gottes tun. Und ich hoffe, dass Gott in seiner unendlichen Güte diese armseligen Opfer von mir annehmen wird.‘

Speisen zu essen, die seinem Geschmack zuwider waren, und jene zu meiden, die ihm gefallen hätten; seine Blicke selbst bei gleichgültigen Dingen zu beherrschen; sich dort aufzuhalten, wo er einen unangenehmen Geruch wahrnahm; seinen eigenen Willen zu verleugnen; alles, was seinem Leib oder seinem Geist Leid bereitete, mit vollkommener Ergebung zu ertragen – das waren Tugendakte, die Domenico jeden Tag, ja man kann sagen in jedem Augenblick seines Lebens übte.

Ich übergehe daher viele andere Begebenheiten dieser Art. Sie alle zeigen, wie groß in Domenico der Geist der Buße, der Nächstenliebe und der Abtötung aller Sinne war und zugleich, wie erfinderisch seine Tugend darin war, große und kleine Gelegenheiten, ja sogar gleichgültige Dinge zu nutzen, um sich zu heiligen und sein Verdienst vor dem Herrn zu vermehren.

 

 

KAPITEL XVII. Die Gesellschaft von der Unbefleckten Empfängnis

 

Man kann sagen, dass Domenicos ganzes Leben eine Übung der Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria war. Keine Gelegenheit ließ er vorübergehen, ihr irgendeine Huldigung darzubringen. Im Jahr 1854 erklärte der höchste Hirte der Kirche die Unbefleckte Empfängnis Mariens zum Glaubensdogma. Savio wünschte sehnlichst, die Erinnerung an diesen erhabenen Titel, den die Kirche der Königin des Himmels gegeben hatte, unter uns lebendig und dauerhaft zu machen. ‚Ich möchte‘, pflegte er zu sagen, ‚etwas zu Ehren Mariens tun, aber bald, denn ich fürchte, dass mir die Zeit fehlen könnte.‘

Von seiner gewohnten erfinderischen Nächstenliebe geleitet, wählte er einige seiner vertrauten Gefährten aus und lud sie ein, sich mit ihm zu einer Gesellschaft zusammenzuschließen, die den Namen Gesellschaft von der Unbefleckten Empfängnis erhielt.

       Ihr Ziel war, sich den Schutz der großen Mutter Gottes im Leben und besonders in der Todesstunde zu sichern. Savio schlug dazu zwei Mittel vor: Übungen der Frömmigkeit zu Ehren der Unbefleckten Maria selbst zu üben und zu fördern sowie häufig zu kommunizieren. Gemeinsam mit seinen Freunden verfasste er eine Regel; nach vielen Bemühungen las er sie am 8. Juni 1856, neun Monate vor seinem Tod, zusammen mit ihnen vor dem Altar der allerseligsten Jungfrau Maria. Ich schreibe sie gern ab, in der Hoffnung, dass sie anderen als Richtschnur dienen könne, dasselbe zu tun. Sie lautet:

 

„Wir, Domenico Savio usw. (es folgen die Namen der anderen Gefährten), um uns im Leben und im Tod den Schutz der allerseligsten unbefleckten Jungfrau zu sichern und uns ganz ihrem heiligen Dienst zu weihen, erklären am 8. Juni, nachdem wir alle die heiligen Sakramente der Beichte und der Kommunion empfangen haben und entschlossen sind, unserer Mutter eine kindliche und beständige Verehrung zu erweisen, vor ihrem Altar und mit Zustimmung unseres geistlichen Leiters, dass wir, soweit unsere Kräfte es erlauben, LUIGI COMOLLO[9] nachahmen wollen.

 

Daher verpflichten wir uns:

 

  1. Die Regeln des Hauses gewissenhaft zu beobachten.
  2. Unsere Gefährten zu erbauen, indem wir sie liebevoll ermahnen und sie durch Worte, vor allem aber durch gutes Beispiel zum Guten anregen.
  3. Die Zeit genau zu nutzen. Um uns sodann der Beharrlichkeit in jener Lebensweise zu vergewissern, zu der wir uns verpflichten wollen, unterbreiten wir unserem Direktor folgende Regel.

Nr. 1. Als erste Regel nehmen wir einen gewissenhaften Gehorsam gegenüber unseren Oberen an, denen wir uns mit unbegrenztem Vertrauen unterstellen.

Nr. 2. Die Erfüllung der eigenen Pflichten wird unsere erste und besondere Beschäftigung sein.

Nr. 3. Gegenseitige Nächstenliebe wird unsere Herzen vereinen und uns alle unsere Brüder ohne Unterschied lieben lassen; wir werden sie mit Milde ermahnen, wenn eine Zurechtweisung nützlich erscheint.

Nr. 4. Wir wählen wöchentlich eine halbe Stunde für unsere Zusammenkunft. Nach der Anrufung des Heiligen Geistes und einer kurzen geistlichen Lesung werden die Fortschritte der Gesellschaft in Frömmigkeit und Tugend besprochen.

Nr. 5. Unter vier Augen werden wir einander auf jene Fehler aufmerksam machen, die wir verbessern müssen.

Nr. 6. Wir werden uns bemühen, untereinander auch den geringsten Anlass zu Missfallen zu vermeiden, und die Gefährten sowie andere beschwerliche Personen geduldig ertragen.

Nr. 7. Es wird kein bestimmtes Gebet festgesetzt, denn die Zeit, die nach Erfüllung unserer Pflicht verbleibt, soll dem Zweck gewidmet werden, der unserer Seele am nützlichsten erscheint.

Nr. 8. Dennoch nehmen wir folgende wenige Übungen an:

  • 1. Häufiger Empfang der heiligen Sakramente, so oft es uns gestattet wird.
  • 2. Wir werden an allen Sonntagen, gebotenen Feiertagen, während aller Novenen und an den Festen der allerseligsten Jungfrau Maria und der heiligen Schutzpatrone des Oratoriums zum eucharistischen Tisch treten.
  • 3. Unter der Woche werden wir uns bemühen, donnerstags zu kommunizieren, sofern uns nicht eine wichtige Beschäftigung daran hindert.

Nr. 9. Jeden Tag, besonders beim Rosenkranzgebet, werden wir Maria unsere Gemeinschaft empfehlen und sie bitten, uns die Gnade der Beharrlichkeit zu erwirken.

Nr. 10. Wir werden uns bemühen, jeden Samstag zu Ehren Mariens eine besondere Übung oder einen Akt christlicher Frömmigkeit zu Ehren ihrer Unbefleckten Empfängnis zu vollbringen.

Nr. 11. Daher werden wir beim Gebet, bei frommen Lesungen, während der Gottesdienste, beim Studium und in der Schule ein noch erbaulicheres Verhalten zeigen.

Nr. 12. Wir werden das heilige Wort Gottes mit größter Sorgfalt bewahren und die gehörten Wahrheiten immer wieder bedenken.

Nr. 13. Wir werden jeden Zeitverlust vermeiden, um unsere Seele vor den Versuchungen zu schützen, die uns im Müßiggang gewöhnlich heftig angreifen; deshalb:

Nr. 14. Nachdem wir die Pflichten erfüllt haben, die jedem von uns zukommen, werden wir die verbleibenden freien Stunden nützlichen Beschäftigungen widmen, etwa frommer und lehrreicher Lektüre oder dem Gebet.

Nr. 15. Erholung ist nach dem Essen, nach der Schule und nach dem Studium vorgeschrieben oder wenigstens erlaubt.

Nr. 16. Wir werden uns bemühen, unseren Oberen alles mitzuteilen, was unserem sittlichen Verhalten nützen kann.

Nr. 17. Wir werden uns ebenfalls bemühen, mit den Erlaubnissen, die uns die Güte unserer Oberen gewährt, sehr sparsam umzugehen; denn eines unserer besonderen Ziele ist eine genaue Beobachtung der Hausordnung, die allzu oft durch den Missbrauch solcher Erlaubnisse verletzt wird.

Nr. 18. Wir werden von unseren Oberen das als Nahrung Bestimmte annehmen, ohne uns jemals über die Speisen bei Tisch zu beklagen, und auch die anderen davon abhalten.

Nr. 19. Wer dieser Gesellschaft beitreten möchte, muss vor allem sein Gewissen durch das Sakrament der Beichte reinigen und sich am eucharistischen Tisch stärken; dann soll er durch eine Woche Probezeit sein Verhalten zeigen, diese Regeln aufmerksam lesen und Gott sowie der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria ihre genaue Beobachtung versprechen.

Nr. 20. Am Tag seiner Aufnahme werden die Brüder zur heiligen Kommunion gehen und die göttliche Majestät bitten, dem Gefährten die Tugend der Beharrlichkeit, des Gehorsams und die wahre Gottesliebe zu schenken.

Nr. 21. Die Gesellschaft steht unter dem Schutz der Unbefleckten Empfängnis, deren Namen wir tragen und deren Andachtsmedaille wir bei uns haben werden. Ein aufrichtiges, kindliches und unbegrenztes Vertrauen auf Maria, eine besondere Zärtlichkeit ihr gegenüber und eine beständige Verehrung werden uns über jedes Hindernis erheben, uns fest in unseren Entschlüssen, streng gegen uns selbst, liebevoll gegenüber unserem Nächsten und in allem gewissenhaft machen.

Außerdem empfehlen wir den Brüdern, die heiligen Namen Jesu und Mariens zuerst in Herz und Geist, dann in ihre Bücher und auf Gegenstände zu schreiben, die ihnen vor Augen kommen können.

Unser Direktor wird gebeten, diese Regeln zu prüfen und uns sein Urteil darüber mitzuteilen. Wir versichern ihm, dass wir alle vollständig von seinem Willen abhängen. Er kann an dieser Regel jene Änderungen vornehmen, die ihm zweckmäßig erscheinen.

Und Maria? Möge sie unsere Bemühungen segnen, denn die Eingebung, dieser frommen Gesellschaft Leben zu geben, kam ganz von ihr. Möge sie unseren Hoffnungen zulächeln und unsere Bitten erhören. Unter ihrem Mantel geborgen und durch ihren Schutz gestärkt werden wir den Stürmen dieses trügerischen Meeres trotzen und die Angriffe des höllischen Feindes überwinden. Von ihr auf diese Weise gestärkt, hoffen wir, unseren Gefährten zur Erbauung, unseren Oberen zum Trost und ihre geliebten Söhne zu sein. Wenn Gott uns Gnade und Leben schenkt, ihm im priesterlichen Dienst dienen zu können, werden wir uns mit allen unseren Kräften bemühen, dies mit größtem Eifer zu tun. Im Misstrauen gegen unsere eigenen Kräfte und in unbegrenztem Vertrauen auf göttliche Hilfe dürfen wir hoffen, dass wir nach diesem Tal der Tränen, getröstet durch die Gegenwart Mariens, in jener letzten Stunde sicher jenen ewigen Lohn erreichen, den Gott denen bereithält, die ihm im Geist und in der Wahrheit dienen.“

Der Direktor des Oratoriums las tatsächlich die oben dargelegte Lebensregel und billigte sie nach sorgfältiger Prüfung unter folgenden Bedingungen:

  1. Die genannten Versprechen haben nicht die Kraft eines Gelübdes.
  2. Sie verpflichten auch nicht unter irgendeiner Sündenschuld.
  3. Bei den Zusammenkünften soll irgendein äußeres Werk der Nächstenliebe festgelegt werden, etwa die Reinigung der Kirche, die Betreuung eines unwissenderen Kindes oder dessen Katechismusunterricht.
  4. Die Wochentage sollen so eingeteilt werden, dass an jedem Tag einige Kommunionen stattfinden.
  5. Keine religiöse Übung soll ohne besondere Erlaubnis der Oberen hinzugefügt werden.
  6. Als grundlegendes Ziel soll die Förderung der Verehrung der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria und des Allerheiligsten Sakraments gelten.
  7. Bevor jemand aufgenommen wird, soll man ihn das Leben Luigi Comollos[10] lesen lassen.

 

 

KAPITEL XVIII. Seine besonderen Freundschaften – Seine Beziehung zu dem jungen Camillo Gavio

 

Jeder war mit Domenico befreundet; wer ihn nicht liebte, achtete ihn wegen seiner Tugenden. Er verstand es, mit allen gut auszukommen. Er war in der Tugend so gefestigt, dass man ihm riet, mit einigen etwas ungezogenen jungen Menschen Umgang zu pflegen, um zu versuchen, sie für den Herrn zu gewinnen. Er nutzte Erholung, Spiele und selbst gleichgültige Gespräche, um daraus geistlichen Nutzen zu ziehen. Dennoch waren die Mitglieder der Gesellschaft von der Unbefleckten Empfängnis seine besonderen Freunde. Mit ihnen kam er, wie gesagt, bald zu geistlichen Besprechungen, bald zu Übungen christlicher Frömmigkeit zusammen. Diese Zusammenkünfte fanden mit Erlaubnis der Oberen statt, wurden jedoch von den jungen Menschen selbst begleitet und geordnet. Sie besprachen darin, wie die Novenen vor den größeren Festen zu halten seien; sie verteilten die Kommunionen, die jeder an bestimmten Wochentagen empfangen sollte; sie teilten sich jene jungen Menschen zu, die sittliche Begleitung brauchten, und jeder nahm einen von ihnen gleichsam als Schützling an. Dann wandten sie alle Mittel an, die die christliche Nächstenliebe nahelegt, um ihn auf den Weg der Tugend zu führen.

Savio gehörte zu den Eifrigsten, und man kann sagen, dass er bei diesen Besprechungen die Rolle des Lehrers übernahm.

Man könnte mehrere Gefährten Savios nennen, die an diesen Zusammenkünften teilnahmen und viel mit ihm verkehrten; da sie jedoch noch leben, scheint es klug, nicht über sie zu sprechen. Ich werde nur zwei nennen, die bereits in die himmlische Heimat gerufen wurden: Camillo Gavio aus Tortona und Giovanni Massaglia aus Marmorito.

Gavio blieb nur zwei Monate bei uns, doch diese Zeit genügte, um bei seinen Gefährten ein heiliges Andenken an ihn zu hinterlassen.

Seine leuchtende Frömmigkeit und seine große Begabung für Malerei und Bildhauerei hatten die Stadtverwaltung seiner Heimat dazu bewogen, ihn zu unterstützen, damit er nach Turin kommen und seine künstlerischen Studien fortsetzen könne. In der Heimat hatte er eine schwere Krankheit durchgemacht. Als er ins Oratorium kam, sei es, weil er noch genesend war, sei es, weil er sich fern von Heimat und Angehörigen befand, sei es auch wegen der Gesellschaft ihm völlig unbekannter junger Menschen, stand er da und sah den anderen beim Spielen zu, war aber in ernste Gedanken versunken. Savio bemerkte ihn, näherte sich sofort, um ihn zu trösten, und führte mit ihm genau folgendes Gespräch.

Savio begann: ‚Nun, mein Lieber, du kennst hier noch niemanden, nicht wahr?‘

Gavio. – Das stimmt; aber ich erhole mich, indem ich den anderen beim Spielen zusehe.

– Wie heißt du?

– Camillo Gavio aus Tortona.

– Wie alt bist du?

– Ich bin fünfzehn Jahre alt.

– Woher kommt die Traurigkeit, die man in deinem Gesicht sieht? Warst du vielleicht krank?

– Ja, ich war wirklich krank; ich hatte eine Krankheit mit Herzklopfen, die mich an den Rand des Grabes brachte, und ich bin noch nicht ganz davon genesen.

– Du möchtest gesund werden, nicht wahr?

– Nicht so sehr; ich möchte den Willen Gottes tun.

Diese letzten Worte ließen erkennen, dass Gavio ein junger Mensch von ungewöhnlicher Frömmigkeit war, und bereiteten Savios Herz wahren Trost. So fuhr er voller Vertrauen fort: ‚Wer den Willen Gottes tun will, will sich selbst heiligen. Du willst also heilig werden?‘

– Diesen Wunsch habe ich sehr stark.

– Gut, dann werden wir die Zahl unserer Freunde vermehren. Du wirst zu denen gehören, die an dem teilnehmen, was wir tun, um heilig zu werden.

– Was du mir sagst, ist schön; aber ich weiß nicht, was ich tun soll!

– Ich sage es dir mit wenigen Worten: Wisse, dass wir hier die Heiligkeit darin bestehen lassen, sehr fröhlich zu sein. Wir bemühen uns nur, die Sünde zu meiden wie einen großen Feind, der uns die Gnade Gottes und den Frieden des Herzens raubt; wir bemühen uns, unsere Pflichten genau zu erfüllen und die Übungen der Frömmigkeit häufig zu pflegen. Schreib dir von heute an als Merksatz auf: Servite Domino in laetitia – dient dem Herrn in heiliger Freude.

Dieses Gespräch war wie Balsam für Gavios Kummer und schenkte ihm echten Trost. Von jenem Tag an wurde er ein treuer Freund Savios und ein beständiger Nachahmer seiner Tugenden. Doch die Krankheit, die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte und nicht völlig geheilt war, kehrte nach zwei Monaten zurück; trotz der Sorge von Ärzten und Freunden fand man kein Heilmittel mehr. Nach einigen Tagen zunehmender Verschlechterung empfing er mit großer Erbauung die letzten Sakramente und gab am 30. Dezember 1856[11] seine Seele dem Schöpfer zurück.

Domenico besuchte ihn während seiner Krankheit mehrmals und bot sich an, nachts bei ihm zu wachen, obwohl man ihm dies nicht gestattete. Als er erfuhr, dass Gavio gestorben war, wollte er ihn ein letztes Mal sehen; beim Anblick des Toten sagte er bewegt:

‚Leb wohl, Gavio. Ich bin innerlich überzeugt, dass du in den Himmel geflogen bist; bereite deshalb einen Platz für mich vor. Ich werde immer dein Freund bleiben; solange der Herr mich am Leben lässt, werde ich für die Ruhe deiner Seele beten.‘

Danach ging er mit den anderen Gefährten in das Zimmer des Verstorbenen, um das Totenoffizium zu beten; im Lauf des Tages wurden weitere Gebete verrichtet. Dann lud er einige der besten Mitschüler ein, die heilige Kommunion zu empfangen, und auch er selbst empfing sie mehrfach für den verstorbenen Freund.

Unter anderem sagte er zu seinen Freunden: ‚Meine Lieben, vergessen wir die Seele unseres Freundes nicht. Ich hoffe, dass er jetzt schon die Herrlichkeit des Himmels genießt; dennoch wollen wir nicht aufhören, für die Ruhe seiner Seele zu beten. Alles, was wir jetzt für ihn tun, wird Gott eines Tages andere auch für uns tun lassen.‘

 

 

KAPITEL XIX. Seine Beziehung zu dem jungen Giovanni Massaglia

 

Länger und inniger waren Savios Beziehungen zu Massaglia aus Marmorito, einem Ort unweit von Mondonio.

Beide kamen zur selben Zeit in das Haus des Oratoriums; ihre Heimatorte lagen nahe beieinander; beide hatten denselben Willen, den geistlichen Stand zu ergreifen, und den aufrichtigen Wunsch, heilig zu werden.

– Es genügt nicht – sagte Domenico eines Tages zu seinem Freund –, es genügt nicht zu sagen, dass wir Geistliche werden wollen; wir müssen uns darum bemühen, jene Tugenden zu erwerben, die für diesen Stand notwendig sind.

– Das stimmt – antwortete der Freund –, aber wenn wir unsererseits tun, was wir können, wird Gott uns die Gnade und Kraft nicht fehlen lassen, eine so große Gunst zu verdienen: Diener Jesu Christi zu werden.

Als die Osterzeit kam, machten sie zusammen mit den anderen jungen Menschen die geistlichen Exerzitien in sehr vorbildlicher Weise. Nach deren Abschluss sagte Domenico zu seinem Gefährten: ‚Ich möchte, dass wir wahre Freunde sind, wahre Freunde in den Dingen der Seele. Deshalb wünsche ich, dass wir von jetzt an einander in allem ermahnen, was zum geistlichen Wohl beitragen kann. Wenn du also an mir irgendeinen Fehler bemerkst, sag es mir sofort, damit ich ihn verbessern kann; oder wenn du etwas Gutes erkennst, das ich tun könnte, versäume nicht, es mir vorzuschlagen.‘

– Das werde ich gern für dich tun, obwohl du es nicht nötig hast; aber du musst es noch viel mehr mir gegenüber tun. Denn wie du weißt, bin ich wegen meines Alters, meines Studiums und meiner Schulstufe größeren Gefahren ausgesetzt.

– Lassen wir die Höflichkeiten beiseite und helfen wir einander, unserer Seele Gutes zu tun.

Von da an wurden Savio und Massaglia wahre Freunde, und ihre Freundschaft blieb dauerhaft, weil sie auf Tugend gegründet war. Durch Beispiel und Rat wetteiferten sie darin, einander zu helfen, das Böse zu meiden und das Gute zu üben.

Am Ende des Schuljahres, nachdem die Prüfungen abgelegt waren, erhielt jeder junge Mensch des Hauses die Erlaubnis, die Ferien bei den Eltern oder bei anderen Verwandten zu verbringen.

Einige wollten im Studium vorankommen und sich besser den Übungen der Frömmigkeit widmen und zogen es deshalb vor, im Oratorium zu bleiben; darunter waren Savio und Massaglia. Da ich wusste, wie sehnsüchtig ihre Angehörigen sie erwarteten und wie sehr sie selbst Erholung von ihrer Müdigkeit brauchten, sagte ich zu beiden: ‚Warum geht ihr nicht einige Tage in die Ferien?‘ Statt zu antworten, begannen sie zu lachen. – ‚Was wollt ihr mir mit diesem Lachen sagen?‘

Domenico antwortete: ‚Wir wissen, dass unsere Angehörigen mit Freude auf uns warten; auch wir lieben sie und würden gern hingehen. Aber wir wissen auch: Solange der Vogel im Käfig ist, genießt er zwar keine Freiheit, doch ist er vor dem Falken sicher. Außerhalb des Käfigs dagegen fliegt er, wohin er will, kann aber von einem Augenblick zum anderen in die Klauen des höllischen Falken geraten.‘

Trotzdem hielt ich es für gut, sie wegen ihrer Gesundheit eine Zeit lang nach Hause zu schicken; sie fügten sich meinem Willen nur aus Gehorsam und blieben dort genau so viele Tage, wie ihnen ausdrücklich vorgeschrieben worden waren.

Wollte ich die schönen Tugendzüge des jungen Massaglia beschreiben, müsste ich zu einem großen Teil wiederholen, was über Savio gesagt wurde, dessen treuer Nachfolger er zu Lebzeiten war. Er erfreute sich guter Gesundheit und gab im Studium die besten Hoffnungen. Nach Abschluss der Rhetorikklasse bestand er erfolgreich die Prüfung für die Einkleidung als Kleriker. Doch dieses Gewand, das er so liebte und so hoch achtete, konnte er nur einige Monate tragen. Von einer Erkältung befallen, die zunächst wie ein gewöhnlicher Schnupfen aussah, wollte er nicht einmal seine Studien unterbrechen. Damit er gründlich behandelt würde und keine Gelegenheit zum Studieren hätte, nahmen die Eltern ihn mit nach Hause. Während dieses Aufenthalts in der Heimat schrieb er seinem Freund folgenden Brief:

 

Lieber Freund,

 

Ich dachte, ich müsste nur einige Tage zu Hause verbringen und dann ins Oratorium zurückkehren; deshalb habe ich alle meine Schulsachen dort gelassen. Jetzt merke ich jedoch, dass sich die Sache hinzieht und der Ausgang meiner Krankheit immer ungewisser wird. Der Arzt sagt mir, es gehe besser; mir scheint, es gehe schlechter. Wir werden sehen, wer recht hat. Lieber Domenico, fern von dir und vom Oratorium empfinde ich großen Kummer, weil ich hier nicht die Möglichkeit habe, mich den Andachtsübungen zu widmen. Ich tröste mich nur, indem ich mich an jene Tage erinnere, die wir festsetzten, um uns gemeinsam auf die heilige Kommunion vorzubereiten und sie zu empfangen.

Ich hoffe dennoch, dass wir, obwohl körperlich getrennt, nicht auch im Geist getrennt sein werden.

Unterdessen bitte ich dich, in den Studiensaal zu gehen und als eine Art Aufseher mein Pult zu besuchen. Dort wirst du einige handschriftliche Blätter finden; daneben liegt der Kempis, also De imitatione Christi. Mach daraus ein einziges Paket und schick es mir. Achte darauf, dass es das lateinische Buch ist; denn obwohl mir die Übersetzung gefällt, bleibt sie doch eine Übersetzung, in der ich nicht jene Freude finde, die ich am lateinischen Original habe. Ich bin müde vom Nichtstun; dennoch verbietet mir der Arzt das Studieren. Ich gehe viel in meinem Zimmer umher und sage oft: ‚Werde ich von dieser Krankheit genesen? Werde ich meine Gefährten wiedersehen? Wird dies meine letzte Krankheit sein?‘ Was aus all dem werden wird, weiß Gott allein. Mir scheint, ich sei bereit, in allen drei Fällen den heiligen und liebenswerten Willen Gottes zu tun.

Wenn du einen guten Rat hast, schreib ihn mir. Sag mir, wie es um deine Gesundheit steht; denke in deinen Gebeten an mich, besonders wenn du die heilige Kommunion empfängst. Mut! Liebe mich von ganzem Herzen im Herrn. Wenn wir im gegenwärtigen Leben nicht lange miteinander verweilen können, hoffe ich, dass wir eines Tages in süßer Gemeinschaft in der seligen Ewigkeit glücklich leben werden.

Grüße unsere Freunde, besonders die Mitbrüder der Gesellschaft von der Unbefleckten Empfängnis. Der Herr sei mit dir; glaube mir stets als deinem innig ergebenen

GIOVANNI MASSAGLIA.

 

Domenico führte den Auftrag seines Freundes aus und fügte der Sendung der erbetenen Dinge folgenden Brief bei:

 

Mein lieber Massaglia,

 

Dein Brief hat mir Freude bereitet, weil ich dadurch erfahren habe, dass du noch lebst. Seit deiner Abreise hatten wir nämlich keine Nachricht mehr von dir, und ich wusste nicht, ob ich für dich das Gloria Patri oder das De profundis beten sollte. Du wirst die Gegenstände erhalten, um die du mich gebeten hast. Ich muss dir nur sagen, dass der Kempis zwar ein guter Freund ist, aber tot ist und sich niemals von selbst vom Platz bewegt. Du musst ihn also suchen, ihn aufrütteln, ihn lesen und dich bemühen, das in die Tat umzusetzen, was du darin liest.

Du sehnst dich nach den Möglichkeiten, die wir hier für die Übungen der Frömmigkeit haben, und du hast recht. Wenn ich in Mondonio bin, habe ich dasselbe Problem. Ich versuchte, es dadurch auszugleichen, dass ich täglich das Allerheiligste Sakrament besuchte und möglichst viele Gefährten mitnahm. Neben dem Kempis las ich den Tesoro nascosto nella santa messa des seligen Leonardo. Wenn es dir gut scheint, mach du es ebenso. Du sagst mir, du wüsstest nicht, ob du wieder ins Oratorium kommen wirst, um uns zu besuchen. Auch meine sterbliche Hülle erscheint schon ziemlich abgenutzt, und alles lässt mich ahnen, dass ich mich mit großen Schritten dem Ende meiner Studien und meines Lebens nähere. Jedenfalls machen wir es so: Beten wir füreinander, damit wir beide einen guten Tod sterben. Wer von uns zuerst ins Paradies geht, soll dem Freund einen Platz vorbereiten und ihm, wenn dieser ihn aufsucht, die Hand reichen, um ihn in die Wohnung des Himmels einzuführen.

Gott erhalte uns immer in seiner Gnade und helfe uns, heilig zu werden – aber bald heilig, denn ich fürchte, dass uns die Zeit fehlen könnte. Alle unsere Freunde sehnen sich nach deiner Rückkehr ins Oratorium und grüßen dich herzlich im Herrn.

Ich meinerseits erkläre mich mit brüderlicher Liebe und Zuneigung stets als dein

innigster Freund

      DOMENICO SAVIO.

 

 

Die Krankheit des jungen Massaglia schien zunächst leicht. Mehrmals schien sie vollständig überwunden, mehrmals kehrte sie zurück, bis er beinahe unerwartet ans Ende seines Lebens gelangte.

„Er hatte Zeit“, schrieb der Theologe Valfré, sein geistlicher Leiter während der Ferien, „mit größter Vorbildlichkeit alle Tröstungen unserer heiligen katholischen Religion zu empfangen; er starb den Tod des Gerechten, der die Welt verlässt, um in den Himmel zu fliegen.“[12]

Der Verlust dieses Freundes betrübte Savio tief. Obwohl er sich dem göttlichen Willen ergab, beweinte er ihn mehrere Tage. Es war das erste Mal, dass ich jenes engelhafte Gesicht traurig werden und vor Schmerz weinen sah. Sein einziger Trost bestand darin, für den verstorbenen Freund zu beten und andere zum Gebet für ihn anzuregen. Bisweilen hörte man ihn ausrufen: ‚Lieber Massaglia, du bist gestorben, und ich hoffe, dass du schon mit Gavio im Paradies bist. Wann werde ich euch in der unermesslichen Seligkeit des Himmels wiedersehen?‘

Während der ganzen Zeit, die Domenico seinen Freund überlebte, behielt er ihn in seinen Übungen der Frömmigkeit stets gegenwärtig. Er pflegte zu sagen, er könne weder die heilige Messe hören noch an einer Andachtsübung teilnehmen, ohne Gott die Seele dessen zu empfehlen, der sich zu Lebzeiten so sehr um sein Wohl bemüht hatte. Dieser Verlust war für Domenicos zartes Herz sehr schmerzlich und beeinträchtigte auch seine Gesundheit merklich.

 

 

KAPITEL XX. Besondere Gnaden und außergewöhnliche Begebenheiten

 

Bisher habe ich Dinge erzählt, die nichts Außergewöhnliches an sich haben – es sei denn, man wollte eine beständig gute Lebensführung außergewöhnlich nennen, die sich durch die Unschuld des Lebens, Bußwerke und Übungen der Frömmigkeit immer weiter vervollkommnete. Außergewöhnlich könnte man auch die Lebendigkeit seines Glaubens, seine feste Hoffnung, seine glühende Liebe und seine Beharrlichkeit im Guten bis zum letzten Atemzug nennen. Hier will ich jedoch besondere Gnaden und einige ungewöhnliche Begebenheiten darlegen, die vielleicht Anlass zu Kritik geben werden. Deshalb halte ich es für gut, den Leser darauf hinzuweisen, dass das, was ich hier berichte, volle Ähnlichkeit mit Begebenheiten besitzt, die in der Bibel und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen verzeichnet sind. Ich berichte Dinge, die ich mit eigenen Augen gesehen habe; ich versichere, dass ich gewissenhaft die Wahrheit schreibe, überlasse aber die Beurteilung ganz dem besonnenen Leser. Hier ist der Bericht.

Mehrmals geschah es, wenn er in die Kirche ging, besonders an Tagen, an denen Domenico die heilige Kommunion empfing oder das Allerheiligste Sakrament ausgesetzt war, dass er wie den Sinnen entrückt blieb; so verging manchmal eine allzu lange Zeit, wenn man ihn nicht rief, damit er seine gewöhnlichen Pflichten erfülle.

Eines Tages fehlte er beim Frühstück, in der Schule und sogar beim Mittagessen, und niemand wusste, wo er war. Im Studiensaal war er nicht, im Bett ebenfalls nicht. Als man dies dem Direktor berichtete, kam ihm der Verdacht auf das, was tatsächlich der Fall war: Domenico könnte in der Kirche sein, wie es schon früher vorgekommen war. Er ging in die Kirche, trat in den Chorraum und sah ihn dort unbeweglich wie einen Stein. Er hatte einen Fuß auf den anderen gestellt, eine Hand auf das Pult des Antiphonars gelegt, die andere auf der Brust; sein Gesicht war starr zum Tabernakel gerichtet. Er bewegte nicht einmal die Augenlider. Der Direktor rief ihn – keine Antwort. Er rüttelte ihn, da wandte Domenico den Blick zu ihm und sagte: ‚Oh, ist die Messe schon vorbei?‘ – ‚Schau‘, antwortete der Direktor und zeigte ihm die Uhr, ‚es ist zwei Uhr.‘ Domenico bat demütig um Verzeihung für die Übertretung der Hausordnung. Der Direktor schickte ihn zum Essen und sagte: ‚Wenn jemand dich fragt: Woher kommst du?, dann antworte, dass du einen Auftrag von mir ausgeführt hast.‘ Dies wurde gesagt, um unpassende Fragen zu vermeiden, die seine Gefährten ihm vielleicht gestellt hätten.

An einem anderen Tag wollte ich nach der gewöhnlichen Danksagung nach der Messe die Sakristei verlassen, als ich im Chor eine Stimme hörte, wie von jemandem, der ein Gespräch führte. Ich ging nachsehen und fand Savio, der sprach und dann innehielt, als ob er einer Antwort Raum gäbe. Unter anderem hörte ich deutlich diese Worte: ‚Ja, mein Gott, ich habe es Euch schon gesagt und sage es Euch nochmals: Ich liebe Euch und will Euch bis zum Tod lieben. Wenn Ihr seht, dass ich Euch beleidigen werde, sendet mir den Tod: ja, lieber den Tod, aber nicht sündigen.‘

Bisweilen fragte ich ihn, was er während jener langen Verzögerungen tue, und er antwortete in aller Einfachheit: ‚Armer Kerl, der ich bin! Eine Zerstreuung überkommt mich, und in diesem Augenblick verliere ich den Faden meiner Gebete; dann scheint es mir, so schöne Dinge zu sehen, dass die Stunden wie ein Augenblick vergehen.‘

Eines Tages trat er in mein Zimmer und sagte: ‚Schnell, kommen Sie mit mir; es gibt ein gutes Werk zu tun.‘ – ‚Wohin willst du mich führen?‘ fragte ich. – ‚Machen Sie schnell‘, fügte er hinzu, ‚machen Sie schnell.‘ Ich zögerte noch; doch da er darauf bestand und ich schon bei anderen Gelegenheiten die Bedeutung solcher Einladungen erfahren hatte, gab ich nach. Ich folgte ihm. Er ging aus dem Haus, durch eine Straße, dann durch eine andere und noch eine weitere, ohne stehen zu bleiben oder ein Wort zu sagen. Schließlich bog er in eine andere Straße ein; ich folgte ihm von Tür zu Tür, bis er stehen blieb. Er stieg eine Treppe hinauf, ging bis in den dritten Stock und läutete kräftig. ‚Hier müssen Sie hineingehen‘, sagte er – und ging sofort fort.

Die Tür wurde mir geöffnet. ‚Oh, schnell!‘ sagte man mir. ‚Schnell, sonst ist es zu spät. Mein Mann hatte das Unglück, Protestant zu werden; jetzt liegt er im Sterben und bittet inständig darum, als guter Katholik sterben zu können.‘

Ich begab mich sofort an das Bett des Kranken, der eine lebhafte Sorge zeigte, die Angelegenheiten seines Gewissens zu ordnen. Nachdem die Dinge dieser Seele in größter Eile in Ordnung gebracht waren, kam der Pfarrer der Pfarrei St. Augustinus, den man schon zuvor hatte rufen lassen. Er konnte ihm das Sakrament der Krankensalbung nur noch mit einer einzigen Salbung spenden, denn der Kranke starb unmittelbar darauf.

Eines Tages wollte ich Savio fragen, wie er hatte wissen können, dass sich dort ein Kranker befand. Er sah mich mit schmerzlichem Ausdruck an und begann dann zu weinen. Ich stellte ihm keine weitere Frage mehr.

Die Unschuld seines Lebens, seine Liebe zu Gott und sein Verlangen nach den himmlischen Dingen hatten Domenicos Geist in einen solchen Zustand versetzt, dass man sagen konnte, er sei gewöhnlich ganz in Gott versunken.

Bisweilen unterbrach er die Erholung, wandte den Blick ab und begann allein umherzugehen. Fragte man ihn, warum er seine Gefährten so verlasse, antwortete er: ‚Die gewöhnlichen Zerstreuungen überkommen mich, und es scheint mir, als öffne sich das Paradies über meinem Haupt; dann muss ich mich von den Gefährten entfernen, damit ich ihnen nicht Dinge sage, die sie vielleicht lächerlich machen würden.‘ Eines Tages sprach man während der Erholung von dem großen Lohn, den Gott im Himmel denen bereitet hat, die das Gewand der Unschuld bewahren. Unter anderem sagte man: ‚Die Unschuldigen sind im Himmel der Person unseres göttlichen Erlösers am nächsten und werden ihm in Ewigkeit besondere Lobgesänge singen.‘

Das genügte, um seinen Geist zum Herrn zu erheben; er blieb unbeweglich und sank wie leblos in die Arme eines der Anwesenden.

Solche Verzückungen des Geistes widerfuhren ihm beim Studium, auf dem Hin- und Rückweg von der Schule und sogar in der Schule selbst.

Sehr gern sprach er vom Römischen Papst und äußerte den lebhaften Wunsch, ihn vor seinem Tod noch sehen zu können. Wiederholt versicherte er, er habe ihm etwas von großer Bedeutung zu sagen.

Da er immer wieder dasselbe sagte, wollte ich ihn fragen, was denn jene wichtige Sache sei, die er dem Papst mitteilen wolle.

– Wenn ich mit dem Papst sprechen könnte, würde ich ihm sagen, dass er inmitten der Drangsale, die ihn erwarten, nicht aufhören soll, sich mit besonderer Sorge um England zu kümmern; Gott bereitet dem Katholizismus in jenem Reich einen großen Triumph vor.

– Worauf stützt du diese Worte?

– Ich sage es Ihnen, aber ich möchte nicht, dass Sie mit anderen darüber sprechen, damit ich nicht vielleicht dem Spott ausgesetzt werde. Wenn Sie jedoch nach Rom gehen, sagen Sie es Pius IX. Es war so: Eines schönen Morgens, während ich nach der Kommunion die Danksagung hielt, wurde ich von einer starken Zerstreuung überrascht. Mir schien, ich sähe eine riesige Ebene voller Menschen, die in dichten Nebel gehüllt waren. Sie gingen umher, aber wie Menschen, die den Weg verloren haben und nicht mehr sehen, wohin sie den Fuß setzen. ‚Dieses Land‘, sagte mir jemand, der neben mir stand, ‚ist England.‘ Als ich noch Weiteres fragen wollte, sah ich Papst Pius IX., genau so, wie ich ihn auf einigen Bildern dargestellt gesehen hatte. Majestätisch gekleidet und eine überaus helle Fackel in den Händen tragend, schritt er auf jene ungeheure Menschenmenge zu. Je näher er kam, desto mehr verschwand im Licht dieser Fackel der Nebel, und die Menschen standen in einer Helligkeit wie am Mittag. ‚Diese Fackel‘, sagte mir der Begleiter, ‚ist die katholische Religion, die die Engländer erleuchten soll.‘

      Als ich im Jahr 1858 nach Rom kam, wollte ich diese Begebenheit dem Papst erzählen, der sie mit Güte und Freude anhörte. ‚Dies‘, sagte der Papst, ‚bestärkt mich in meinem Vorsatz, mit Nachdruck zugunsten Englands zu arbeiten, dem ich bereits meine lebhafteste Sorge zugewandt habe. Dieser Bericht ist für mich, wenn nichts anderes, doch wie der Rat einer guten Seele.‘

Viele andere ähnliche Begebenheiten lasse ich aus. Es genügt mir, sie schriftlich festzuhalten und anderen zu überlassen, sie zu veröffentlichen, wenn man der Ansicht sein wird, dass dies zur größeren Ehre Gottes dient.

 

 

KAPITEL XXI. Seine Gedanken über den Tod und seine Vorbereitung auf einen heiligen Tod

 

Wer gelesen hat, was wir bisher über den jungen Domenico Savio geschrieben haben, wird leicht erkennen, dass sein Leben eine beständige Vorbereitung auf den Tod war. Er betrachtete die Gesellschaft von der Unbefleckten Empfängnis als ein wirksames Mittel, sich den Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria in der Todesstunde zu sichern, die ihm, wie jeder ahnte, nicht fern war. Ich weiß nicht, ob er von Gott eine Offenbarung über den Tag und die Umstände seines Todes erhalten hatte oder nur eine fromme Vorahnung. Sicher ist jedoch, dass er lange vor seinem Tod davon sprach und zwar mit einer solchen Klarheit, dass jemand, der erst nach seinem Tod darüber gesprochen hätte, es nicht besser hätte tun können.

Mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand wurde alles getan, um ihn beim Studium und bei den Übungen der Frömmigkeit zu mäßigen. Dennoch nahmen seine Kräfte von Tag zu Tag ab, sei es wegen seiner natürlichen Zartheit, wegen einiger persönlicher Beschwerden oder wegen der beständigen Anspannung des Geistes. Er selbst bemerkte es und sagte bisweilen: ‚Ich muss mich beeilen, sonst überrascht mich die Nacht auf dem Weg.‘ Damit wollte er sagen, dass ihm nur wenig Lebenszeit blieb und er eifrig gute Werke tun müsse, bevor der Tod komme.

In diesem Haus ist es Brauch, dass unsere jungen Menschen einmal im Monat die Übung vom guten Tod halten. Diese Übung besteht darin, sich auf Beichte und Kommunion vorzubereiten, als wären es die letzten des Lebens. Der regierende Papst Pius IX. hat in seiner großen Güte diese Übung mit verschiedenen Ablässen bereichert. Domenico hielt sie mit einer Sammlung, wie man sie größer nicht beschreiben kann. Am Ende der heiligen Feier pflegt man ein Vaterunser und Ave Maria für denjenigen zu beten, der unter den Anwesenden als Erster sterben wird. Eines Tages sagte er scherzend: ‚Statt zu sagen: für denjenigen, der als Erster sterben wird, sagen Sie doch so: ein Vaterunser und Ave Maria für Domenico Savio, der von uns als Erster sterben wird.‘ Das sagte er mehrmals.

Gegen Ende April 1856 trat er zum Direktor und fragte ihn, wie er den Marienmonat heilig begehen solle.

– Du wirst ihn feiern – antwortete dieser –, indem du deine Pflichten genau erfüllst, jeden Tag ein Beispiel zu Ehren Mariens erzählst und dich bemühst, so zu leben, dass du täglich die heilige Kommunion empfangen kannst.

– Das werde ich gewissenhaft zu tun versuchen; aber um welche Gnade soll ich bitten?

– Du wirst die heilige Jungfrau bitten, dir von Gott Gesundheit und Gnade zu erwirken, damit du heilig wirst.

– Dass sie mir helfe, heilig zu werden, dass sie mir helfe, einen heiligen Tod zu sterben, und dass sie mir in den letzten Augenblicken des Lebens beistehe und mich in den Himmel führe.

Tatsächlich zeigte er im Verlauf jenes Monats einen solchen Eifer, dass er wie ein Engel in menschlicher Gestalt erschien. Wenn er schrieb, sprach er von Maria; wenn er studierte, sang oder zur Schule ging, geschah alles zu ihrer Ehre. In der Erholungszeit sorgte er dafür, jeden Tag ein Beispiel bereit zu haben, um es bald diesen, bald jenen versammelten Gefährten zu erzählen.

Eines Tages sagte ein Gefährte zu ihm: ‚Wenn du in diesem Jahr alles tust, was willst du dann im nächsten Jahr noch tun?‘

– Lass mich nur machen – antwortete er. – In diesem Jahr will ich tun, was ich kann; nächstes Jahr, wenn ich noch da bin, werde ich dir sagen, was ich tun werde.

Um alle Mittel zu nutzen, die ihm zur Wiedererlangung der Gesundheit dienen konnten, ließ ich mehrere Ärzte zu einer Beratung zusammenkommen. Alle bewunderten Domenicos Heiterkeit, seine Geistesgegenwart und die Besonnenheit seiner Antworten. Doktor Francesco Vallauri seligen Andenkens, einer der verdienstvollen beratenden Ärzte, sagte voller Bewunderung: ‚Welch kostbare Perle ist doch dieser junge Mensch!‘

– Was ist die Ursache des Leidens, durch das seine Gesundheit von Tag zu Tag mehr abnimmt? – fragte ich ihn.

– Seine zarte Konstitution, seine früh entwickelte Einsicht und die fortwährende Anspannung des Geistes sind wie Feilen, die unmerklich an seinen Lebenskräften zehren.

– Welches Heilmittel könnte ihm am meisten nützen?

– Das nützlichste Heilmittel wäre, ihn ins Paradies gehen zu lassen, wofür er mir sehr gut vorbereitet scheint. Das Einzige, was sein Leben noch verlängern könnte, wäre, ihn für einige Zeit ganz vom Studium fernzuhalten und ihn mit körperlichen Beschäftigungen zu betrauen, die seinen Kräften angemessen sind.

 

 

KAPITEL XXII. Seine Sorge für die Kranken – Er verlässt das Oratorium – Seine Worte bei dieser Gelegenheit

 

Die Erschöpfung seiner Kräfte war nicht so groß, dass sie ihn ständig ans Bett gefesselt hätte; daher ging er zuweilen zur Schule oder zum Studium oder beschäftigte sich mit häuslichen Arbeiten. Zu den Dingen, denen er sich mit besonderer Freude widmete, gehörte der Dienst an kranken Kameraden, wenn sich solche im Haus befanden.

– Ich habe vor Gott keinerlei Verdienst, sagte er, wenn ich die Kranken pflege oder besuche, denn ich tue es mit allzu großer Freude; ja, es ist für mich eine liebe Erholung.

Während er ihnen leibliche Dienste erwies, verstand er es sehr geschickt, stets auch etwas Geistliches anzuregen. Dieser Leib, sagte er zu einem kranken Kameraden, wird doch nicht ewig dauern, nicht wahr? Man muss zulassen, dass er sich nach und nach abnutzt, bis er ins Grab kommt; dann aber, mein Lieber, wird unsere Seele, von den Fesseln des Leibes befreit, glorreich zum Himmel fliegen und eine Gesundheit und ein Glück ohne Ende genießen.

Es geschah, dass ein Kamerad sich weigerte, eine Arznei zu trinken, weil sie bitter war. Mein Lieber, sagte Domenico zu ihm, wir müssen jedes Heilmittel einnehmen, denn damit gehorchen wir Gott, der Ärzte und Arzneien eingesetzt hat, weil sie notwendig sind, um die verlorene Gesundheit wiederzuerlangen; und wenn uns der Geschmack widersteht, werden wir für unsere Seele umso mehr Verdienst erwerben. Glaubst du übrigens, deine Arznei sei so bitter und herb wie die Galle mit Essig, die Jesus am Kreuz zu trinken bekam? Diese Worte, mit seiner bewundernswerten Offenheit gesprochen, bewirkten, dass niemand mehr Einwände zu erheben wagte.

Obwohl Savios Gesundheit sehr angegriffen war, war der Gedanke, nach Hause zu gehen, für ihn höchst unangenehm, weil es ihm leidtat, sein Studium und seine gewohnten Frömmigkeitsübungen zu unterbrechen. Einige Monate zuvor hatte ich ihn bereits nach Hause geschickt; doch er blieb dort nur wenige Tage, und bald sah ich ihn wieder im Oratorium erscheinen. Ich muss es sagen: Der Schmerz darüber war gegenseitig; ich hätte ihn um jeden Preis in diesem Haus behalten, denn meine Zuneigung zu ihm war die eines Vaters zu einem Sohn, der aller Liebe würdig ist. Doch der Rat der Ärzte lautete so, und ich wollte ihm folgen, umso mehr, als sich seit einigen Tagen ein hartnäckiger Husten gezeigt hatte.

Man benachrichtigte daher den Vater und setzte die Abreise auf den 1. März 1857 fest.

Domenico fügte sich diesem Entschluss, aber nur, um Gott ein Opfer daraus zu machen. Warum, fragte man ihn, gehst du so ungern nach Hause, wo du dich doch freuen solltest, die Gesellschaft deiner geliebten Eltern zu genießen? Weil, antwortete er, ich meine Tage im Oratorium beschließen möchte.

– Du wirst nach Hause gehen, und wenn du dich gesundheitlich etwas erholt hast, wirst du zurückkehren.

– O nein, das nicht, nein; ich gehe fort und werde nicht mehr zurückkehren.

Am Abend vor seiner Abreise wich er mir nicht von der Seite; immer hatte er etwas zu fragen. Unter anderem sagte er: Was ist das Beste, was ein Kranker tun kann, um vor Gott Verdienste zu erwerben?

– Gott häufig das aufopfern, was er leidet.

– Was könnte er noch tun?

– Dem Herrn sein Leben aufopfern.

– Kann ich sicher sein, dass mir meine Sünden vergeben worden sind?

– Ich versichere dir im Namen Gottes, dass dir deine Sünden vergeben worden sind.

– Kann ich sicher sein, dass ich gerettet werde?

– Ja, durch die göttliche Barmherzigkeit, die dir nicht fehlt, kannst du deiner Rettung sicher sein.

– Wenn der Teufel käme, um mich zu versuchen, was sollte ich ihm antworten?

– Du wirst ihm antworten, dass du deine Seele Jesus Christus übergeben hast und dass er sie um den Preis seines Blutes erkauft hat; wenn der Teufel dir noch eine andere Schwierigkeit vorhielte, wirst du ihn fragen, was er für deine Seele getan habe. Jesus Christus dagegen hat sein ganzes Blut vergossen, um sie aus der Hölle zu befreien und sie mit sich ins Paradies zu führen.

– Werde ich vom Paradies aus meine Kameraden im Oratorium und meine Eltern sehen können?

– Ja, vom Paradies aus wirst du alles sehen, was im Oratorium geschieht; du wirst deine Eltern und alles, was sie betrifft, sehen und noch tausendmal schönere Dinge.

– Werde ich sie besuchen kommen können?

– Du wirst kommen können, sofern dies zur größeren Ehre Gottes gereicht.

Diese und sehr viele andere Fragen stellte er und glich einem Menschen, der schon mit einem Fuß an der Pforte des Paradieses stand und sich, bevor er eintrat, noch genau über die Dinge unterrichten wollte, die sich darin befanden.

 

 

KAPITEL XXIII. Er verabschiedet sich von seinen Kameraden

 

Am Morgen seiner Abreise hielt er mit seinen Kameraden die Übung vom guten Tod, und zwar mit solcher Andacht bei der Beichte und beim Kommunionempfang, dass ich, der ich Zeuge davon war, nicht weiß, wie ich es ausdrücken soll. Ich muss, sagte er, diese Übung gut machen, denn ich hoffe, dass sie für mich wirklich die Übung meines guten Todes sein wird. Sollte ich auf dem Weg sterben, hätte ich wenigstens schon die Kommunion empfangen. Den Rest des Vormittags verwendete er ganz darauf, seine Sachen in Ordnung zu bringen. Er richtete seinen Koffer her und legte jeden Gegenstand so hinein, als müsste er ihn nie mehr berühren. Danach ging er von einem Kameraden zum andern: Dem einen gab er einen Rat, einen anderen ermahnte er, sich von einem Fehler zu bessern, einen dritten ermunterte er, im Guten auszuharren. Einen, dem er zwei Soldi zurückgeben musste, rief er zu sich und sagte: Komm her, bringen wir unsere Rechnung in Ordnung, sonst wird mir das bei der Abrechnung mit dem Herrn Schwierigkeiten machen. Er sprach zu den Mitgliedern der Gesellschaft der Unbefleckten Empfängnis und ermunterte sie mit den lebhaftesten Worten, in der Erfüllung der der allerseligsten Maria gegebenen Versprechen standhaft zu bleiben und ihr das lebendigste Vertrauen zu schenken. Im Augenblick der Abreise rief er mich und sagte genau diese Worte: Sie wollen also diesen meinen Kadaver (carcame, das heißt Skelett) nicht behalten, und ich bin gezwungen, ihn nach Mondonio mitzunehmen. Die Mühe würde nur wenige Tage dauern … dann wäre alles vorbei; doch der Wille Gottes geschehe. Wenn Sie nach Rom gehen, denken Sie an den Auftrag wegen Englands beim Papst; beten Sie, dass ich einen guten Tod sterben darf, und auf Wiedersehen im Paradies. Wir waren an der Tür angelangt, die aus dem Oratorium hinausführte, und er hielt noch immer meine Hand fest, als er sich den Kameraden zuwandte, die ihn umringten, und sagte: Lebt wohl, geliebte Kameraden, lebt alle wohl; betet für mich, und auf Wiedersehen dort, wo wir immer beim Herrn sein werden. Er war schon an der Hoftür, als ich ihn zurückkommen und zu mir sagen sah:

– Geben Sie mir ein Geschenk, das ich als Andenken an Sie bewahren kann.

– Sag mir, welches Geschenk dir gefällt, und ich gebe es dir sofort. Möchtest du ein Buch?

– Nein; etwas Besseres.

– Möchtest du Geld für die Reise?

– Ja, gerade das: Geld für die Reise in die Ewigkeit. Sie haben gesagt, dass Sie vom Papst einige vollkommene Ablässe für die Todesstunde erhalten haben; nehmen Sie auch mich unter diejenigen auf, die daran teilhaben können.

– Ja, mein Sohn, auch du kannst in diese Zahl aufgenommen werden, und ich werde deinen Namen sofort in jenes Verzeichnis eintragen.

Danach verließ er das Oratorium, wo er etwa drei Jahre mit so großer Freude für sich selbst und zu so großer Erbauung seiner Kameraden und seiner Oberen gelebt hatte; er verließ es, um nie mehr zurückzukehren.

Wir alle waren über seine ungewöhnlichen Abschiedsgrüße erstaunt. Wir wussten, dass er unter vielen gesundheitlichen Beschwerden litt; da er sich jedoch fast immer außer Bett hielt, maßen wir seiner Krankheit keine große Bedeutung bei. Zudem war seine Miene stets heiter, sodass niemand seinem Gesicht ansehen konnte, dass er an körperlichen oder seelischen Leiden litt. Obwohl uns jene ungewöhnlichen Abschiedsgrüße betrübt hatten, hofften wir doch, ihn bald wieder unter uns zurückkehren zu sehen. Aber so war es nicht: Er war reif für den Himmel; in seinem kurzen Leben hatte er bereits den Lohn der Gerechten verdient, als hätte er ein sehr hohes Alter erreicht, und der Herr wollte ihn in der Blüte seiner Jahre zu sich rufen, um ihn von den Gefahren zu befreien, an denen oft selbst die besten Seelen Schiffbruch erleiden.

 

 

KAPITEL XXIV. Verlauf seiner Krankheit – Letzte Beichte, Empfang der Wegzehrung – Erbauliche Begebenheiten

 

Unser Domenico verließ Turin am 1. März um zwei Uhr nachmittags in Begleitung seines Vaters, und die Reise verlief gut; ja, es schien, als hätten ihm die Fahrt, der Wechsel der Landschaft und die Gesellschaft seiner Angehörigen gutgetan. Zu Hause angekommen, blieb er vier Tage lang außer Bett. Als man jedoch sah, dass seine Kräfte und sein Appetit abnahmen und der Husten immer stärker wurde, hielt man es für gut, ihn vom Arzt untersuchen zu lassen. Dieser fand die Krankheit weit ernster, als sie äußerlich erschien. Er ordnete an, dass er zu Hause bleibe und sich sofort zu Bett lege, und da er eine entzündliche Erkrankung annahm, ließ er Aderlässe vornehmen.

Es ist der Jugend eigen, vor Aderlässen große Furcht zu empfinden. Daher ermahnte der Wundarzt Domenico, als er den Eingriff begann, das Gesicht abzuwenden, Geduld zu haben und Mut zu fassen. Er aber lachte und sagte: Was ist schon ein kleiner Stich im Vergleich mit den Nägeln, die in die Hände und Füße unseres unschuldigsten Erlösers geschlagen wurden? Dann sah er während des ganzen Eingriffs mit völliger Seelenruhe, scherzend und ohne das geringste Zeichen von Unruhe, zu, wie das Blut aus seinen Adern floss. Nach einigen Aderlässen schien sich die Krankheit zu bessern; so versicherte der Arzt, so glaubten die Angehörigen: Domenico aber dachte anders. Von dem Gedanken geleitet, dass es besser sei, die Sakramente rechtzeitig zu empfangen, als sie zu versäumen, rief er seinen Vater: Papa, sagte er zu ihm, es ist gut, wenn wir den himmlischen Arzt zu Rate ziehen. Ich möchte beichten und die heilige Kommunion empfangen.

Die Eltern, die ebenfalls glaubten, die Krankheit bessere sich, hörten diesen Wunsch mit Schmerz; nur um ihm zu willfahren, ließ man den Pfarrer rufen, damit er ihm die Beichte abnehme. Dieser kam sogleich zur Beichte und brachte ihm danach, wiederum um ihm zu willfahren, die heilige Wegzehrung. Jeder kann sich vorstellen, mit welcher Andacht und Sammlung er kommunizierte. Jedes Mal, wenn er zu den heiligen Sakramenten trat, schien er stets ein heiliger Aloisius zu sein. Nun aber, da er glaubte, dies sei wirklich die letzte Kommunion seines Lebens, wer könnte den Eifer und die zärtlichen Regungen ausdrücken, die aus jenem unschuldigen Herzen zu seinem geliebten Jesus emporstiegen?

Da erinnerte er sich an die Versprechen, die er bei der ersten Kommunion gegeben hatte. Mehrmals sagte er: Ja, ja, o Jesus, o Maria, ihr werdet jetzt und immer die Freunde meiner Seele sein. Ich wiederhole es und sage es tausendmal: lieber sterben als sündigen. Nach der Danksagung sagte er ganz ruhig: Jetzt bin ich zufrieden; es ist wahr, dass ich die lange Reise in die Ewigkeit antreten muss, aber mit Jesus als meinem Begleiter habe ich nichts zu fürchten. O sagt es immer, sagt es allen: Wer Jesus zum Freund und Gefährten hat, braucht kein Übel mehr zu fürchten, nicht einmal den Tod.

Seine Geduld war bei allen Beschwerden, die er im Lauf seines Lebens ertrug, beispielhaft; in dieser letzten Krankheit aber erschien er als ein wahres Vorbild der Heiligkeit.

Er wollte nicht, dass ihm jemand bei den gewöhnlichen Bedürfnissen half. Solange ich kann, sagte er, möchte ich meinen lieben Eltern die Mühe verringern; sie haben meinetwegen schon so viele Beschwerden und Mühen ertragen; könnte ich es ihnen doch wenigstens irgendwie vergelten! Auch die widerwärtigsten Arzneien nahm er gleichmütig ein; zehn Aderlässe ertrug er, ohne die geringste Missstimmung zu zeigen.

Nach vier Krankheitstagen freute sich der Arzt mit dem Kranken und sagte zu den Angehörigen: Danken wir der göttlichen Vorsehung, wir sind an einem guten Punkt; die Krankheit ist überwunden, wir brauchen nur noch eine vernünftige Genesungszeit. Die guten Eltern freuten sich über diese Worte. Domenico aber begann zu lachen und fügte hinzu: Die Welt ist überwunden; ich muss mich nur noch in rechter Weise vor Gott einfinden. Nachdem der Arzt gegangen war, ließ er sich von dessen Worten nicht täuschen und bat, ihm das Sakrament der heiligen Ölung zu spenden. Auch hierin gaben die Angehörigen ihm nach, denn weder sie noch der Pfarrer sahen bei ihm eine unmittelbare Todesgefahr; vielmehr ließen die Heiterkeit seines Gesichtes und die Fröhlichkeit seiner Worte ihn tatsächlich als auf dem Weg der Besserung erscheinen. Ob er nun von frommen Empfindungen bewegt war oder von einer göttlichen Stimme, die zu seinem Herzen sprach, eingegeben wurde: Tatsache ist, dass er die Tage und Stunden seines Lebens zählte, wie man mit Rechenoperationen zählt, und jeden Augenblick dazu benutzte, sich auf das Erscheinen vor Gott vorzubereiten. Bevor er die heilige Ölung empfing, betete er: O Herr, vergebt meine Sünden; ich liebe euch, ich will euch in Ewigkeit lieben! Dieses Sakrament, das ich durch eure unendliche Barmherzigkeit empfangen darf, tilge aus meiner Seele alle Sünden, die ich mit dem Gehör, mit den Augen, mit dem Mund, mit den Händen und mit den Füßen begangen habe; mein Leib und meine Seele mögen durch die Verdienste eures Leidens geheiligt werden. Amen.

Bei jeder Gelegenheit antwortete er mit solcher Klarheit der Stimme und solcher Folgerichtigkeit der Gedanken, dass wir ihn für vollkommen gesund gehalten hätten.

Es war der 9. März, der vierte Tag seiner Krankheit und der letzte seines Lebens. Man hatte bereits zehn Aderlässe und andere Heilmittel angewandt, und seine Kräfte waren völlig erschöpft; deshalb wurde ihm der päpstliche Segen erteilt. Er selbst sprach das Confiteor und antwortete auf die Worte des Priesters. Als er hörte, dass der Papst ihm durch diesen religiösen Akt den apostolischen Segen mit vollkommenem Ablass gewährte, empfand er den größten Trost. Deo gratias, sagte er immer wieder, et semper Deo gratias. Dann wandte er sich zum Kreuz und sprach diese Verse, die ihm während seines Lebens sehr vertraut waren:

 

Herr, meine ganze Freiheit schenke ich euch,

Hier sind meine Kräfte, hier ist mein Leib,

Alles geb’ ich euch, denn alles ist euer, o Gott,

Und eurem Willen überlasse ich mich.

 

 

KAPITEL XXV. Seine letzten Augenblicke und sein kostbarer Tod

 

Es ist eine Glaubenswahrheit, dass der Mensch im Augenblick des Todes die Frucht seiner Werke erntet. Quae seminaverit homo, haec et metet. Hat er in seinem Leben gute Werke gesät, so wird er in jenen letzten Augenblicken Früchte des Trostes ernten; hat er böse Werke gesät, so wird er Trostlosigkeit über Trostlosigkeit ernten. Dennoch kommt es zuweilen vor, dass gute Seelen nach einem heiligen Leben beim Nahen der Todesstunde Furcht und Schrecken empfinden. Dies geschieht nach den anbetungswürdigen Ratschlüssen Gottes, der jene Seelen von den kleinen Flecken reinigen will, die sie vielleicht im Leben angenommen haben, und ihnen so die Krone der Herrlichkeit im Himmel sichern und noch schöner machen will. Bei unserem Savio war es nicht so. Ich glaube, Gott wollte ihm schon jenes Hundertfache schenken, das er den Seelen der Gerechten der Herrlichkeit des Paradieses vorausgehen lässt. Denn die bis zum letzten Augenblick des Lebens bewahrte Unschuld, sein lebendiger Glaube, seine unablässigen Gebete, seine langen Bußübungen und sein ganzes von Prüfungen durchzogenes Leben verdienten ihm gewiss jenen Trost in der Todesstunde.

So sah er den Tod mit der Ruhe einer unschuldigen Seele herannahen; ja, es schien, als empfinde selbst sein Leib nicht die Nöte und Bedrängnisse, die von den Anstrengungen untrennbar sind, mit denen die Seele natürlicherweise die Fesseln des Leibes löst. Kurz, Savios Tod kann eher Ruhe als Tod genannt werden.

Es war der Abend des 9. März 1857. Er hatte alle Tröstungen unserer heiligen katholischen Religion empfangen. Wer ihn nur sprechen hörte und die Heiterkeit seines Gesichtes sah, hätte gemeint, er liege zur Erholung im Bett. Die fröhliche Miene, die noch immer lebhaften Blicke und sein volles Bewusstsein erstaunten alle, und niemand außer ihm selbst konnte sich vorstellen, dass er im Sterben lag.

Eineinhalb Stunden, bevor er den letzten Atemzug tat, besuchte ihn der Pfarrer; als er seine Ruhe sah, hörte er mit Staunen zu, wie er seine Seele Gott empfahl. Domenico sprach häufige und lange Stoßgebete, die alle seinen lebhaften Wunsch ausdrückten, bald in den Himmel zu gehen. Was soll man zur Empfehlung der Seele einem Sterbenden dieser Art noch sagen? sagte der Pfarrer. Nachdem er mit ihm einige Gebete gesprochen hatte, wollte der Pfarrer hinausgehen, als Savio ihn rief und sagte: Herr Pfarrer, bevor Sie gehen, geben Sie mir noch einen Gedanken mit. – Ich wüsste nicht, antwortete er, welchen Gedanken ich dir noch mitgeben sollte. – Etwas, das mich tröstet. – Ich kann dir nichts anderes sagen, als dass du dich an das Leiden des Herrn erinnerst. – Deo gratias, antwortete er, das Leiden unseres Herrn Jesus Christus sei immer in meinem Geist, in meinem Mund, in meinem Herzen. Jesus, Josef und Maria, steht mir in diesem letzten Todeskampf bei; Jesus, Josef und Maria, in Frieden mit euch scheide meine Seele. Nach diesen Worten schlief er ein und ruhte eine halbe Stunde. Dann erwachte er, blickte seine Angehörigen an und sagte: Papa, jetzt ist es soweit.

– Hier bin ich, mein Sohn; was brauchst du?

– Mein lieber Papa, es ist Zeit; nehmt meinen Giovane provveduto[13] und lest mir die Gebete für einen guten Tod vor.

Bei diesen Worten brach die Mutter in Tränen aus und verließ das Zimmer des Kranken. Dem Vater wollte das Herz vor Schmerz brechen, und die Tränen erstickten seine Stimme; dennoch fasste er Mut und begann jenes Gebet zu lesen. Domenico wiederholte aufmerksam und deutlich jedes Wort; am Ende jedes Abschnitts wollte er jedoch allein sagen: Barmherziger Jesus, habt Erbarmen mit mir. Als man zu den Worten gelangte: Wenn meine Seele schließlich vor euch erscheinen und zum ersten Mal den unsterblichen Glanz eurer Majestät sehen wird, verwerft sie nicht von eurem Angesicht, sondern geruht, mich in den liebenden Schoß eurer Barmherzigkeit aufzunehmen, damit ich ewig euer Lob singe; nun, fügte er hinzu, genau das ist es, was ich wünsche. O lieber Papa, ewig das Lob des Herrn zu singen! Danach schien er wieder ein wenig einzuschlafen wie jemand, der ernsthaft über eine Sache von großer Bedeutung nachdenkt. Kurz darauf erwachte er und sagte mit klarer, lächelnder Stimme: Leb wohl, lieber Papa, leb wohl; der Pfarrer wollte mir noch etwas sagen, und ich kann mich nicht mehr daran erinnern … O, was für eine schöne Sache sehe ich! Während er dies sagte und mit paradiesischer Miene lächelte, hauchte er, die Hände in Kreuzform vor der Brust gefaltet, ohne die geringste Bewegung seine Seele aus.

Geh nun, treue Seele, zu deinem Schöpfer; der Himmel steht dir offen, die Engel und die Heiligen haben dir ein großes Fest bereitet; jener Jesus, den du so sehr geliebt hast, lädt dich ein und ruft dir zu: Komm, guter und treuer Diener, komm; du hast gekämpft und den Sieg errungen, nun komm und nimm Besitz von einer Freude, die dir niemals mehr fehlen wird: Intra in gaudium Domini tui.

 

 

KAPITEL XXVI. Nachricht von seinem Tod – Worte von Prof. Don Picco an seine Schüler

 

Als Domenicos Vater sah, wie er die von uns berichteten Worte sprach und dann den Kopf senkte, als wolle er ruhen, meinte er wirklich, er sei wieder eingeschlafen. Er ließ ihn einige Augenblicke in dieser Haltung; dann wollte er ihn rufen und bemerkte, dass er bereits tot war. Ich überlasse es jedem, sich die Trostlosigkeit der Eltern beim Verlust eines Sohnes vorzustellen, der mit Unschuld und Frömmigkeit die liebenswürdigsten Umgangsformen verband, die ihn allen teuer machten!

Auch wir im Haus des Oratoriums warteten voller Sorge auf Nachrichten von diesem verehrten Freund und Kameraden, als ich von seinem Vater einen Brief erhielt, der so begann: „Mit Tränen in den Augen teile ich Ihnen die traurigste Nachricht mit: Mein lieber Sohn Domenico, Ihr Schüler, wie eine reine Lilie, wie Aloisius Gonzaga, gab gestern Abend, am 9. dieses Monats März, seine Seele dem Herrn zurück, nachdem er in der tröstlichsten Weise die heiligen Sakramente und den päpstlichen Segen empfangen hatte.“

Diese Nachricht versetzte seine Kameraden in Bestürzung. Der eine beweinte in ihm den Verlust eines Freundes, eines treuen Ratgebers; ein anderer beklagte, ein Vorbild wahrer Frömmigkeit verloren zu haben. Einige versammelten sich, um für die Ruhe seiner Seele zu beten. Die meisten aber sagten:

Er war heilig; jetzt ist er schon im Paradies. Andere begannen, sich ihm als einem Fürsprecher bei Gott anzuvertrauen. Alle wetteiferten darum, irgendeinen Gegenstand zu erhalten, der ihm gehört hatte.

Als Prof. Don Picco diese Nachricht erhielt, war er tief betrübt. Nachdem seine Schüler versammelt waren, teilte er ihnen tief bewegt die traurige Nachricht mit folgenden Worten mit: „Es ist noch nicht lange her, meine lieben jungen Freunde, dass ich, als ich mit euch zufällig über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens sprach, euch darauf hinwies, dass der Tod manchmal auch euer blühendes Jugendalter nicht verschont. Als Beispiel führte ich euch an, wie vor zwei Jahren gerade in diesen Tagen dieselbe Schule ein junger Mann voller Leben und Kraft besuchte, hier saß und mir zuhörte, der nach einer Abwesenheit von nur wenigen Tagen aus diesem Leben schied, von Verwandten und Freunden beweint.[14] Als ich euch damals jenen schmerzlichen Fall in Erinnerung rief, war ich weit davon entfernt zu denken, dass das laufende Jahr durch einen ähnlichen Schmerz getrübt werden sollte und dass sich ein solches Beispiel so bald an einem von denen erneuern würde, die mir zuhörten. Ja, meine Lieben, ich muss euch mit einer schmerzlichen Nachricht betrüben. Die Sense des Todes hat vorgestern das Leben eines eurer tugendhaftesten Kameraden gemäht, des guten jungen Domenico Savio. Ihr erinnert euch vielleicht, wie er in den letzten Tagen seines Schulbesuchs von einem hartnäckigen Husten gequält wurde; deshalb wunderte sich keiner von uns, als wir hörten, dass er deswegen gezwungen war, der Schule fernzubleiben. Um seine Krankheit besser behandeln zu lassen und weil er, wie er mehreren wiederholt sagte, sein nahes Ende bereits voraussah, folgte er dem Rat der Ärzte und seiner Oberen und kehrte in den Schoß seiner Familie zurück. Dort entwickelte sich die Krankheit mit außerordentlicher Heftigkeit, und nach nur vier Krankheitstagen gab er seinen unschuldigen Geist dem Schöpfer zurück.

„Gestern las ich den Brief, mit dem der trostlose Vater die schmerzliche Nachricht mitteilte; in seiner Schlichtheit zeichnete er ein solches Bild vom heiligen Tod jenes Engels, dass ich zu Tränen gerührt wurde. Er findet keine passenderen Worte, um seinen geliebten Sohn zu loben, als ihn einen zweiten heiligen Aloisius Gonzaga zu nennen, sowohl in der Heiligkeit seines Lebens als auch in der seligen Ergebung in den Tod. Ich versichere euch, dass es mich sehr schmerzt, dass er meine Schule so kurze Zeit besucht hat und dass seine schwache Gesundheit mir in dieser kurzen Zeit nicht gestattet hat, ihn besser kennenzulernen und mit ihm vertrauter zu werden, als es in einer ziemlich zahlreichen Schule möglich ist. Deshalb überlasse ich es seinen Oberen, euch zu sagen, wie heilig seine Gesinnung und wie glühend seine Frömmigkeit war; ich überlasse es seinen Kameraden und Freunden, die täglich mit ihm zusammen waren und vertraut mit ihm umgingen, euch von der Bescheidenheit seiner Sitten und seines ganzen Benehmens und vom Ernst seiner Rede zu erzählen; ich überlasse es seinen Angehörigen, euch von seinem Gehorsam, seinem Respekt und seiner Fügsamkeit zu berichten. Und was könnte ich euch noch in Erinnerung rufen, das euch allen nicht bekannt wäre? Ich will nur sagen, dass er sich stets durch sein Benehmen und seine Ruhe in der Schule, durch seinen Fleiß und seine Genauigkeit bei der Erfüllung jeder Pflicht und durch seine beständige Aufmerksamkeit für meinen Unterricht auszeichnete; und ich wäre glücklich, wenn jeder von euch sich vornähme, seinem heiligen Beispiel zu folgen.

„Noch bevor Alter und Studien es ihm erlaubten, unsere Schule zu besuchen, war er bereits drei Jahre unter denen, die im Oratorium des heiligen Franz von Sales Unterkunft und Unterricht erhielten. Mehrmals hatte ich vom Direktor jenes Oratoriums von ihm sprechen und ihn als einen der fleißigsten und tugendhaftesten jungen Menschen des Hauses rühmen hören. So groß war sein Eifer für das Studium, so rasch der Fortschritt, den er in den ersten Lateinklassen gemacht hatte, dass ich ihn sehr gern zu meinen Schülern zählen wollte und große Erwartungen an die Begabung seines Geistes setzte. Noch bevor ich ihn in meiner Schule hatte, hatte ich ihn einigen meiner Schüler als einen Mitbewerber angekündigt, mit dem es schön sein würde, nicht weniger im Studium als in der Tugend zu wetteifern. Bei meinen häufigen Besuchen im Oratorium sah ich sein so sanftes Gesicht, wie ihr es gekannt habt, und seinen so unschuldigen Blick; nie sah ich ihn, ohne mich gedrängt zu fühlen, ihn zu lieben und zu bewundern. Die schönen Hoffnungen, die ich auf ihn gesetzt hatte, enttäuschte er gewiss nicht, als er im laufenden Schuljahr meine Schule zu besuchen begann. An euch wende ich mich, geliebte junge Freunde, die ihr Zeugen seiner Sammlung und seines Fleißes wart, nicht nur während der Zeit, in der die Pflicht ihn aufforderte, mir zuzuhören, sondern auch in jener Zeit, die viele junge Menschen, denen es an Fügsamkeit und Fleiß nicht fehlt, gewöhnlich ohne Bedenken verlieren. Euch, die ihr nicht nur in der Schule, sondern auch im alltäglichen Zusammenleben seine Kameraden wart, frage ich, ob ihr ihn jemals etwas tun gesehen habt, das gezeigt hätte, dass er eine seiner Pflichten vergessen hätte.

„Ich meine ihn noch zu sehen, wie er mit jener Bescheidenheit, die ihm ganz eigen war, die Schule betrat, seinen Platz einnahm und während der ganzen Zeit vor Unterrichtsbeginn, fern vom eitlen Geschwätz, das bei jungen Menschen seines Alters üblich ist, seine Lektion wiederholte, Notizen schrieb oder sich mit einer nützlichen Lektüre beschäftigte; und wenn dann der Unterricht begann, mit welcher Aufmerksamkeit sah ich sein engelgleiches Gesicht an meinen Worten hängen! Daher ist es nicht verwunderlich, dass er trotz seines zarten Alters und seiner schwachen Gesundheit mit seiner Begabung sehr große Fortschritte im Studium machte. Ein Beweis dafür ist, dass er in einer beträchtlichen Zahl von Jugendlichen, von denen die meisten mehr als mittelmäßig begabt waren, fast immer die ersten Plätze seiner Klasse einnahm, obwohl die Krankheit, die ihn schließlich ins Grab führte, bereits in ihm schlummerte und ihn deshalb zu häufigen Abwesenheiten zwang. Eine Sache aber fesselte meine Aufmerksamkeit ganz besonders und zog meine Bewunderung auf sich: zu sehen, wie sein jugendlicher Geist mit Gott vereint und im Gebet liebevoll und glühend war. Selbst bei weniger zerstreuten jungen Menschen ist es gewöhnlich, dass sie, von natürlicher Lebhaftigkeit und von den Zerstreuungen mitgerissen, denen dieses feurige Alter so leicht unterliegt, sehr wenig über den Sinn der Gebete nachdenken, die sie sprechen sollen, und sie fast ohne innere Regung begleiten. So kommt es, dass bei einem großen Teil von ihnen kaum mehr als Lippen und Stimme beteiligt sind. Wenn also Zerstreuung bei der Jugend schon bei den Gebeten so üblich ist, die sie in der Stille und Ruhe der Kirchen oder in der Einsamkeit ihrer Zimmer bei den täglichen Gebeten an den Herrn richten, dann wisst ihr, junge Freunde, wie viel leichter dies bei den sehr kurzen Gebeten geschieht, die vor und nach dem Schulunterricht gesprochen werden. Gerade dabei durfte ich aber Domenicos Eifer in der Frömmigkeit und die Vereinigung seiner Seele mit Gott bewundern. Wie oft sah ich ihn mit seinem zum Himmel gerichteten Blick – zu jenem Himmel, der so bald seine Wohnung werden sollte – alle seine Empfindungen sammeln und sie mit jener Fülle des Herzens dem Herrn und seiner allerseligsten Mutter darbringen, die solche Gebete verlangen! Und diese Empfindungen, geliebte junge Freunde, waren es, die seine Gedanken bei der Erfüllung jeder Pflicht beseelten; sie waren es, die jede seiner Handlungen und jedes seiner Worte heiligten und sein ganzes Leben auf die Ehre Gottes ausrichteten. O glücklich die jungen Menschen, die sich von solchen Gedanken leiten lassen! Sie werden ihr Glück in diesem und im anderen Leben begründen und auch die Eltern glücklich machen, die sie erziehen, die Lehrer, die sie unterrichten, und alle Menschen, die sich um ihr Wohl bemühen.

Geliebte junge Freunde, das Leben ist ein höchst kostbares Geschenk, das Gott uns gemacht hat, um uns die Möglichkeit zu geben, Verdienste für den Himmel zu erwerben; und so wird es sein, wenn alles, was wir tun, so beschaffen ist, dass es jenem höchsten Geber dargebracht werden kann, wie es unser Domenico tat. Was aber sollen wir von jenem jungen Menschen sagen, der sein ganzes Leben verbringt und das Ziel völlig vergisst, zu dem Gott ihn bestimmt hat; der niemals einen Augenblick findet, in dem er daran denkt, seine Empfindungen dem Schöpfer zu weihen; der in seinem Herzen niemals einer Sehnsucht Raum gibt, die ihn zu seinem Gott erhebt? Und was sollen wir von jenem jungen Menschen sagen, der alles tut, um solche Empfindungen von sich fernzuhalten oder sie zu bekämpfen und zu ersticken, wenn er spürt, dass sie in sein Herz eindringen wollen? Ach, denkt ein wenig über das heilige Leben und das heilige Ende eures so lieben Kameraden nach, über das beneidenswerte Los, dessen er, wie wir vertrauen dürfen, sich erfreut; und dann kehrt mit euren Gedanken zu euch selbst zurück und prüft, was euch noch fehlt, um ihm ähnlich zu werden, und wie ihr sein möchtet, wenn ihr euch wie er an dem Punkt befändet, vor jenem Gericht zu erscheinen, an dem Gott von allen über den kleinsten Fehler strenge Rechenschaft verlangen wird. Wenn ihr bei diesem Vergleich einen großen Unterschied findet, dann nehmt ihn euch zum Vorbild, ahmt seine christlichen Tugenden nach und bereitet eure Seele darauf vor, wie die seine rein und makellos vor den Augen Gottes zu sein, damit wir auf den unerwarteten Ruf, den früher oder später unfehlbar jeder von uns hören muss, mit Heiterkeit im Gesicht und mit einem Lächeln auf den Lippen antworten können, wie es euer engelgleicher Mitschüler tat. Hört noch einen Wunsch, mit dem ich diese Worte schließe. Wenn ich bemerke, dass meine Schüler ihr Verhalten merklich bessern, wenn ich sie von nun an genauer in ihren Pflichten und stärker von der Bedeutung wahrer Frömmigkeit durchdrungen sehe, werde ich dies der heiligen Beispielkraft unseres Domenico zuschreiben und es als eine von oben durch seine Gebete erflehte Gnade ansehen, zum Lohn dafür, dass ihr kurze Zeit seine Kameraden und ich sein Lehrer sein durften.“

So schilderte Prof. Don Picco seinen Schülern den tiefen und schmerzlichen Eindruck, den die Nachricht vom Tod seines lieben Schülers Domenico Savio auf ihn gemacht hatte.

 

 

KAPITEL XXVII. Nacheiferung in Savios Tugend – Viele empfehlen sich ihm an, um himmlische Gnaden zu erlangen, und werden erhört – Ein Andenken für alle

 

Wer gelesen hat, was wir über den jungen Domenico Savio geschrieben haben, wird sich nicht darüber wundern, dass Gott sich würdigte, ihn mit besonderen Gaben zu begünstigen und seine Tugenden auf vielerlei Weise erstrahlen zu lassen. Schon zu seinen Lebzeiten bemühten sich viele, seinen Ratschlägen und Beispielen zu folgen und seine Tugenden nachzuahmen; viele empfahlen sich, bewegt von seinem untadeligen Verhalten, der Heiligkeit seines Lebens und der Unschuld seiner Sitten, seinem Gebet. Und es werden nicht wenige Gnaden erzählt, die durch die Gebete des jungen Savio zu Gott erlangt wurden, solange er noch im irdischen Leben war. Nach seinem Tod aber wuchsen das Vertrauen und die Verehrung ihm gegenüber sehr stark.

Kaum war die Nachricht von seinem Tod zu uns gelangt, da nannten ihn mehrere seiner Kameraden einen Heiligen. Sie versammelten sich, um die Litanei für einen Verstorbenen zu beten; statt aber ora pro eo, das heißt: Heilige Maria, bitte für die Ruhe seiner Seele, zu antworten, sagten nicht wenige: ora pro nobis: Heilige Maria, bitte für uns. Denn, sagten sie, Savio genießt zu dieser Stunde bereits die Herrlichkeit des Paradieses und braucht unsere Gebete nicht mehr.

Andere fügten hinzu: Wenn Domenico Savio, der ein so reines und heiliges Leben führte, nicht unmittelbar ins Paradies gegangen ist, wer kann dann hoffen, dorthin zu gelangen? So bemühten sich schon damals verschiedene Freunde und Kameraden, die seine Tugenden zu Lebzeiten bewundert hatten, ihn sich im Guten zum Vorbild zu nehmen, und begannen, sich ihm als himmlischem Beschützer anzuvertrauen.

Fast jeden Tag erzählte man von empfangenen Gnaden, bald für den Leib, bald für die Seele. Ich sah einen jungen Menschen, der unter Zahnschmerzen litt, die ihn außer sich brachten. Nachdem er sich mit einem kurzen Gebet seinem Kameraden Savio empfohlen hatte, wurde er augenblicklich ruhig und ist bis heute von diesem quälenden Leiden nicht mehr heimgesucht worden. Viele empfahlen sich ihm, um von Fieber befreit zu werden, und wurden erhört. Ich war Zeuge eines Falles, in dem jemand augenblicklich die Gnade erhielt, von heftigem Fieber befreit zu werden.[15] Vor mir liegen viele Berichte von Personen, die himmlische Gnaden schildern, die sie durch Savios Fürsprache von Gott erlangt haben. Obwohl Charakter und Ansehen der Personen, die diese Tatsachen bezeugen, in jeder Hinsicht glaubwürdig sind, halte ich es, da sie noch leben, für besser, sie vorerst wegzulassen und mich hier nur darauf zu beschränken, eine besondere Gnade zu berichten, die ein Philosophiestudent, ein Schulkamerad Domenicos, erhalten hat.

Im Jahr 1858 erlitt dieser junge Mann schwere gesundheitliche Beschwerden. Seine Gesundheit war so angegriffen, dass er den Philosophiekurs unterbrechen und sich vielen Behandlungen unterziehen musste; am Ende des Jahres war es ihm nicht möglich, die Prüfung abzulegen. Es lag ihm sehr am Herzen, sich wenigstens auf die Allerheiligenprüfung vorbereiten zu können, denn auf diese Weise hätte er den Verlust eines Studienjahres vermieden. Doch als seine Beschwerden zunahmen, schwanden seine Hoffnungen immer mehr. Er verbrachte den Herbst teils bei seinen Verwandten in der Heimat, teils bei Freunden auf dem Land und glaubte bereits, seine Gesundheit habe sich etwas gebessert. Als er aber nach Turin zurückkehrte und kurze Zeit zu studieren begann, erlitt er einen schlimmeren Rückfall als zuvor. „Ich stand kurz vor den Prüfungen“, berichtet er, „und meine Gesundheit befand sich in beklagenswertem Zustand. Magen- und Kopfbeschwerden nahmen mir jede Hoffnung, die ersehnte Prüfung ablegen zu können, die für mich von größter Bedeutung war. Ermutigt durch alles, was ich über meinen geliebten Kameraden Domenico erzählen hörte, wollte auch ich mich ihm empfehlen und hielt zu Gott eine Novene zu Ehren dieses meines Mitschülers. Unter den Gebeten, die ich mir vorgenommen hatte, war dieses: Lieber Kamerad, du, der du zu meinem größten Trost und Glück mehr als ein Jahr mein Mitschüler warst, du, der du mit mir in heiligem Wettstreit darum rangst, in unserer Klasse den ersten Platz einzunehmen, du weißt, wie sehr ich meine Prüfung ablegen muss. Erbitte mir daher, ich bitte dich, vom Herrn ein wenig Gesundheit, damit ich mich vorbereiten kann.

„Noch war der fünfte Tag der Novene nicht vollendet, als sich meine Gesundheit so merklich und rasch zu bessern begann, dass ich mich bald ans Studium setzen und mit ungewöhnlicher Leichtigkeit die vorgeschriebenen Stoffe lernen und die Prüfung sehr gut bestehen konnte. Die Gnade war auch nicht nur von kurzer Dauer; denn gegenwärtig befinde ich mich in einem geregelten Gesundheitszustand, wie ich ihn seit mehr als einem Jahr nicht mehr genossen hatte. Ich erkenne diese Gnade als von Gott durch die Fürsprache dieses meines Kameraden erlangt an, der zu Lebzeiten mein vertrauter Freund war und mir jetzt, da er die Herrlichkeit des Himmels genießt, Hilfe und Trost ist. Seit diese Gnade erlangt wurde, sind mehr als zwei Monate vergangen, und meine Gesundheit ist zu meinem großen Trost und Vorteil unverändert geblieben.“

Mit dieser Begebenheit beschließe ich das Leben des jungen Savio und behalte mir vor, weiter unten einige andere Tatsachen in Form eines Anhangs zu drucken, so wie es zur größeren Ehre Gottes und zum Nutzen der Seelen am geeignetsten erscheint. Nun aber, lieber Leser, da du die Güte hattest zu lesen, was über diesen tugendhaften jungen Menschen geschrieben wurde, möchte ich, dass du mit mir zu einem Schluss gelangst, der mir, dir und allen, denen dieses Büchlein in die Hände kommt, wahren Nutzen bringen kann: Ich möchte nämlich, dass wir uns mit entschlossenem Herzen bemühen, den jungen Savio in jenen Tugenden nachzuahmen, die mit unserem Stand vereinbar sind. In seiner armen Lebenslage führte er ein überaus frohes, tugendhaftes und unschuldiges Leben, das von einem heiligen Tod gekrönt wurde. Ahmen wir ihn in seiner Lebensweise nach, und wir werden ein doppeltes Unterpfand dafür haben, ihm auch in seinem kostbaren Tod ähnlich zu werden.

Versäumen wir vor allem nicht, Savio im häufigen Empfang des Sakraments der Beichte nachzuahmen, das seine Stütze in der beständigen Übung der Tugend und der sichere Führer war, der ihn zu einem so glorreichen Lebensende führte. Treten wir im Lauf unseres Lebens häufig und mit der erforderlichen inneren Haltung zu diesem Bad des Heils; und jedes Mal, wenn wir uns ihm nahen, wollen wir nicht versäumen, einen Gedanken auf die früheren Beichten zu richten, um uns zu vergewissern, dass sie gut abgelegt wurden; und wenn wir erkennen, dass es nötig ist, wollen wir die Fehler beheben, die sich vielleicht eingeschlichen haben. Mir scheint, dies sei das sicherste Mittel, glückliche Tage mitten in den Trübsalen des Lebens zu verbringen; an dessen Ende werden auch wir ruhig den Augenblick des Todes nahen sehen. Dann werden wir mit Heiterkeit im Gesicht und Frieden im Herzen unserem Herrn Jesus Christus entgegengehen, der uns gütig aufnehmen wird, um uns nach seiner großen Barmherzigkeit zu richten und uns – wie ich für mich und für dich, lieber Leser, hoffe – aus den Trübsalen dieses Lebens in die selige Ewigkeit zu führen, damit wir ihn in alle Ewigkeit loben und preisen. Amen.

 

 

Mit einem Anhang über die durch seine Fürsprache erlangten Gnaden, herausgegeben von Priester Giovanni Bosco

                Vierte, vermehrte Auflage, Turin, 1878, Salesianische Druckerei und Buchhandlung, Sampierdarena – Nizza Marittima

 

[1] Lies: Bauern. Der typographische Fehler stammt aus der IV. Auflage (Anm. d. Hrsg.).

[2] Früher hieß der Ort Castelnuovo di Rivalba, weil er von den Grafen Biandrate, den Herren dieses Ortes, abhängig war. Um das Jahr 1300 wurde er von den Astigiani erobert und danach Castelnuovo d’Asti genannt. – Zu jener Zeit war er stark von arbeitsamen und dem Handel sehr ergebenen Menschen bevölkert, die ihr Gewerbe in verschiedenen Städten Europas ausübten. Er war die Heimat vieler berühmter Männer. Der bekannte Giovanni Argentero, der große Arzt jenes Jahrhunderts genannt, wurde 1513 in Castelnuovo d’Asti geboren und schrieb zahlreiche Werke von großer Gelehrsamkeit. Er war sehr fromm und der großen Mutter Gottes tief ergeben und errichtete ihr zu Ehren die Kapelle der seligen Jungfrau vom Volk in der Pfarrkirche des hl. Augustinus in Turin. Sein Leib wurde in der Metropolitankirche mit einer ehrenvollen Inschrift beigesetzt, die noch heute zu sehen ist. – Viele andere Persönlichkeiten zeichneten diesen Ort aus. Zuletzt war es der Priester Giuseppe Cafasso, ein wegen seiner Frömmigkeit, theologischen Wissenschaft und Liebe zu Kranken, Gefangenen, zum Tode Verurteilten und Unglücklichen jeder Art höchst achtenswerter Mann. Er wurde 1811 geboren und starb 1860. (Vgl. Casalis, Wörterbuch.) (a). – * Zur Bequemlichkeit der Leser erinnern wir daran, dass die piemontesische Meile 2,466 km entsprach (Anm. d. Hrsg.).

[3] Man sagt Riva di Chieri, um den Ort von anderen gleichnamigen Ortschaften zu unterscheiden; er liegt vier Kilometer von Chieri entfernt. Kaiser Friedrich belehnte mit einer Urkunde von 1164 den Grafen Biandrate mit der Herrschaft über Riva di Chieri. Später wurde der Ort den Astigiani überlassen. Im sechzehnten Jahrhundert kam er unter die Herrschaft des Hauses Savoyen. – Monsignore Agostino della Chiesa und Bonino berichten in der medizinischen Biographie ausführlich über viele berühmte Persönlichkeiten, die dort geboren wurden (a).

[4] Kaplan dieses Weilers war damals der Priester Giovanni Zucca aus Moriondo, der jetzt in seinem Heimatort wohnt (a).

[5] Mondonio, auch Mondomio oder Mondone genannt, ist ein kleiner Ort mit etwa 400 Einwohnern, zwei Meilen von Castelnuovo d’Asti entfernt, mit dem er durch eine Straße leicht verbunden ist, die neuerdings durch den Durchstich eines Hügels angelegt wurde. – Es gibt Nachrichten über diesen Ort, die bis ins Jahr 1034 zurückreichen. Durch den Vertrag von Cherasco von 1631 kam er unter die Herrschaft des Hauses Savoyen. (Vgl. Casalis, Wörterbuch.) (a). – Diese historische Anmerkung wurde vom Verfasser in der IV. Auflage hinzugefügt.

[6] Der Priester Giuseppe Cugliero, der einige Jahre als Benefiziat-Kaplan in Pino di Chieri verbracht hatte, ruhte nach einem vorbildlichen Leben im Herrn in demselben Ort (a).

[7] Jene Wiesen sind heute vollständig mit Gebäuden überbaut, und der Ort jenes Streites entspricht dem Gelände, auf dem die Pfarrkirche Santa Barbara steht (a). (Anmerkung, hinzugefügt in der 5. Auflage.)

[8] Dieses Kränzchengebet findet sich in vielen Büchern abgedruckt, unter anderem im Giovane Provveduto (a).

[9] LUIGI COMOLLO wurde 1818 in Cinzano geboren und starb 1839 im Alter von 22 Jahren im Seminar von Chieri im Ruf außerordentlicher Tugend. Das Leben dieses Vorbildes der Jugend wurde im ersten Jahrgang der Letture Cattoliche zum zweiten Mal gedruckt (a).

[10]Einer von denen, die Domenico Savio bei der Gründung der Gesellschaft der Unbefleckten Empfängnis und bei der Ausarbeitung ihrer Regeln am wirksamsten unterstützten, war Giuseppe Bongioanni. Nachdem er Vater und Mutter verloren hatte, war er von einer Tante dem Direktor des Oratoriums empfohlen worden, der ihn im November 1854 aus Nächstenliebe aufnahm. Er war damals 17 Jahre alt und kam, von den Umständen widerwillig gezwungen, noch mit einem Geist, der von den Eitelkeiten der Welt und von nichtigen Vorurteilen in religiösen Dingen erfüllt war. Doch das Wirken der göttlichen Gnade zeigte sich an ihm deutlich; denn in kurzer Zeit gewann er das Haus, die Regeln und die Oberen sehr lieb, berichtigte nach und nach seine Vorstellungen und widmete sich mit großem Eifer dem Erwerb der Tugenden und den Übungen der Frömmigkeit. Da er mit sehr scharfem Verstand und großer Lernfähigkeit begabt war, wurde er dem Studium zugeführt. Mit bewundernswerter Schnelligkeit vollendete er die klassischen Studien und erzielte dabei ausgezeichnete Erfolge. Mit lebhafter Einbildungskraft begabt, zeigte er große dichterische Fähigkeiten sowohl in italienischer Sprache als auch im Dialekt; während er in vertrauten Gesprächen seine Freunde durch Improvisationen über scherzhafte Themen unterhielt, verfasste er am Schreibtisch sehr schöne Gedichte, von denen viele veröffentlicht wurden, darunter jenes zu Ehren Mariens, Hilfe der Christen, das mit den Worten beginnt: Salve, Salve, pietosa Maria usw. und im Giovane Provveduto zu finden ist.

Nachdem er die kirchliche Laufbahn eingeschlagen hatte, zeichnete er sich während der Klerikerzeit stets durch Frömmigkeit, treue Befolgung der Regeln und Eifer für das Wohl seiner Kameraden aus. 1863 zum Priester geweiht, widmete er sich mit unaussprechlichem Eifer dem heiligen Dienst. Obwohl seine Stimme wenig begünstigt war, fand seine Predigt doch wegen der Schönheit des Inhalts und der Salbung des Vortrags so großen Anklang, dass man ihm sehr gern zuhörte und er reiche Früchte erzielte.

Nachdem er Domenico Savio, mit dem ihn eine heilige Freundschaft verband, bei der Gründung der Gesellschaft der Unbefleckten Empfängnis unterstützt hatte, gründete er, damals noch Kleriker, mit Erlaubnis des Oberen eine weitere Vereinigung zu Ehren des Allerheiligsten Sakraments. Ihr Ziel war es, die Verehrung unter der Jugend zu fördern und die durch Tugend besonders ausgezeichneten Schüler im Dienst bei den heiligen Funktionen zu schulen, sodass ein kleiner Klerus entstand, der deren Würde und Feierlichkeit erhöhen sollte. Diese Vereinigung pflegte er als Priester mit noch größerer Tätigkeit und mit ausgezeichneten Ergebnissen weiter. Man kann mit Recht sagen: Wenn die Kongregation des heiligen Franz von Sales der Kirche bereits eine schöne Zahl von Dienern des Altars schenken konnte, so ist dies zu einem großen Teil den heiligen Bemühungen des Priesters Bongioanni um den Piccolo Clero zu verdanken.

Als sich 1868 die Weihe der in Valdocco zu Ehren Mariens, Hilfe der Christen, errichteten Kirche näherte, setzte Don Bongioanni sich mit ganzer Kraft dafür ein, alles für diese Feier Notwendige vorzubereiten, besonders den Piccolo Clero darauf, am Festtag und während der folgenden Oktav, die ebenfalls außerordentlich feierlich begangen werden sollte, seine Aufgabe erbaulich zu erfüllen. Von glühender Liebe zur allerseligsten Jungfrau Maria erfüllt, sparte er keine Sorge, Mühe und keinen Schweiß, besonders am Vorabend, dem 8. Juni jenes Jahres. Die Jungfrau, Hilfe der Christen, nahm seine glühende Verehrung und Huldigung wohlgefällig an und erwirkte ihm bald den Lohn dafür. Zuvor jedoch wollte sie ihn einer Prüfung unterwerfen, die, mit Ergebung getragen, dem guten Priester gewiss großes Verdienst einbrachte. Er, der sich so sehr für das Gelingen der Feiern eingesetzt hatte, erkrankte am 9. Juni, dem Tag der Weihe, so sehr, dass er das Bett nicht verlassen konnte. In den folgenden Tagen dauerte die Krankheit an. Da er wenigstens einmal die heiligen Geheimnisse in der neuen Kirche feiern wollte, bat er die allerseligste Jungfrau inständig, ihm diese Gnade zu erwirken. Am Sonntag innerhalb der Oktav fühlte er eine solche Besserung seiner Kräfte, dass er nach gebührender Vorbereitung zum Altar gehen und zur unermesslichen Freude seines Herzens die heilige Messe feiern konnte. Nach der Messe sagte er zu einigen seiner Freunde, er sei so glücklich, dass er wohl das Nunc dimittis anstimmen könne. Und so geschah es: Als er spürte, dass seine Kräfte nachließen, kehrte er ins Bett zurück und stand nicht mehr auf. Am folgenden Mittwoch, als die Oktav beendet war, wurde für die verstorbenen Wohltäter ein Totengottesdienst gehalten; am Nachmittag, nachdem alle Funktionen und Feierlichkeiten beendet waren, reisten die jungen Schüler der verschiedenen Kollegien, die zur Teilnahme am Fest gekommen waren, an ihre Bestimmungsorte ab.

Eine Stunde später gab der Priester Giuseppe Bongioanni, versehen mit den Tröstungen der Religion, betreut von seinem geliebten Direktor und umgeben von einem Kreis seiner liebsten Freunde und Mitbrüder, seine schöne Seele dem Herrn zurück und ging, wie man fest hoffen darf, hin, um zu sehen, wie im Himmel jene gefeiert wird, die der Gegenstand seiner zärtlichsten Verehrung gewesen war (a).

[11] Lies: 29. Dezember 1855. (Anm. d. Hrsg.).

[12]Der Priester und Theologe Carlo Valfrè wurde am 23. Juli 1813 in Villafranca di Piemonte geboren. Mit wahrhaft vorbildlichem Verhalten und mit gutem Erfolg durchlief er seine Studien; seiner Berufung folgend, trat er in den geistlichen Stand ein. Mit apostolischem Eifer wirkte er viele Jahre im heiligen Dienst, bis er bei einer Ausschreibung der Pfarrei Marmorito für würdig befunden wurde.

Unermüdlich erfüllte er seine Pflichten. Der Unterricht armer Kinder, die Betreuung der Kranken und die Unterstützung der Armen waren die kennzeichnenden Züge seines Eifers. An Güte, Nächstenliebe und Uneigennützigkeit konnte er jedem Priester mit Seelsorgeverantwortung als Vorbild dienen.

Wenn die Pfarrpflichten es erlaubten, ging er auch an andere Orte, um Exerzitien, Triduen, Novenen und Ähnliches zu halten. Der Herr segnete seine Mühen, die stets von reicher Frucht gekrönt waren.

Doch gerade zu einer Zeit, als wir ihn am meisten brauchten, befand Gott ihn für den Himmel reif. Nach kurzer Krankheit ging er mit dem Tod des Gerechten am 12. Februar 1861 im schönen Alter von 47 Jahren in das selige Leben ein.

Dieser Verlust nahm der Kirche einen würdigen Diener und Marmorito einen Hirten, der mit Recht Vater des Volkes genannt wurde; doch sind wir alle sehr getröstet in der Hoffnung, im Himmel bei Gott einen Fürsprecher gewonnen zu haben (a).

[13] Mit diesem Namen bezeichnete er das ganz für die Jugend bestimmte Buch mit dem Titel: Il Giovane Provveduto per la pratica de’ suoi doveri, degli esercizi di cristiana pietà, per la recita dell’uffizio della B. Vergine, dei vespri di tutto l’anno e dell’uffizio dei morti usw. (a).

[14] Leone Cocchis, Schüler der zweiten Rhetorikklasse, ein junger Mann von schönen Hoffn1ungen, gestorben am 25. März 1855 im Alter von 15 Jahren (a).

[15]Diese Verehrung und dieses Vertrauen auf den jungen Savio nahmen sehr zu, seit dort Domenicos Vater eine bemerkenswerte Begebenheit erzählt hatte, deren Wahrheit er an jedem Ort und vor jeder Person zu bestätigen bereit ist. Er berichtete sie folgendermaßen:

„Der Verlust dieses meines Sohnes“, sagt er, „war für mich Ursache tiefster Betrübnis, die durch den Wunsch noch verstärkt wurde, zu wissen, was aus ihm im anderen Leben geworden sei. Gott wollte mich trösten. Etwa einen Monat nach seinem Tod, eines Nachts, nachdem ich lange keinen Schlaf finden konnte, schien mir, als öffne sich die Decke des Zimmers, in dem ich schlief, weit; und siehe, inmitten eines großen Lichtes erschien mir Domenico mit lächelndem, freudigem Gesicht, zugleich aber mit majestätischer und eindrucksvoller Erscheinung. Bei diesem überraschenden Anblick war ich außer mir. O Domenico! rief ich aus: Mein Domenico! Wie geht es dir? Wo bist du? Bist du schon im Paradies? – Ja, Vater, antwortete er, ich bin wirklich im Paradies! – Ach, erwiderte ich, wenn Gott dir die große Gnade erwiesen hat, die Seligkeit des Himmels zu genießen, dann bete für deine Brüder und Schwestern, damit sie eines Tages zu dir kommen können. – Ja, ja, Vater, antwortete er, ich werde Gott für sie bitten, damit sie eines Tages zu mir kommen und mit mir die unermessliche Seligkeit des Himmels genießen können. – Bete auch für mich, erwiderte ich, bete für deine Mutter, damit wir alle gerettet werden und uns eines Tages gemeinsam im Paradies wiederfinden. – Ja, ja, ich werde beten. Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand er, und das Zimmer war wieder dunkel wie zuvor.“

Der Vater versichert, dass er schlicht die Wahrheit aussagt, und erklärt, dass er weder vorher noch nachher, weder wachend noch schlafend, durch eine ähnliche Erscheinung getröstet worden sei (a).