Lesezeit: 4 min.
Von Gott bewohnt, wie Maria, sehen wir uns selbst als Gerufene und Gesandte
Maria machte sich auf, und ging eilends (Lk 1,39). Wenige Worte, und doch voller Bedeutung. In diesen einfachen und entschlossenen Gesten offenbart sich die innere Struktur eines Herzens, das zugelassen hat, dass Gott es wirklich bewohnt. Marias Aufbruch ist kein gewöhnlicher Aufbruch: Er ist die Antwort eines gesammelten Lebens, einer Seele, die, weil sie gelernt hat zuzuhören und zu unterscheiden, schließlich dazu gelangt, zu antworten. Maria, die die Erfahrung der Verkündigung gemacht hat, hält nicht inne, um das gerade Geschehene zu verarbeiten. Maria verschließt sich nicht in der Intimität ihrer eigenen, außergewöhnlichen und tiefen Erfahrung, indem sie sie für sich behält. Im Gegenteil, sie lässt sich vom Wort formen und leiten. Und sie setzt sich in Bewegung auf den anderen zu.
Marias Bewegung ist eine geistliche Bewegung: Sie hat das Wort empfangen, und nun ist es das Wort, das in ihr wohnt, welches sie auf den Nächsten hin ausrichtet. Wer wahrhaft liebt, als Folge der Tatsache, dass er sich von Gott geliebt weiß, vergisst sich selbst und stellt sich in den Dienst des Nächsten. Maria lehrt uns, dass die Bereitschaft des Herzens keine nebensächliche Tugend ist, sondern die Art und Weise, wie die Liebe Gottes im Leben derer Gestalt annimmt, die an Ihn glauben.
Bereitschaft: Aus der verengten Sichtweise heraustreten
Von Gott bewohnt, wie Maria, sehen wir uns selbst als Gerufene und Gesandte. Das Handeln Marias steht im Gegensatz zu einer Lebenssicht, die auf einem nicht bereiten, in sich selbst verschlossenen „Ich“ aufbaut. Wenn wir uns entscheiden, die Welt nur von einem verengten Standpunkt aus zu betrachten, riskieren wir, zu dem Schluss zu kommen, dass unsere Meinung die ganze Wahrheit enthalte. Es ist die ständige Versuchung: Die Realität auf das zu reduzieren, was wir bereits gesehen, gemessen und geplant haben. Unsere Art zu denken und zu sehen wird zum einzigen und ausschließlichen Maßstab.
Maria zeigt uns, dass die Öffnung des Herzens in erster Linie eine Entäußerung des eigenen Egoismus ist. Wenn man verschlossen bleibt, anstatt sich von der Nächstenliebe leiten zu lassen, verliert man jene Bewegung des Herzens, die das Geschenk Gottes empfängt, um sich dann dem Nächsten zu nähern. Die wahre Bereitschaft des Herzens ist keine menschliche Entscheidung. Sie ist vor allem eine Gnade, die erfleht, frei empfangen, bewahrt und jeden Tag geübt werden muss. Man geht nicht im vollen, freien und freudigen Sinne auf den anderen zu, wenn wir nicht zulassen, dass Gott im Herzen lebendig ist. Dass Er es ist, der uns offen macht und uns die Augen für das weit öffnet, was unsere kleine und armselige menschliche Logik übersteigt.
Sich entäußern ist die erste Form der Liebe
In einer Kultur wie der unseren besteht die subtile Gefahr der Selbstbezogenheit: zu glauben, dass sich die eigene Identität dadurch aufbaut, dass man auf sich selbst schaut, wie in einem immer kleiner werdenden Spiegel. Maria bezeugt uns eine andere Art, das Leben zu betrachten: Sie richtet ihr ganzes Leben neu auf die Gegenwart des Wortes in ihrem Herzen aus und dann auf die Not Elisabeths. Eine Entscheidung, die die Not des Nächsten als einen Ruf setzt, der die Frucht der Beziehung zu Gott ist. Und deshalb bricht sie eilig zu derjenigen auf, die in Not ist.
Die wahre Bereitschaft hat an ihren Wurzeln den Mut, sich selbst in Frage zu stellen, auf sich selbst zu verzichten, auch wenn dies als Verlust erscheint. Es handelt sich nicht um zur Schau gestellte Großzügigkeit, sondern um eine innere Freiheit, die aus der Entdeckung erwächst, dass ich nur dann ich selbst sein kann, wenn ich mich dem anderen radikal hingebe. Hier ist das offene und bereite Herz nicht die Eroberung einer Trophäe, sondern die Hingabe an den Willen des Vaters.
Keine Geste der Güte, sondern ein Gehorsam gegenüber Gott, der im Herzen wohnt
Maria geht nicht nur zu Elisabeth, weil sie menschlich glaubt, dass ihre ältere Cousine Hilfe braucht. Der Besuch bei der Cousine ist keine Geste der Güte: Er ist die Gegenwart des Sohnes, der im Schoß die Mutter sich selbst gleichgestaltet. Marias Weg zu Elisabeth ist die Sendung Gottes selbst, die die Form eines Weges zum anderen annimmt.
Der Besuch Marias ist eine Mission, die die Frucht der Ankunft des Sohnes in ihr ist. Denn wenn Jesus wirklich Teil unseres Lebens wird, entspringt alles, was wir sind und tun, dieser einzigen Quelle. Aus der persönlichen Begegnung mit Christus erwächst die Sendung.
Bedingungslose Bereitschaft: Jenseits der Ergebnisse
Angesichts dieser freien und großzügigen Entscheidung Marias ist unser Wunsch, sie nachzuahmen, von einer sehr subtilen, aber stets präsenten Versuchung geprägt: der Versuchung, sehen zu wollen, welche Art von Ergebnissen unsere Entscheidungen haben. Maria, die sich sofort auf den Weg macht, vermittelt uns die Entscheidung eines Herzens, das bereits erfüllt ist und keine Sicherheiten und Gewissheiten außerhalb seiner selbst sucht. Denn das Maß der Sendung und ihres Erfolgs liegt in ihrer lebendigen Beziehung zu dem Wort, das in ihr wohnt.
Maria, Ikone des freien Herzens – Wort, Glaube und Nächstenliebe
Kardinal Martini bietet uns eine kurze, aber dichte und wesentliche Reflexion: Das Wort ist der Same, der Glaube ist der Schoß, der empfängt, die Nächstenliebe ist die Frucht, die entsteht. Maria ist die Frau, die diese Dynamik in ihrer Fülle gelebt hat: Mit Demut empfängt sie das Wort, im Glauben macht sie sich eilig auf, in Nächstenliebe gibt sie sich hin. Ihr „eiliges Aufbrechen“ vermittelt jene Geste der Nächstenliebe, die ein freies und befreiendes Herz widerspiegelt, erleuchtet von dem Wort, das ihren Glauben trägt.
Ein offenes und bereites Herz ist kein sentimental gutes Herz: Es ist ein Herz, das gelernt hat, in der Spannung zu stehen zwischen der empfangenen und angenommenen Verkündigung und dem Bruder und der Schwester, die warten, zwischen der inneren Gnade und dem Weg, der zurückzulegen ist, zwischen dem Geheimnis Gottes und der Konkretheit der menschlichen Not.
Maria lehrt uns, dass man nicht warten muss, bis man alles verstanden hat, um aufzubrechen.

