23 Feb. 2026, Mo.

Jahresleitgedanke 2026. „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)

⏱️ Lesezeit: 43 min.

Glaubende Menschen, befreit zu dienen


Kommentar zum Jahresleitgedanken 2026

Einleitung
a. Das erste Zeichen Jesu ist eine „Eingangspforte“
b. Der definitive Einbruch Gottes in die Geschichte
c. Jesus eröffnet eine Liebesbeziehung, einen Bund der Güte und Fülle
1. SCHAUEN – Die Zeichen der Zeit annehmen
a. Maria war kein „sich neutral verhaltender“ Gast
b. Die Herausforderungen und Schwierigkeiten müssen erkannt und angegangen statt aufgeschoben werden
c. Die Geschichte ist eine Schatzkiste, die Gottes Handeln offenbart
d. Einladung zur Reflexion
2. ZUHÖREN – Im Glauben an Christus verwurzelt sein
a. Die Ereignisse müssen im Licht Christi gelesen und gelebt werden
b. Gottes Wille wird sichtbar in den Ereignissen, die wir erleben
c. Ein Prozess, der durch das Wort Gottes genährt und erleuchtet wird
d. Einladung zur Reflexion
3. WÄHLEN – Den Ruf in Freiheit leben
a. Freies Zuhören gepaart mit vollkommenem Vertrauen
b. Jedes Handeln erhält Sinn (logos) nur in und aus Gottes Wort (Logos)
c. Gefahr eines Glaubens, der sich an die vorherrschende Kultur anpasst
d. Einladung zur Reflexion
4. HANDELN – Mit vollkommener Großzügigkeit dienen
a. Frei dienen, weil wir in Christus verwurzelt sind
b. Wir sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Gottes Plan für die jungen Menschen
c. Der Mut des Glaubens
d. Einladung zur Reflexion
5. 150 Jahre Salesianische Mitarbeiter/-innen Don Boscos: Der prophetische Traum Don Boscos geht weiter
6. Einige pastorale Vorschläge
1. „Was er euch sagt, das tut!“: hin zu einer Pädagogik des persönlichen Zuhörens
2. Maria in Kana: Lehrmeisterin einer authentischen Freiheit
3. Die Kunst, die Zeichen der Zeit mit den jungen Menschen zu deuten
4. Wählen: christliche Freiheit als Berufungsantwort
5. 150 Jahre Salesianische Mitarbeiter/-innen Don Boscos: ein Vorbild für heute
Schluss

Liebe Mitbrüder,
liebe Don-Bosco-Schwestern,
liebe Mitglieder der Don-Bosco-Familie,
liebe Jugendliche,

jedes Jahr ist der JAHRESLEITGEDANKE eine Gelegenheit, dass alle Gruppen der Don-Bosco-Familie sich mit einem einzigen Thema beschäftigen, um sich auszutauschen und intensive Augenblicke des Gebets und der Reflexion, des Zuhörens und der Geschwisterlichkeit zu leben. Es ist ein Wunsch und eine Hoffnung, dass jede Gruppe – und die einzelnen Personen in ihr – dabei Nahrung für den Weg und Unterstützung für das eigene erzieherisch-pastorale und persönliche Erleben finden können.

Einleitung
            Der JAHRESLEITGEDANKE, der uns im vergangenen Jahr begleitet hat und sich mit dem Thema des Heiligen Jahres, Hoffnung, beschäftigte, bot uns allen die Möglichkeit, auf das Geheimnis Christi als Lichtquelle zu schauen, das uns dabei hilft, Gottes Wunder im gegenwärtigen Moment zu betrachten. Wir haben Augenblicke erlebt, die uns im Glauben an das, was der Herr uns noch offenbaren wird, gestärkt haben, und wir haben die Hoffnung als Kraft des „Schon“ und als Mut des „Noch nicht“ wahrgenommen. Wir haben auch betrachtet, wie die Kraft der Hoffnung Don Bosco geholfen und ihn auf seinem Weg gestützt hat, Gottes Plan zu entdecken und umzusetzen.
Vor 150 Jahren war die Hoffnung der Antrieb des pastoralen Herzens Don Boscos, eines Herzens, das fähig war, die Zeichen der Zeit zu deuten und getragen vom Glauben an Gott auf die Welt zu schauen. Die Erinnerung an den 150. Jahrestag der ersten salesianischen Missionsaussendung will nicht eine auf einen bestimmten zeitlichen Moment beschränkte Feier sein. Als wir uns an diesen historischen Augenblick erinnert haben, haben wir betrachtet, wie der Geist Gottes in Don Bosco ein offenes und verfügbares Herz gefunden hat. Don Boscos Antwort war eine Antwort, die eine kleinliche und selbstbezogene Lebenssicht zu überwinden wusste.
Don Bosco lebte in Turin, aber sein Herz und sein Verstand bewohnten die ganze Welt. Seine Hoffnung war auf der Gewissheit gegründet, dass – sobald Gottes Plan einmal entdeckt worden ist – es keinen anderen Weg gibt, als seinem Willen bis zum Ende zu folgen. Wenn wir die göttliche Tugend der Hoffnung betrachten, die sein Leben belebte, können wir erahnen, was schon seine ersten Schüler fühlten und später so benannten: Don Bosco als Mann des Glaubens und gläubiger Mensch – „Don Bosco mit Gott“.
Dieses Jahr möchte ich den Glauben als Thema für den Jahresleitgedanken vorschlagen. Dieses ist allmählich, aber deutlich hervorgetreten, als sich die verschiedenen Gruppen der Don-Bosco-Familie Anfang Juni 2025 zur Weltconsulta getroffen haben. Die gemeinsamen Überlegungen wiesen auf das Thema Glauben hin: nicht nur als natürliche Weiterführung der Hoffnung, sondern als „Fundament“ derselben. Wenn sich die Kraft der Hoffnung auf den Glauben gründet, trägt ein wirklich von Hoffnung erfülltes Leben zu einer tieferen und authentischeren Glaubensbeziehung zu Jesus bei, dem Sohn des Vaters, der für uns Mensch geworden ist und durch die Kraft des Heiligen Geistes weiterhin unter uns gegenwärtig ist. Es wird also eine Pilgerfahrt im Glauben für die gesamte Don-Bosco-Familie sein: gemeinsam, um uns zu erneuern, gemeinsam, um als Christen (und Salesianer) in der Welt zu leben.
In seiner ersten Enzyklika Lumen fidei[1] schreibt Papst Franziskus dazu einige sehr treffende Anmerkungen. Zuallererst fordert uns Papst Franziskus, als allgemeine Einleitung in das Thema Glauben, auf, unseren Blick zu korrigieren: Glaube nicht als etwas theologisch weit Entferntes, sondern als „ein Licht, das entdeckt werden muss“. Glauben, den Glauben leben bedeutet, im Licht unterwegs sein zu wollen. Glaube ist also jenes Fundament, das wir haben, und der Weg, den wir einschlagen, weil wir unser Leben auf eine schöne und gesunde Art und Weise leben wollen. Den Glauben anzunehmen, drückt den tiefen Wunsch aus, im Licht zu leben, indem man sich weigert, in der Dunkelheit, in der Leere, im Unsinn zu leben. Papst Franziskus schreibt, dass wir diesem Aufruf, seine [des Glaubens, A. d. Ü.] „Art von Licht wiederzugewinnen“, aus dem Grund folgen wollen, dass, „wenn seine Flamme erlischt, […] am Ende auch alle anderen Leuchten ihre Kraft“ verlieren. „Das Licht des Glaubens besitzt nämlich eine ganz besondere Eigenart, da es fähig ist, das gesamte Sein des Menschen zu erleuchten“ (Nr. 4).
Diese erste Aufforderung spricht uns direkt an, wenn wir erkennen, dass es unsere Sendung ist, zum Glauben und im Glauben zu erziehen. Die Herausforderung, die sich unmittelbar stellt, ist ganz offensichtlich: Wie können wir das tun, wenn diese Lichtquelle in mir dabei ist zu erlöschen? Wie können wir ruhig bleiben, wenn wir bemerken, dass das Erlöschen des Lichtes in unserem Herzen auf lange Sicht bedeutet, dass wir die jungen Menschen und alle, die wir begleiten, in völliger Dunkelheit zurücklassen?
Darüber hinaus hat dieses Licht einige Eigenheiten, die genannt werden müssen. Es sind Eigenheiten, die in harten und schwierigen Momenten als Stützen auf dem Glaubensweg dienen.
Zuallererst kann die Stärke des Glaubenslichts „nicht von uns selber ausgehen, [sondern] es muss aus einer ursprünglicheren Quelle kommen, es muss letztlich von Gott kommen“ (Nr. 4). Es geht nämlich nicht darum, rein menschliche, obschon intelligente und professionelle Dinge anzubieten, sondern um weit mehr. Dieses Licht gehört uns also nicht, sondern ist uns geschenkt.
Es gibt einen zweiten Aspekt, der aus dieser außerordentlichen Gnade Gottes hervorgeht, und Papst Franziskus beschreibt ihn in tiefgründigen und zugleich liebevollen Worten: „Der Glaube keimt in der Begegnung mit dem lebendigen Gott auf, der uns ruft und uns seine Liebe offenbart, eine Liebe, die uns zuvorkommt und auf die wir uns stützen können, um gefestigt zu sein und unser Leben aufzubauen“. Der Glaube ist kein Produkt. Er entsteht nicht so sehr „nach der Begegnung mit Gott“, sondern „in der Begegnung mit Gott“. Eine Begegnung, die erlebt werden sollte als Ausdruck völliger Freiheit und als ständige Quelle, die uns mit ihrem Licht nährt.
Diese kurze Einführung legt bereits die notwendigen Grundlagen, um das Thema Glauben in eine Beziehungsdynamik einzuordnen. Eine Dynamik, die für unser salesianisches Charisma charakteristisch ist. Die Erfahrung des Glaubens in der Begegnung mit Jesus, dem Sohn Gottes, wird durch die Kraft seines Geistes zum Rückgrat unseres Handelns. Durch diese dreifaltige Energie sind wir die ersten Nutznießer jener Gabe, die allem, was wir sind, und folglich auch allem, was wir für das Heil der Jugendlichen tun und anbieten, Form und Sinn verleiht.

„Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)

Glaubende Menschen, befreit zu dienen

Lassen wir uns dieses Jahr von einem Satz aus dem Johannesevangelium leiten, der von Maria zu Beginn dieses Evangeliums gesagt wird. Bei einer Hochzeit, die einfach ein schönes Fest sein sollte, trat ein Problem auf: Der Wein war ausgegangen. Angesichts der Möglichkeit, dass ein Fest zu einem Misserfolg wird, finden wir die aus dem Herzen Mariens kommende Reaktion: Es ist notwendig einzugreifen. Maria präsentiert Jesus einfach nur die reale Situation. Aber seine Stunde, die Stunde Jesu, ist noch nicht gekommen. Maria, die fürsorgliche Mutter, fordert mit großer Gelassenheit die Diener einzig dazu auf, dem Gehör zu schenken, was Jesus ihnen sagen wird, sobald „seine Stunde“ gekommen ist.
Dieses Jahr schlage ich euch vor, die Aufforderung Mariens mit derselben Haltung freier Verfügbarkeit anzunehmen, die wir bei den Dienern sehen. Auch wir als Mitglieder der unterschiedlichen Gruppen der Don-Bosco-Familie müssen uns an die Wahrheit unserer Entscheidung und Identität erinnern: Wir sind Dienerinnen und Diener, einfach nur Dienende. Auch zu uns sagt Maria heute: „Was er euch sagt, das tut!“ Was auch immer Jesus uns sagt, wir müssen es einfach annehmen, verinnerlichen und leben, ohne Wenn und Aber.
Ich lade euch alle ein, liebe Schwestern und Brüder, nachdem wir die Kraft der Hoffnung erfahren haben, jener „Hoffnung, die nicht enttäuscht“, die Worte Mariens in unser Herz eindringen zu lassen und unseren Blick und unser Gehör auf Jesus zu richten, auf das, was er uns sagen wird, im Bewusstsein und in der Freude, Dienende zu sein.
Seien wir von demselben Glauben getragen, wenn wir die Krüge bis zum Rand füllen und das in Wein verwandelte Wasser in unseren Alltag bringen, den wir mit allen teilen. Da viele von uns in vorderster Linie bei schwierigen Situationen und an kritischen Orten stehen, erkennen wir das Risiko eines schwachen, manchmal sogar fehlenden Glaubens mit den dramatischen Folgen, die wir dann feststellen, wenn der „Wein” der Güte, der Empathie und der Liebe nicht geteilt wird.

Johannesevangelium 2,1-11
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!
Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt.
So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.

Wir kommen nun zum Kern des Textes, der uns zum Titel des diesjährigen Jahresleitgedankens inspiriert hat, und betrachten das erste „Zeichen“, das Jesus in Kana in Galiläa vollbringt, wie es Johannes erzählt (2,1-11).
Drei kurze, einleitende Überlegungen bieten uns den „hermeneutischen“ Schlüssel, der die Bibelstelle bedeutsam für unsere persönliche und gemeinschaftliche Erfahrung macht.

a. Das erste Zeichen Jesu ist eine „Eingangspforte“
            Papst Franziskus kommentiert diese Stelle in einer seiner Audienzen mit einem sehr konkreten Bild. Er sagt, dass das erste Zeichen Jesu „eine Art ‚Eingangspforte‘ [ist], in die Worte und Sätze gemeißelt sind, die das ganze Geheimnis Christi erleuchten und das Herz der Jünger für den Glauben öffnen“[2]. Das erste Zeichen Jesu ist kein zu bewunderndes Schauspiel, sondern eher eine Einladung, die sich an das Herz eines jeden glaubenden Menschen richtet. Darin finden wir den Hinweis auf jene Haltungen, die die Annahme des Glaubens an ihn gewährleisten, wie am Ende des Abschnitts angedeutet wird: „Seine Jünger glaubten an ihn“ (V. 11). Dieses erste Zeichen in Kana trifft unmittelbar den Kern der Botschaft Jesu: die Aufforderung, unser Leben auf sein Wort zu setzen. Heute ist „Kana“ das Haus, in dem wir wohnen, das Werk, in dem wir unsere Sendung leben, die Gruppe junger Menschen, von Dozenten oder Eltern, die wir begleiten. Wir sind die dienenden Menschen und die Jüngerinnen und Jünger der verschiedenen konkreten, alltäglichen Erfahrungen.
Wie in Kana hat Maria auch heute noch eine grundlegende und entscheidende Aufgabe in diesem Prozess. Sie ist mit uns unterwegs und lädt uns ein, den Schritt zum Glauben zu machen, zu einem freiwillig angenommenen Glauben, um authentisch dienende Menschen sein zu können. Dieser Prozess, der aus Glauben, Freiheit und Dienen besteht, ist derselbe, den Don Bosco während seines gesamten Lebens erfahren hat. Auch Don Bosco erkannte Maria seit seinem Traum mit neun Jahren als Mutter und Lehrmeisterin an. Sie unterstützte ihn in seinem Glauben und gab ihm den Mut, ein frei dienender Mensch für die jungen Leute auf dem Gebiet zu sein, das sie ihm gezeigt hatte.

b. Der definitive Einbruch Gottes in die Geschichte
            Einen zweiten Denkanstoß gibt Papst Benedikt XVI., ausgehend von den Worten, die dieses erste Zeichen einleiten: „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt“. (V. 1)
In seinem Buch Jesus von Nazareth sagt Papst Benedikt, dass wir uns hier mitten im Geheimnis Gottes befinden, der sich zeigt. Die Datierung ist ein Symbol für jedes Handeln Gottes in der Geschichte. Der „dritte Tag“ ist ein Vorverweis auf die Vollendung der Heilsgeschichte in der Auferstehung Christi am dritten Tag. Genau in diesem Augenblick geschieht der „definitive Einbruch Gottes in die Erde“[3]. Kana ist ein Ort, der demütig und verborgen die Vollendung des Liebesprojektes Gottes für die Menschheit enthält. Kana ist jeder Ort, an den wir gesandt werden, ein Ort, an dem Gott weiterhin gegenwärtig ist – durch diejenigen, die sein Wort hören, daran glauben und danach leben.
Diese Überlegung hat eine wirklich bedeutsame Tragweite für uns. Wenn „Kana“ jeder Ort ist, an dem wir wohnen, dann sind wir diejenigen, die der Herr beruft, Zeichen und Träger seiner Liebe für die jungen Menschen, für die Menschheit zu sein. Sicherlich hängt der „Einbruch Gottes in die Erde“ nicht von uns ab, aber uns ist die Möglichkeit gegeben, diesen als ein umsonst erhaltenes und frei empfangenes Geschenk zu erleichtern. Jede unserer großzügigen Handlungen ist Teil dieses Plans Gottes …; doch birgt auch jeder unserer Widerstände oder jede unserer Ablehnungen die Gefahr, anderen diesen „guten Wein” vorzuenthalten.

c. Jesus eröffnet eine Liebesbeziehung, einen Bund der Güte und Fülle
            Der dritte einleitende Denkanstoß kommt wiederum von Papst Benedikt XVI.: Die Atmosphäre der „Hochzeitsfeier“ ist die passendste Dimension, die die Beziehung Gottes zur gesamten Menschheit charakterisiert, den ehelichen Bund par excellence.[4]
Wir werden uns wahrhaft bewusst, dass Jesus uns nicht einfach eine Botschaft hinterlassen hat. Durch dieses erste Zeichen ist Jesus im Begriff, eine Liebesbeziehung, einen Bund der Güte und Fülle zu eröffnen. Jesus lädt uns ein, in eine lebendige und belebende Beziehung einzutreten. Mit ihm wohnen wir in einem heiligen Bereich, in dem wir vor allem entdecken, dass wir geliebt sind. In dieser Liebesbeziehung werden wir positiv herausgefordert und ermutigt, ihm zu folgen.
Wenn wir anerkennen, dass wir immer auf der Suche nach diesem „guten Wein“ sind, der nie versiegt, gibt es nur einen zu gehenden Weg, der, den Maria uns weist: „Was er euch sagt, das tut!“ Die Hochzeitsfeier läutet einerseits eine neue Realität ein und besiegelt andererseits den neuen und ewigen Bund.
Wir können sagen, dass die Erfahrung von Kana ein wahrer „Schoß“ ist, in dem uns die Treue Gottes begegnet und die Suche des Menschen nach Liebe vervollständigt und zur Vollendung gebracht wird. Das heißt: Wenn die Stunde gekommen ist, antwortet man auf den Vorschlag Jesu mit Gehorsam (ob-audire; ge-horchen), indem man auf den Glauben hört und ihn treu lebt.
So wird das Festmahl zum Altar, an dem reichlich der neue Wein des Wortes Gottes ausgeschenkt wird. Eine großzügige Verteilung, Ergebnis eines in Freiheit gelebten Glaubens. Der Einladung Marias folgend, wird dieses vom Wort Jesu erleuchtete Leben in Form des Dienens zum Wohle aller gelebt, in voller Bereitschaft des Herzens.

Im Licht des Abschnitts über die Hochzeit von Kana nennt uns der JAHRESLEITGEDANKE 2026 verschiedene Herausforderungen. Ich bin überzeugt, dass der Aufruf an jede Gruppe der Don-Bosco-Familie, ihr eigenes Charisma besser zu leben, in diesem Abschnitt des Evangeliums weitere Anregungen findet, um zugunsten der Jugendlichen und all jener gelebt zu werden, die die salesianische Sendung teilen. Nicht nur das, sondern auch, um vielen Menschen in verschiedenen Teilen der Welt zu dienen, denen der Herr den Wein der Hoffnung und die Freude der Gemeinschaft bringen möchte.

1. SCHAUEN – Die Zeichen der Zeit annehmen
            Ein erster Aufruf, den ich euch bitte anzunehmen und über den ihr nachdenken sollt, betrifft die Haltung Mariens: die Frau, die aufmerksam für das ist, was um sie herum geschieht. Im Evangelium heißt es einfach: „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei“ (V. 1). Das Evangelium gibt keine weiteren Informationen. Aber wenn wir diese wenigen Worte hören und sie mit ihrer Reaktion verbinden, beginnen wir einige wichtige Elemente im Herzen Mariens zu erkennen.

a. Maria war kein „sich neutral verhaltender“ Gast
            Sie war aufmerksam und gegenwärtig allem gegenüber, was um sie herum geschah. Bildlich, aber dennoch prägnant können wir sagen, dass Maria die Zeit und die Geschichte derjenigen angenommen hat, die sie als Gast zu ihrer Hochzeitsfeier eingeladen haben. Maria hätte sich ruhig als jemand fühlen können, der sich nicht einmischen brauchte, auch wenn sie die traurigen Folgen des fehlenden Weins ahnte. Dennoch hat sie sich entschieden, nicht gleichgültig zu bleiben.
Das ist ein erster Aspekt, über den wir uns als Jüngerinnen und Jünger Jesu befragen sollten: Inwieweit fühlen wir uns von den historischen Ereignissen, die wir gerade erleben, und von den Orten, an denen wir leben, angesprochen? Welche Haltung nehmen wir ein, wenn wir uns ebenso auch entscheiden könnten, distanziert zu bleiben, weil einige Dinge „mich nichts angehen“, „nicht in meiner Verantwortung liegen“? Im Lichte dessen, was Maria getan hat, fühlen wir uns angesichts der uns umgebenden Herausforderungen zutiefst und persönlich angesprochen. In einer Kultur der Anonymität und Gleichgültigkeit erkennen wir, dass auch wir Gefahr laufen, Entscheidungen lediglich so zu treffen, dass sie nicht „politisch inkorrekt“ sind!
Die existenzielle Haltung, die Zeit und die Geschichte anzunehmen, bringt bestimmte Anforderungen mit sich, die wir nur im Licht des Glaubens an Christus verstehen und annehmen können.
Im erzieherisch-pastoralen Bereich ist diese Entscheidung Mariens für uns ein starker und zugleich sanfter Aufruf, nicht in jene Gleichgültigkeit zu verfallen, die gewisse Dinge nicht nur rechtfertigt, sondern sie auch passiv und indirekt begünstigt. Wie oft begegnen wir sogar sogenannten „Kirchenleuten“, die sich angesichts des Dramas der Flüchtlinge, der Armen und der Schutzbedürftigen in ihr gutes Leben zurückziehen und diese Menschen nur als Störung und Abfall betrachten?

b. Die Herausforderungen und Schwierigkeiten müssen erkannt und angegangen statt aufgeschoben werden
            So hat es Maria in Kana getan. Wie oft passiert es uns, dass wir – angesichts unerwarteter schwieriger Situationen – uns von ihnen distanzieren und uns allzu leichtfertig rechtfertigen, statt ihnen mit der Kraft der Gelassenheit und apostolischen Leidenschaft zu begegnen! Die Gefahr ist, dass eine solche pastorale Trägheit ganz langsam zur „Kultur“ auch unter uns werden kann. Wir warten darauf – und fordern es nachdrücklich –, dass andere ihren Teil beitragen, vielleicht geben wir ihnen die Schuld und glauben so, unser Gewissen betäuben zu können, indem wir vorgeben zu glauben, dass wir nichts zu bieten haben oder nicht in Frage gestellt werden.
Wenn der Arme an die Tür klopft, ist es uns nicht gestattet, so zu tun, als ob nichts wäre. Für unseren Vater und Lehrer Don Bosco ging seine Antwort nicht von der Berechnung der Mittel aus, sondern von der Bereitschaft seines Herzens, das im Einklang mit den Jugendlichen seiner Zeit stand. Er war sofort von dem Wunsch bewegt, mit ihnen in Kontakt zu treten, so arm und bedürftig sie auch waren. Wir müssen sehr darauf achten, dass wir uns nicht von einer Vorstellung des geweihten und pastoralen Lebens leiten lassen, die stark von einer bürgerlichen und selektiven Mentalität geprägt ist. Nicht wir wählen den Armen, sondern er wurde von der Vorsehung zu uns geschickt. Die armen jungen Menschen aufzunehmen und alles für sie Mögliche zu tun, ist ein Ruf, den wir ernst nehmen müssen.

c. Die Geschichte ist eine Schatzkiste, die Gottes Handeln offenbart
            Ein dritter Punkt, den wir dem Handeln Mariens entnehmen, ist das Bewusstsein, dass die Geschichte in den kleinen und demütigen Momenten, wenn sie mit Großzügigkeit gelebt werden, zur Schatzkiste wird, die Gottes Handeln offenbart. Eine einfache mütterliche Aufmerksamkeit, eine fürsorgliche Aufforderung an die Diener bereiten das Terrain für die Stunde Jesu, für sein erstes Zeichen. Wie sehr überrascht uns der Herr, wenn wir aufmerksam für die Details der menschlichen Existenz sind, besonders wenn wir mit den Armen und Bedürftigen zusammen sind! Wie viele haben in ihrem Leben den Balsam des Erbarmens Gottes erlebt, durch aufmerksame Gesten von Erziehern und Erzieherinnen, die mit mütterlicher Güte ein Lächeln oder eine Ermutigung geschenkt haben, anstelle von verdammenden Blicken oder demütigenden Worten!
Die ganze Erfahrung Don Boscos vermittelt uns, dass „der Spielhof“, sowohl physisch als auch metaphorisch, der Ort der Enthüllung der Güte Gottes ist. Die Liebenswürdigkeit vermitteln wir, indem wir uns heiter zeigen, wenn wir unter den jungen Menschen und für sie da sind, so dass sie sich anerkannt, geschätzt und geliebt fühlen. Ein Miteinander entsteht in den Beziehungen zu unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, wenn sie uns um „fünf Minuten“ Aufmerksamkeit bitten. Pastorale und erzieherische Weisheit zeigt sich im Alltag durch Gesten, die mit einem offenen Herzen gelebt werden, das verfügbar, aufmerksam und voll Zuwendung ist.
Es lohnt sich, hier eine mehr als je zuvor aktuelle Überlegung des Salesianers Dominic Veliath aus dem Kontext Südasiens anzuführen[5]. Er schreibt:

„Das salesianische Charisma ist noch immer auf Pilgerfahrt. Jede Pilgerfahrt birgt ein gewisses Risiko; manchmal steht man vor der Herausforderung, sich auf einen Weg zu wagen, der noch unerforscht zu sein scheint. Dann ist jeder Salesianer, auch die in Südasien, im Vertrauen auf die ständige Gegenwart des Geistes Gottes und verwurzelt im salesianischen Charisma und in der brüderlichen Gemeinschaft mit der gesamten salesianischen Kongregation dazu gerufen, seinen Weg fortzusetzen mit ein wenig von dem Vertrauen, das so scharfsinnig von dem spanischen Dichter Antonio Machado in seinem Gedicht ‚Caminante no hay Camino‘ beschrieben wurde: ‚Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen‘.“[6]

Maria, die Frau, die aufmerksam für das ist, was um sie herum geschieht, fordert uns auf, nicht auf Abstand zu bleiben, nicht gleichgültig zu sein gegenüber den Bedürfnissen derer, die zu begleiten der Herr uns bittet.

d. Einladung zur Reflexion
            – Als Gemeinschaften und als Gruppen fragen wir uns, ob wir Räume und Zeiten haben, in denen wir gemeinsam über die uns umgebende Armut nachdenken.
– Wir fragen uns, ob unser Lebensstil wirklich ein authentisches Zeugnis für diejenigen ist, die uns kennen, für diejenigen, denen wir dienen, die manchmal wahrhaftig arm im Geiste und am Leibe sind.
– Wir fragen uns, ob die Armen nur Zahlen und ein Objekt der pastoralen Ideologie und Strategie sind, oder ob wir ihnen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln dienen. Wie großzügig sind wir mit unseren „fünf Broten und zwei Fischen“?

2. ZUHÖREN – Im Glauben an Christus verwurzelt sein
            Maria, aufmerksam für das, was um sie herum geschieht, sagt zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!“ (V. 5) Die Aufforderung ist deutlich und einfach: Aber wir wissen nur zu gut, dass sie auch sehr herausfordernd ist. Es geht nicht nur darum, die Ereignisse in ihrer Dringlichkeit und Notwendigkeit zu erkennen, sondern auch sie im Lichte des Glaubens an Christus zu deuten. Meistens gelingt uns die Interpretation der Ereignisse gut, auf eine professionelle und kompetente Art, mit allgemein gut entwickelten und präzisen Analysen, auf einer sozusagen „horizontalen“ Ebene. Aber für uns, die wir Jesus folgen, muss diese Ebene – die niemals fehlen darf – auf jeden Fall von der „vertikalen“ begleitet sein. Wie leicht passiert es, dass wir, um auf verschiedene Notfälle zu reagieren, den Weg hektischer Aktivität zugunsten der Armen und Bedürftigen einschlagen. Auf lange Sicht werden wir dann oft in einen Strudel des Aktivismus hineingezogen, der uns keine Zeit mehr lässt, das Gesicht derer zu sehen, denen wir dienen wollen, und auch nicht das Gesicht Desjenigen, der uns berufen hat, ihnen in seinem Namen zu dienen!

a. Die Ereignisse müssen im Licht Christi gelesen und gelebt werden
            Maria fordert zu einer Reaktion auf, die der unerwarteten Schwierigkeit sicherlich entgegentritt, aber mit einem sehr klaren Wink: „Was er euch sagt, das tut!“ Der vorrangige Akzent liegt nicht auf dem, was getan werden muss, sondern auf Demjenigen, der sagt, was zu tun ist! Die Ereignisse müssen im Licht Christi gedeutet und angegangen werden. Dies ist ein unverzichtbarer Hinweis und zugleich eine Quelle wahrer Energie für diejenigen, die glauben. Es gibt verschiedene Arten, auf Armut zu reagieren. Glaubende Menschen entscheiden sich für diese: vom Wort Jesu ausgehend zu handeln. Für den an Christus Glaubenden gilt das, was so viele Heilige der Nächstenliebe mit ihrem Leben und ihrem Zeugnis vermittelt haben. Auch unser Vater Don Bosco hat es klar übermittelt: Handeln im Namen Jesu.
Für uns ist es von großer Bedeutung, wie sehr die ersten Salesianer die Erinnerung an Don Bosco bewahrt haben, insbesondere in ihren tiefsten spirituellen und mystischen Aspekten. In Artikel 10 der Salesianischen Konstitutionen, der zu Beginn des Abschnitts über den salesianischen Geist steht, finden wir die Zusammenfassung dieses Rufs, den Don Bosco wahrhaftig lebte:

Artikel 10:
„Don Bosco hat auf Eingebung Gottes hin einen eigenen Stil des Lebens und Handelns vorgelebt und uns überliefert: den salesianischen Geist.
Mitte und Inbegriff dieses Geistes ist die pastorale Liebe. Sie ist durch jene jugendliche Dynamik gekennzeichnet, die sich bei unserem Gründer und in den Anfängen unserer Gesellschaft so ausgeprägt zeigte. Der apostolische Eifer läßt uns das Heil der Menschen suchen und Gott allein dienen.“

b. Gottes Wille wird sichtbar in den Ereignissen, die wir erleben
            In dieser in Christus verwurzelten Dynamik beginnt eine Erfahrung, die uns nach und nach Gottes Plan enthüllt. Gottes Wille offenbart sich aus unserem Miteinander in den Ereignissen, die wir in Ihm und um seinetwillen erleben. Wenn wir aufrichtig sind und aus seiner Sicht heraus handeln, überrascht uns der Herr des Lebens immer wieder auf äußerst unerwartete Weise. Glauben ist also keine Entscheidung, die Erfolge und Triumphe sicherstellt; glauben heißt, sich seinen Händen anzuvertrauen, heißt, in der sicheren Gewissheit zu wachsen, die aus einem Herzen kommt, das von der göttlichen Vorsehung geführt wird. Wenn anstelle dieser radikalen Entscheidung logisches Kalkül tritt, dann nimmt alles eine andere Richtung, deren Ziel wir nicht kennen. Maria bleibt die Führerin in einem vollen, unbedingten Vertrauen. So ist sie gewesen, so wird sie weiterhin sein.
In dem Evangeliumstext, den wir betrachten, finden wir nämlich kein Wort des Zweifelns oder Misstrauens, oder auch nur der Resignation von Seiten der Diener: nur Gesten eines vollkommenen Vertrauens:

Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!
Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. (V. 5-8)

Diese Verse vermitteln, während die Hauptpersonen vollkommen schweigen, eine Verfügbarkeit, eine Bereitschaft und eine Großzügigkeit, die uns auch ein wenig perplex zurücklassen kann. Doch nein! Es ist die Reaktion desjenigen, der sich entscheidet, auf das gehörte Wort zu setzen. Es ist die Haltung desjenigen, der wirklich glaubt. Es ist die Entscheidung desjenigen, der nicht da ist, um Fragen oder, noch schlimmer, Bedingungen zu stellen. Es ist der treue Diener!

c. Ein Prozess, der durch das Wort Gottes genährt und erleuchtet wird
            Abschließend möchten wir eine Tatsache hervorheben, die wir als gläubige Menschen nicht aus den Augen verlieren dürfen: Es handelt sich um einen Prozess, der anhält, weil er stetig durch das Wort Gottes genährt und erleuchtet wird. Alles im Lichte Gottes zu interpretieren und seinen Willen in den Ereignissen zu betrachten, die sich vor uns offenbaren, ist kein Selbstläufer. Es erfordert ein Herz, das mit der Kraft des Wortes im Einklang steht. Dies ist ein Bedürfnis, das wir in einer Kultur wie der unseren – in der Wirtschaftlichkeit Vorrang vor Wirksamkeit hat und das Ergebnis als wichtiger angesehen wird als der Prozess – ständig zu unterschätzen drohen, indem wir direkt zum Handeln übergehen, mag es auch mit den besten Absichten sein. Als Folge davon wird der Bezugspunkt – das meditierte und betrachtete Wort – immer schwächer und auf lange Sicht sogar als Zeitverschwendung angesehen.
Wie oft hören wir, auch in unseren Ordensgemeinschaften, dass wir keine Zeit für die Betrachtung haben, weil wir sehr mit pastoralen Verpflichtungen beschäftigt sind? Und je größer die Verpflichtungen werden, umso mehr geben wir die Freundschaft mit dem Wort Gottes auf. Das Ergebnis ist leider eine pastorale Selbstbezogenheit, die sich im Namen der Erfüllung von pastoralen Aufgaben verstärkt. In Entsprechung zu dem, was Papst Franziskus einmal als „spirituelle Weltlichkeit“ bezeichnete, gehen wir ein sehr ähnliches Risiko ein, die Sackgasse der „pastoralen Weltlichkeit“. Das heißt, dass wir zwar die pastorale Arbeit mit großem Engagement verrichten, aber auf lange Sicht den Gott vergessen, der uns ursprünglich gerufen hat, ihm zu dienen. Was für eine Tragödie, wenn wir zwar glauben, Gott in den Armen zu dienen, aber am Ende ihn selbst bedeutungslos machen. Letztendlich werden wir unsere eigenen pastoralen Projekte zu Idolen erheben!
Ich möchte hier Gedanken über die Kraft und zentrale Bedeutung des Wortes Gottes von einer Heiligen der Nächstenliebe anbieten, der viele von uns begegnet sind: Mutter Teresa von Kalkutta. Sie schrieb an ihre Mitschwestern die folgenden Worte, die auch für uns heute gelten:

„Ich mache mir Sorgen, weil einige von euch Jesus noch nicht wirklich begegnet sind – unter vier Augen – nur ihr und Jesus. Sicher, wir können Zeit in der Kapelle verbringen, aber habt ihr wirklich mit den Augen der Seele wahrgenommen, mit welcher Liebe er euch anschaut? Habt ihr wirklich Bekanntschaft mit dem lebendigen Jesus gemacht, nicht über Bücher, sondern weil ihr ihn in eurem Herzen aufgenommen habt? Habt ihr seine Worte der Liebe gehört? […] Gebt diesen vertrauten, täglichen Kontakt mit Jesus als eine wirklich lebende Person nie auf. Er ist keine bloße Idee! Wie können wir auch nur einen Tag verbringen, ohne zu hören, wie Jesus sagt: Ich liebe Dich! […] Das ist unmöglich! Unsere Seele braucht das genauso wie unser Körper das Atmen. Sonst stirbt unser Gebet und die Meditation verkommt zu einer bloßen Reflexion. Jesus will, daß jeder von uns auf ihn hört, auf ihn, der in der Stille des Herzens zu euch spricht. Seid wachsam gegenüber allem, was diesen persönlichen Kontakt mit dem lebendigen Jesus behindern könnte.“[7]

Diese warmherzige Aufforderung der heiligen Mutter Teresa von Kalkutta ist an alle gerichtet, die den Glauben zur Quelle ihrer Identität und ihres Handelns machen wollen. Glaubende Menschen zu sein, versetzt uns in den Mittelpunkt der Geschichte, damit wir als Hauptdarsteller die Geschichte annehmen und leben, und zwar im Lichte Christi. Nur so – ernährt und genährt durch die Nahrung des Wortes Gottes – können wir staunend feststellen, wie der Wille Gottes klarer vor unseren Augen erscheint.

d. Einladung zur Reflexion
            – Erkennen wir, wie leicht man dazu neigt, auf die Not der Armen zu reagieren und erzieherisch-pastorale Prozesse anzubieten, ohne vorherige menschliche und zugleich spirituelle Einschätzung der Situation?
– Erkennen wir als Gemeinschaft und als Gruppen, wie dringend es ist, den Mut zu haben, Zeit zum Nachdenken und Beten „zu verlieren“, bevor wir handeln? Der Wert von Angeboten liegt nämlich in den Wurzeln, die den Baum nähren, damit er dauerhaft gute Früchte trägt.
– Haben wir verinnerlicht, dass der Dienst an den Armen die Folge unserer Begegnung mit Christus ist, weil diese es sind, die uns zu Ihm bringen, um ihnen noch mehr zu dienen?
– Sind wir uns stets der Gefahr bewusst, dass die „pastorale Weltlichkeit“ im Endeffekt bloß unser Ego nährt, mit der Folge, dass wir, anstatt den Armen zu dienen, uns letztendlich der Armen bedienen?

3. WÄHLEN – Den Ruf in Freiheit leben
            Der Bericht von dem „Zeichen“ zu Kana bietet weitere Punkte, die mehr Licht auf unsere gelebte Glaubenserfahrung werfen und uns als Leitfaden und Ansporn für unseren erzieherisch-pastoralen Weg dienen. Die Diener hören zu, nehmen auf und gehorchen, wie Maria es von ihnen verlangt hatte. Ihre Haltung und ihre Entscheidung wirken wie die Verwirklichung einer anderen Aussage Jesu, die Lukas berichtet: „Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lk 11,27-28).
Hier ist der Schlüssel zur Wende. Es ist wichtig und entscheidend, sich als Teil der Menschheitsgeschichte zu fühlen und die Zeichen der Zeit anzunehmen und zu „lesen“; es ist jedoch unbedingt notwendig, im Glauben an Christus verwurzelt zu sein. Die Wahrheit dieser beiden Haltungen zeigt sich am deutlichsten in dem Moment, in dem man das Wort Gottes annimmt und lebt. So entsteht ein Weg des authentischen Glaubens, der von einem gesunden und soliden Wachstum geprägt ist.

a. Freies Zuhören gepaart mit vollkommenem Vertrauen
            Der Wendepunkt ist durch dieses freie Zuhören gekennzeichnet, das von vollkommenem Vertrauen geprägt ist. Die Sätze des Evangeliums haben eine sehr starke Wirkung und eine immer aktuelle Bedeutung.

Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. (Joh 2,7-8)

Denn wenn einer Jesus vertraut, gibt es keinen Raum mehr für anderes! So wird die menschliche Verfügbarkeit noch vollkommener und freudiger, bereiter und großzügiger. Der Verfasser des Evangeliums nennt ein Detail, das wir als Erzieher und Seelsorger nicht übersehen dürfen: „Und sie füllten sie [= die Krüge] bis zum Rand“ (V. 7). Bis zum Rand, über die ohnehin schon große Menge an Litern in den Krügen hinaus. Es lohnt sich, großzügig zu sein, immer, mit einer „überbordenden“ Großzügigkeit. Wenn Jesus ruft, geht man so weiter, gehorsam – ob-audire (ge-horchen) – mit Freiheit und ohne Maß, immer und immer wieder, wie es im weiteren Verlauf des Evangeliums angedeutet wird: „Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm” (V. 8).
Ich glaube, dass viele von uns in ihrem Leben, als Kinder oder Jugendliche, aber wohl auch als Erwachsene, die Freude hatten, Menschen zu begegnen, die uns an die Großzügigkeit dieser Diener erinnern. Menschen, die wir noch immer in unseren Herzen und Gedanken verwahren, nicht so sehr wegen ihrer Taten, sondern wegen ihrer freien und großzügigen Haltung, die sie uns vermittelt haben. Sie haben uns sicherlich geprägt, denn ihr Herz war von der Gegenwart Jesu erfüllt, sie hatten ein erleuchtetes Herz, das vom Wort Gottes geleitet und von der Eucharistie genährt wurde.

b. Jedes Handeln erhält Sinn (logos) nur in und aus Gottes Wort (Logos)
            In den Dienern erkennen wir, was heute von uns verlangt wird, wenn wir denen, denen zu dienen wir gerufen sind, wirklich eine Erfahrung ganzheitlichen Wachstums bieten wollen. Wir werden nur dann authentische Erzieher und Seelsorger sein, wenn jede unserer Handlungen ihren Sinn (Grund, Motiv, logos) durch und von Gottes Wort (Logos) bezieht. Nur in einem Leben, das von Worten und Taten geprägt ist, die sich von Gottes Wort inspirieren lassen, können wir die Mauer der Gleichgültigkeit und Apathie überwinden, die heute so weit verbreitet ist. Wenn wir sehen, dass der Wein der Hoffnung und der Freude fehlt, wenn wir uns angesichts so vieler realer Herausforderungen, denen wir täglich begegnen, machtlos fühlen, besteht die Versuchung, uns zu schützen, indem wir auf Distanz gehen und nur das Nötigste tun.
Es gibt jedoch eine andere Option, die dem Evangelium entspricht und salesianisch ist: „Sich hingeben“ und auf sein Wort „vertrauen“ – so wie es uns die Diener bezeugen, wie es uns Don Bosco und viele bekannte Salesianer bezeugen, mit ihren konkreten Entscheidungen, denen immer eine genaue, systematische Aufmerksamkeit für die Quellen ihres Lebens vorausging. Aus diesem zutiefst heiligen Raum ist alles hervorgegangen. Sie waren Jünger und Diener, die ihr Leben für und mit den anderen zu einer Erfahrung gemacht haben, die ihre Beziehung zu Jesus verlängerte und mit der Kraft seines Wortes gelebt wurde. Es handelte sich dabei nicht um abstrakte Frömmigkeit oder emotionale Pietät, sondern um den Ausdruck und die Synthese menschlicher und spiritueller Reife, intelligenter und weiser Weitsicht, menschlicher Empathie und mystischer Begeisterung. In ihrem ob-audire (ge-horchen), das sie mit einer starken, entschlossenen Persönlichkeit leben, sehen wir keine Anzeichen von Schwäche oder passiver Resignation. Wir können sagen, dass sie ihre Rolle als Protagonisten in einem Beziehungsrahmen gelebt haben, der von der Gnade der Einheit geprägt war, einem existenziellen, zutiefst menschlichen und zutiefst göttlichen Rahmen. Indem sie gehorcht haben, haben sie keineswegs auf ihre Persönlichkeit verzichtet, sondern sie vielmehr durch jene Gnade der Einheit geprägt. Ihr Vertrauen in das Wort Jesu, wie auch das Vertrauen der Diener, schenkt uns weiterhin neuen Wein, der ein neues Leben einleitet, für uns ebenso wie für unsere Jugendlichen.

c. Gefahr eines Glaubens, der sich an die vorherrschende Kultur anpasst
            Hier erkennen wir die Aufforderung, nicht der Gefahr eines Glaubens zu erliegen, der sich an die vorherrschende Kultur anpasst. Die prophetische Dimension unserer Sendung muss sich mit einem Kontext wie dem aktuellen auseinandersetzen, der „nach unten zieht“, dem Unmittelbaren, dem Nützlichen und Vorteilhaften, dem, was hier und jetzt befriedigt, wenn nicht sogar dem Bequemsten. Die Worte Jesu an seine Diener konnten auch auf rein menschliche Weise „behandelt“ und „interpretiert“ werden, mit einem durchaus plausiblen und „vernünftigen“ Misstrauen. Wir können uns leicht vorstellen, dass das Ergebnis dann ganz anders gewesen wäre.
Wie oft passiert es auch uns heute – angesichts dringender pastoraler Herausforderungen –, dass menschliche Überlegungen Oberhand gewinnen. Eine rein horizontale Lesart, die an sich kunstvoll konstruiert ist, schwächt letztendlich eine glaubensbasierte Lesart der Herausforderungen, denen zu begegnen wir gerufen sind, bis sie diese ausschließt. Einerseits sind wir uns bewusst, dass Studien und Forschungen über junge Menschen uns dazu auffordern, ihrer Suche nach Sinn zuzuhören, andererseits beschränken wir uns jedoch – angesichts dieses Bewusstseins, das eine prophetische Antwort verlangt – darauf, bloß eine horizontale Antwort zu geben, die vielleicht nur ein Bedürfnis befriedigt, anstatt die implizite Frage nach dem Sinn zu beantworten.
Man hat den Eindruck, dass wir manchmal unsere Ängste auf die jungen Menschen projizieren, weil es uns ungelegen kommt, uns diesen zu stellen und sie zu überwinden, denn dafür müssten wir unsere Komfortzone verlassen. Wenn wir uns auf der rein menschlichen und rationalen Ebene oder der Ebene der vorherrschenden Kultur bewegen, fühlen wir uns oberflächlich gerechtfertigt, während unsere Jugendlichen Rufer in der Wüste bleiben.
Wenn wir von den Anfängen in Valdocco ab 1847 im Pinardi-Haus lesen, so sehen wir, dass Don Bosco seinen jungen Menschen starke und solide Erfahrungen bot. Er war auf der Suche nach armen Jugendlichen ohne Obdach, um ihnen das Allernötigste zu geben: Essen, Unterkunft und Erziehung. Aber von Anfang an war sich Don Bosco dessen bewusst, dass man auch Angebote machen musste, die wir heute „ganzheitlich“ nennen. Pietro Braido schrieb dazu:

„Aus ganz bescheidenen Anfängen entwickelte sich die erste Institution Don Boscos langsam, erstarkte aber zunehmend und immer deutlicher, genau wie das Senfkorn im Evangelium. Aber das ist zurückzuführen auf die innere Kraft dieses so unermüdlichen Arbeiters, auf seinen menschlich wie religiös festen Glauben, auf sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und seine starke Ausstrahlung, die schließlich dahin führten, dass ein stark idealisiertes Bild von ihm entstand. Das war auch später so.“[8]
„Natürlich machte Don Bosco mehr als nur Propaganda. Um seine Jungen aufzufangen, sie aufzubauen und religiös-moralisch und damit auch als Menschen stark zu machen, und hier besonders die Arbeiterjugend, seine ‚armen kleinen Handwerker‘, verstand er es, auch starke Mittel wie die geistlichen Exerzitien einzusetzen. Damit hatte er bereits 1847 einen ersten Versuch für die Oratoriumsbesucher gestartet. […] Mit größerer Gewissheit und von Don Bosco selbst bezeugt ist ein ähnlicher Versuch im Jahr 1848. Die etwa 50 Teilnehmer blieben die ganze Zeit, also auch über Nacht, in den Räumen des Oratoriums. Das war deshalb möglich, weil das gesamte Pinardi-Haus zur Verfügung stand“.[9]

Damit unsere Antwort voller Vertrauen in das Wort Jesu ist, müssen wir diese Einladung mit großer Bereitschaft annehmen, sowohl gegenüber Demjenigen, der uns ruft, als auch als Antwort auf diejenigen, die uns erwarten. Unsere Unentschlossenheit, unser Zögern dürfen nicht das letzte Wort haben.

d. Einladung zur Reflexion
            – Setzen wir uns dafür ein, dass unser Glaubensleben die Form einer Beziehung annimmt, die von Freiheit und vertrauensvoller Hingabe geprägt ist.
– Prüfen wir gewissenhaft unsere Motivation: Ist sie im Wort Gottes (Logos) verwurzelt und wird sie von diesem genährt? Ist sie frei von selbstbezogenen Motiven?
– Lasst uns unsere intellektuellen Fähigkeiten stets im Lichte der Weisheit Gottes entwickeln. Möge unser Verstand die prophetische Stimme der Frohen Botschaft nicht trüben oder schwächen.

4. HANDELN – Mit vollkommener Großzügigkeit dienen
            Die Hochzeit zu Kana war ein „Fest“, das durch die vertrauensvolle und großzügige Antwort der Diener auf Mariens Aufforderung, das zu tun, was Jesus ihnen sagt, bereichert wurde. Wenn das Dienen von einer großzügigen Selbsthingabe geprägt ist, einer im Glauben verwurzelten Großzügigkeit, resultiert daraus ein Geschenk für alle. Das können wir bei verschiedenen erzieherisch-pastoralen Prozessen feststellen, die von Menschen geführt werden, die sich der Sendung widmen, von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die sich als lebendiger Teil des Charismas und des salesianischen Pastoralprojekts fühlen. Hingabe und Zugehörigkeit, die eine wahre und wirkliche Annahme der Berufung bedeuten, ihre Verwirklichung und nicht nur bloßes Anhängsel sind. Letztendlich sind es diese grundlegenden Entscheidungen, die jedem Weg eines ganzheitlichen Wachstums junger Menschen Leben einhauchen. Es sind Optionen, die das Ergebnis positiv beeinflussen.

a. Frei dienen, weil wir in Christus verwurzelt sind
            Es gibt keine echtere und wahrhaftigere Freiheit als jene, die aus der Beziehung mit Ihm hervorgeht. Die Freude eines frei dienenden Menschen kommt aus einem Herzen, das bereits den Mittelpunkt der eigenen Identität gefunden hat. Der dienende Mensch, der sich aus der Quelle, die Christus ist, nährt, hat keine anderen Absichten oder Motive. Er lebt seinen Dienst gut, ohne von der Suche nach persönlicher Befriedigung von außen abhängig zu sein. Sein Herz ist bereits voll mit Demjenigen, der ihn gerufen und gesandt hat, und das reicht ihm völlig aus.
Seine Hingabe ist also klar und vermittelt deshalb nach außen hin dieses Gefühl innerer Freiheit. Daher kommt die wahrhaftige Freude, die jeder authentisch den Jugendlichen dienende Mensch in sich trägt. Wir sind Überbringer des guten Weins, wir sind „Zeichen der Liebe Gottes zu den jungen Menschen, besonders zu den Ärmsten“ (K 2), nicht weil wir diese Liebe selbst erzeugt haben, sondern weil wir glauben, dass sie uns großzügig geschenkt wurde. Von uns wird einfach nur gefordert, dass wir sie nicht als persönliches Eigentum festhalten, sondern sie großzügig verteilen. Die Freude, die wir verbreiten, wenn wir in Christus verwurzelt sind, ist eine Freude, die uns im Überfluss geschenkt wird, aber mit dem Versprechen, dass diese Freude vollkommen wird, wenn wir sie teilen. Die Zusage Jesu beim letzten Abendmahl unterstützt uns weiterhin bei diesem Dienst:

„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.“ (Joh 15,9-11)

In den vergangenen Monaten des Heiligen Jahres 2025 haben viele von uns das Jubiläum der Jugend, Ende Juli bis Anfang August, selbst erlebt oder aus der Nähe verfolgt. Es ist hier angebracht, an die Worte zu erinnern, die Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte zum Abschluss des Heiligen Jahres 2000 niederschrieb, wo wir einen Kommentar zum Jubiläum der Jugend dieses Jahres 2000 finden. Diese Worte stehen geradezu im Zeichen der Freude. Sie scheinen für uns heute geschrieben zu sein, die wir uns um Jugendliche kümmern, die um die Jahrtausendwende geboren wurden:

„Ist Christus etwa nicht das Geheimnis der wahren Freiheit und der tiefen Freude des Herzens? Ist Christus nicht der erhabenste Freund und zugleich der Mentor jeder echten Freundschaft? Wenn Christus den Jugendlichen mit seinem wahren Gesicht vorgestellt wird, empfinden sie ihn als eine überzeugende Antwort und sind imstande, seine Botschaft anzunehmen, auch wenn sie anspruchsvoll und vom Kreuz gezeichnet ist. Deshalb habe ich mich von ihrer Begeisterung ergreifen lassen und nicht gezögert, um eine radikale Glaubens- und Lebensentscheidung zu bitten, indem ich sie auf eine wunderbare Aufgabe hinwies: beim Anbruch dieses neuen Jahrtausends zu ‚Wächtern des Morgens‘ zu werden (vgl. Jes 21,11-12).“[10] (NMI, Nr. 9)

Ja, die jungen Menschen suchen noch immer nach denen, die den Mut und die Überzeugung des Glaubens an Christus haben. Es fehlen nicht die suchenden jungen Menschen. Wir brauchen Menschen, erwachsen im Glauben, bereit, das Antlitz Jesu darzustellen, als Dienende und als Pilgernde. Wir brauchen Erzieher und Seelsorger, die bereit sind, die Frohe Botschaft zu hören und zu leben.

b. Wir sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Gottes Plan für die jungen Menschen
            Indem wir überzeugt und freudig dienen, werden wir, Erzieher und Seelsorger, zu Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen an Gottes Plan für die jungen Menschen. Wie Maria haben auch wir die Entscheidung getroffen, uns nicht von dem, was um uns herum geschieht, fernzuhalten. Wir haben uns entschieden, Teil der Geschichte der jungen Menschen zu sein. Denn wir sind davon überzeugt, dass diese jungen Menschen heute mehr als je zuvor in ihrem Herzen die Frage tragen: „Wo wohnt der Herr?“. Sie suchen ihn, vielleicht auch ohne es zu wissen. Ihnen fehlen die Worte, um es auszudrücken, aber sie haben jenen tiefgehenden Durst, der das Herz nicht in Frieden lässt. Wenn auch die angemessene Sprache fehlt, so fehlt ganz sicher nicht das unruhige Herz.
Wie groß ist unsere Verantwortung, von uns, die wir Jesus begegnet sind, die wir häufig bei Jesus verweilen, jeden Tag! Aber nur wenn wir diese Begegnung treu und beständig leben, wird es uns gelingen, die stumme Frage der jungen Menschen zu verstehen. In dieser Logik einer „Stille, die lautstark anfragt“, vermitteln authentische Erzieher und Seelsorger durch ihr Zeugnis und ihre Treue jenen Funken, der allein die Herzen entzünden kann. Uns ist das „Talent“ aus der Frohen Botschaft übergeben worden. Wehe uns, wenn wir es vernachlässigen oder – noch schlimmer – es vergraben.
In ihrem kurzen, aber intensiven Leben hat die Französin Simone Weil (1909–1943) – Philosophin, politische Aktivistin und Mystikerin, eine Frau, die verzweifelt auf der Suche war – die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts tief geprägt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens stand sie im Austausch mit dem Dominikanerpater Joseph-Marie Perrin. Über diese Erfahrung schrieb sie in ihrem Tagebuch:

„Nicht an der Art, wie ein Mensch von Gott spricht, sondern an der Art, wie er über irdische Dinge redet, kann man am besten erkennen, ob seine Seele im Feuer der Liebe Gottes gewohnt hat.“[11]

Es ist eine lapidare Aussage, die bestens zu unseren erzieherisch-pastoralen Kontexten passt. Meistens bestehen unsere Begegnungen mit jungen Menschen und all denen, die der Herr uns begegnen lässt, aus einem einfachen menschlichen Kontakt, großzügiger Hilfsbereitschaft bei unmittelbaren Bedürfnissen und Themen. Und doch wird dieser Raum klarer Menschlichkeit zum Ort der Offenbarung der Liebe Gottes: In diesen Momenten gelangen wir auf „heiligen Boden“, den man nicht zertrampeln darf. In den Spielhöfen der Welt sind wir nicht nur physisch gegenwärtig, sondern bringen auch das mit, was unser Herz enthält. Auch wenn wir über „irdische Dinge“ sprechen, teilen wir mit, ohne es zu wissen, „wen“ oder „was“ wir in unserem Herzen aufgenommen und beherbergt haben. In diesen einfachen Momenten erleichtert unsere Präsenz, die ein gesundes Herz mit sich bringt, auf überraschende Weise die Offenbarung von Gottes Plan für jeden jungen Menschen, dem wir begegnen. Glücklich sind wir, wenn wir uns dessen stets bewusst sind. Selig sind die jungen Menschen, die diesen dienenden und glaubenden Menschen begegnen, die großzügig und von wahrhafter Freude erfüllt sind!

c. Der Mut des Glaubens
            Schließlich brauchen wir uns weder zu ängstigen noch zu schämen: Fördern wir auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene den Mut zu glauben. Dabei geht es nicht um eine Haltung, die die Welt lediglich provozieren will, schon gar nicht um Fundamentalismus ohne Verstand. Es handelt sich vielmehr um eine Option, die uns in Christus verwurzelt und so auf die Welt zugeht. Es geht nicht darum, sich zu widersetzen, sondern Räume der Geschwisterlichkeit zu ermöglichen, die Kultur des Dialogs zu fördern und Beziehungen zu leben, die von Mitgefühl und Empathie geprägt sind.
In einem Abschnitt der Enzyklika Lumen fidei geht Papst Franziskus auf das Potenzial eines Glaubens ein, der nicht darauf abzielt, zu erobern, sondern zum Gemeinwohl beizutragen. Als Träger eines Charismas, das erzieht und evangelisiert, erleuchtet uns die Reflexion des Papstes und spornt uns an, weiterzumachen.

„Der Glaube entfernt nicht von der Welt und steht dem konkreten Einsatz unserer Zeitgenossen nicht unbeteiligt gegenüber. Ohne eine verlässliche Liebe könnte nichts die Menschen wirklich geeint halten. Die Einheit zwischen ihnen wäre nur denkbar als eine Einheit, die auf Nützlichkeit, auf die Zusammenlegung der Interessen oder auf Angst gegründet ist, aber nicht auf das Gut des Miteinanders und auf die Freude, die die bloße Gegenwart des anderen hervorrufen kann.“ (Nr. 51)

Der Papst erinnert dann daran, dass diese Haltung aufgrund ihrer sozialen Auswirkungen zu einem unschätzbaren Geschenk wird. Dieser Aufruf ist für uns, die Gruppen der Don-Bosco-Familie, von entscheidender Bedeutung, denn er warnt uns vor der Gefahr, „den Glauben“ als „Privatbesitz“ zu betrachten, den wir im Vergleich zu anderen haben. Das ist nicht der Sinn des Rufs. Erinnern wir uns an die Hochzeit von Kana: Der Wein ist für alle da, auch für diejenigen, die nicht gut kalkuliert haben, auch für die, die auf Kosten anderer beim Fest dabei sind, sowie für die vorüberziehenden Bettler. Der Glaube an Christus eröffnet wie neuer Wein das Fest des Bundes. Mit den Worten von Papst Franziskus:

„Der Glaube macht die Strukturen der menschlichen Beziehungen einsichtig, weil er deren Urgrund und letzte Bestimmung in Gott, in seiner Liebe erfasst. Sein Licht fördert die Fähigkeit, solche Strukturen aufzubauen. So wird er zu einem Dienst am Gemeinwohl. Ja, der Glaube ist ein Gut für alle, er ist ein Gemeingut; sein Licht erleuchtet nicht nur das Innere der Kirche, noch dient er allein der Errichtung einer ewigen Stadt im Jenseits; er hilft uns, unsere Gesellschaften so aufzubauen, dass sie einer Zukunft voll Hoffnung entgegengehen.“ (Nr. 51)

Der Mut zu glauben ist eine Bestätigung, dass wir den Ruf, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Gottes Plan für die jungen Menschen zu sein, ernst nehmen wollen. Don Bosco hat diesen Ruf mit außergewöhnlichem Bewusstsein gelebt und ihn zu einem System, einem Projekt, einer familiären Erfahrung gemacht. Sein Mut veranlasste ihn zu sagen (und zu leben): „In allem, was zum Vorteil der gefährdeten Jugend ist oder dazu dient, Menschen für Gott zu gewinnen, gehe ich bis zur Verwegenheit“.[12]
Wir leben den Glaubensmut, um eine von Hoffnung geprägte Zukunft zu fördern. Einen mutigen Glauben, der seine Wurzeln im Herzen des Erziehers, des Seelsorgers hat, der niemals aufhört zu lieben, zu hoffen und seine Herde zu umsorgen.

d. Einladung zur Reflexion
            – Haben wir keine Angst, uns selbst innerlich und ehrlich zu fragen, ob wir wirklich den jungen Menschen dienen oder ob wir uns bloß ihrer für unsere eigenen Ziele und persönlichen Motive bedienen.
– Als Gemeinschaft, die dazu berufen ist, mit dem Herzen des guten Hirten zu erziehen, bemühen wir uns, Gelegenheiten zu finden, die in uns das Bewusstsein stärken, dass unsere Anwesenheit und unser Beitrag dazu dienen sollen, die Entdeckung von Gottes Plan für jeden jungen Menschen zu fördern.
– Denken wir an die Aussage von Simone Weil: Verweilt meine Seele im Feuer der Liebe Gottes? Falls ich nicht in dieser Glut der Liebe Gottes bleibe, spielt es kaum eine Rolle, an welchem anderen Ort ich mich entscheide zu leben!

5. 150 Jahre Salesianische Mitarbeiter/-innen Don Boscos: Der prophetische Traum Don Boscos geht weiter
            Ich lade Euch ein, das 150-jährige Jubiläum der Gründung der Salesianischen Mitarbeiter-/innen Don Boscos (SMDB) als eine Erfahrung zu betrachten, die das Wort Mariens an die Diener fortsetzt: „Was er euch sagt, das tut!“
Die bisherigen Überlegungen finden ihre Umsetzung in dem Projekt, das Don Bosco seit Beginn seiner Sendung in Valdocco entwickelt hat.

i. Das Herz Don Boscos war ein Herz, das offen war, die Zeichen der Zeit anzunehmen, mit ihren Herausforderungen und Möglichkeiten.

ii. Von Anfang an war es ein Weg, der im Glauben an Christus verwurzelt war, und diese persönliche Erfahrung hatte ihren Ausgangspunkt einzig und allein in Christus.

iii. Das Angebot, das sich langsam entwickelte, zielte darauf ab, den jungen Menschen und seinen ersten Mitarbeitenden die Möglichkeit zu bieten, ihr eigenes Lebensprojekt frei zu entdecken und zu leben.

iv. In einem gesunden und heiligen Umfeld, in dem Vernunft (Vernünftigkeit) und Glaube (Religion) sich gegenseitig in einem Kontext der Liebenswürdigkeit nährten, hatte dieser Weg das alleinige Ziel, den Jugendlichen in völliger Großzügigkeit zu dienen und sie bedingungslos zu lieben.

In den letzten Jahrzehnten hatten wir verschiedene Gelegenheiten und Momente der Reflexion, die uns helfen, die Erfahrung der SMDB im Lichte des salesianischen Charismas zu betrachten. Ich beziehe mich auf drei Quellen, die in diesem Jahr ebenso weitere Momente des Studiums und der Reflexion wie auch der Suche nach neuen und kreativen pastoralen Angeboten nähren können.

Don Pietro Braido widmet den SMDB mehrere Seiten.[13] Hier möchte ich nur einige Ideen für einen Überblick ansprechen, der uns eine Erinnerung bietet, die über die unmittelbare historische und zeitliche Gegenwart hinausgeht. Wenn wir uns wirklich an die Entscheidungen Don Boscos erinnern, stellen wir fest, dass das Thema des JAHRESLEITGEDANKENS 2026 ganz im Einklang mit seinem Handeln steht, da er stets aufmerksam und gehorsam gegenüber der Führung durch den Geist Gottes war.
Don Boscos Idee war es, eine echte organisierte missionarische Kraft zu schaffen, ein „potenziell unbegrenztes Heer von Menschen, Männern und Frauen“. Das Revolutionäre daran war, dass diese Mitglieder die salesianische Sendung teilen würden, obwohl sie in der Welt bleiben, ohne die Verpflichtung zu den religiösen Gelübden (Armut, Keuschheit, Gehorsam) und ohne das für Ordensleute typische Leben in Gemeinschaft. Sie waren dazu berufen, in ihrem Alltag einen Glauben zu leben, der „evangelisiert und zivilisiert“.
Don Bosco konnte von den Anfängen des Oratoriums an immer auf die Mitarbeit von Priestern und Laien zählen. Die wahre Neuheit bestand darin, dieser Zusammenarbeit eine offizielle, strukturierte Form zu geben: eine kirchliche Vereinigung oder Union. Diese Einrichtung sollte formell an die Salesianische Gesellschaft „angeschlossen“ werden, wodurch eine anerkannte spirituelle und rechtliche Verbindung geschaffen wurde.
Die Idee kam nicht plötzlich auf. Schon in den Entwürfen der Salesianischen Konstitutionen aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Don Bosco ein Kapitel über die „Externen Mitglieder“ vorgesehen. Obwohl dieser Vorschlag zunächst von den vatikanischen Behörden abgelehnt worden war, gab Don Bosco nicht auf. Er wollte ein Netzwerk spontaner und informeller Hilfe in eine anerkannte geistliche Familie mit einer klaren Identität und einer aktiven Rolle in der salesianischen Sendung verwandeln.

„In der ‚Einführung‘ von 1854 zum ‚Satzungsentwurf für das Jungen-Oratorium des hl. Franz von Sales‘ gab Don Bosco seiner Hoffnung Ausdruck, diese Satzung könne als ‚Norm für die Handhabung dieses Teils des heiligen Dienstes dienen, und als Leitfaden für die Priester und Weltleute, die sich dort in beträchtlicher Zahl abmühen‘. Tatsächlich war die Mitarbeiterschar, an die er gern erinnerte, recht umfangreich.“ (Braido, S. 243f.)

Die ursprüngliche Vision Don Boscos fordert uns noch immer heraus, denn sie lädt uns ein, heute denselben apostolischen Geist zu erneuern, den er als Grundlage und Fundament erträumte. Für Don Bosco war die Figur eines oder einer SMDB wie eine vielseitige Persönlichkeit mit einer ganz bestimmten Identität und Sendung.
Ihre Identität war die eines Salesianers, einer Salesianerin in der Welt: ein Christ (Laie, Priester, Mann oder Frau), der den salesianischen Geist in seinen Lebensumständen, in der Familie und in der Gesellschaft lebt. Er oder sie ist nicht ein Ordensmann oder eine Ordensfrau, aber man teilt mit den salesianischen Ordensleuten das gleiche Herz und dieselbe Leidenschaft für das Heil der jungen Menschen.
Die Sendung der SMDB hat einen zweifachen Zweck: die persönliche Heiligung („selbst Gutes tun“: das heißt, dazu berufen zu sein, ein vorbildliches christliches Leben zu führen, mit einem einfachen und tugendhaften Lebensstil, fast so, als wäre man „in der Kongregation“). Und dann das Heil der anderen, das apostolische Handeln, mit dem Ziel eines aktiven Engagements für den Nächsten mit einem besonderen Fokus auf die „gefährdete Jugend“.
Don Bosco entschied mit großem Pragmatismus, dass, wer diese Dinge nicht direkt („selbst“) tun konnte, dennoch einen Beitrag leisten konnte, indem er diejenigen unterstützte, die sie vollbrachten („durch andere“). Dieser Grundsatz machte die Erfahrung für alle zugänglich, unabhängig von Alter, Gesundheitszustand oder finanziellen Mitteln.

Don Egidio Viganò schrieb in seinem Brief Die Vereinigung der Salesianischen Mitarbeiter[14], anlässlich der feierlichen Verkündigung der damals neuen Regel für ein apostolisches Leben der Vereinigung der Salesianischen Mitarbeiter, im Jahr 1986, dass diese neue Regel nicht eine einfache Aktualisierung der Vorschriften sei, sondern ein Ereignis von historischer Bedeutung, das die nachkonziliare Erneuerung der gesamten Don-Bosco-Familie vollende. Don Viganò schreibt: Während „Don Bosco seine lange und schwierige Mission als Gründer erst dann als abgeschlossen betrachtete, als es ihm gelungen war, dieser Vereinigung eine tragfähige Struktur und einen eigenen Charakter zu verleihen“, steht dieser Erneuerungsprozess in Kontinuität mit den bisherigen Erfahrungen, die „in gewisser Weise und im Keim bereits zu Beginn seines Projekts zugunsten der Oratorien vorhanden waren“.
Er fügt auch hinzu, dass das salesianische Charisma eine „anpassungsfähige Lebendigkeit“ in sich habe, die es ihm erlaubt, sich an die Zeit anzupassen, ohne das eigene Wesen zu verlieren. Don Bosco ging von der grundlegenden Erkenntnis aus, dass die Sendung zur Jugend eine wichtige Aufgabe ist und dass es dringend erforderlich ist, dauerhaft Mitarbeitende zu haben. Erst nach mehr als dreißig Jahren der Entscheidungsfindung, von 1841 bis 1876, gelang es ihm, seinem Projekt endgültige Gestalt zu geben und es von einer diözesanen Größe zu einer universellen Berufung zu entwickeln.

Don Pascual Chávez schließlich kommentiert in einem Beitrag über Die SMDB in der Vorstellung Don Boscos[15] die Regel der SMDB „Apostolisches Lebensprojekt: Weg der Treue zum Charisma Don Boscos“. Dabei unterstreicht er die ursprüngliche Intuition Don Boscos und erinnert an den berühmten Satz: „Ich brauche immer alle!“ In diesem Ausdruck finden wir Don Boscos Vision vollständig zusammengefasst, die sich nicht darauf beschränkt, die SMDB als einfache Helfer zu betrachten, sondern sie als wesentliche Protagonisten eines umfangreichen Netzwerks der Zusammenarbeit zu sehen, das tatsächlich die weltweite Verbreitung des salesianischen Werks ermöglicht hat.
Don Chávez schreibt, dass sich die Identität der SMDB nach Don Bosco in drei grundlegenden Dimensionen zeigt: Erstens ist er oder sie ein katholischer Christ; er oder sie hat zweitens eine weltliche Berufung; drittens ist er oder sie ein Salesianer in der Welt, womit er an den Vortrag Don Boscos aus dem Jahr 1885 erinnert. Bei dieser Gelegenheit sagte Don Bosco:

„Was bedeutet es SMDB zu sein? SMDB zu sein bedeutet, gemeinsam mit anderen ein Werk zu unterstützen, das unter der Schirmherrschaft des Heiligen Franz von Sales gegründet wurde und dessen Ziel es ist, der Heiligen Kirche in ihren dringendsten Nöten zu helfen. Es bedeutet, sich für die Förderung eines vom Heiligen Vater so sehr empfohlenen Werks einzusetzen, weil es junge Menschen zur Tugend und zum Weg der Heiligkeit erzieht, weil es vor allem darauf abzielt, die Jugend zu unterrichten, die heute zur Zielscheibe der Bösen geworden ist, weil es in der Welt, in den Kollegien, in den Heimen, in den Sonntagsoratorien, in den Familien, ich sage, die Liebe zur Religion, die guten Sitten, das Gebet, den Empfang der Sakramente und so weiter fördert.“[16]

Im Lichte dieser Vision Don Boscos weist das Apostolische Lebensprojekt (ALP) den Weg, um ein authentisches Zeugnis für Gottes Plan zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung junger Menschen zu werden. Dieser Weg wird wirklich, wenn sich die SMDB einsetzen, um

a. die Identität der Vereinigung durch dynamische Treue zum ursprünglichen Charisma zu gewährleisten. Das Studium und die Reflexion über das Charisma sind eine Quelle, die das Verständnis und das Erleben der Berufung kontinuierlich nährt;

b. die Einheit der Mitglieder in ihrer Verschiedenheit zu stärken. Der Reichtum der Herkunft und die Verschiedenartigkeit der Gaben, die jedes Mitglied hat, sowie die persönliche Situation eines jeden und einer jeden sind eine Gelegenheit, um Räume der Annäherung, des Austauschs und des Erschließens neuer Handlungsfelder zu schaffen;

c. schließlich die missionarische Lebendigkeit jedes einzelnen und jeder einzelnen SMDB zu fördern. Der Ruf, uns wie Don Bosco zu fühlen, bedeutet, sich von einem Herzen leiten zu lassen, das bereit ist, „hinauszugehen“, einem Herzen, das sich gesandt fühlt, einem missionarischen Herzen. Eine solche Überzeugung überwindet die Gefahr einer Verschlossenheit, die dazu führt, das Feuer der Berufung zu verlieren.

Neben diesen Vorschlägen von Don Pascual Chávez lohnt es sich, seine Aufforderung zu bekräftigen, damit wir die Frische, die Don Bosco vermittelte, nicht verlieren. Heute liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass sie nicht geschwächt wird und abhandenkommt. Don Boscos Projekt zeigt auch heute noch seinen Wert, insofern als jeder und jede SMDB in erster Linie danach strebt, sich für das Gemeinwohl im politischen, sozialen und humanitären Bereich einzusetzen. In diesem Sinne wird zweitens die bevorzugte Aufmerksamkeit für die Armen und Ausgegrenzten zur treibenden Kraft des pastoralen Handelns. Drittens wird das Engagement für eine glaubende Gemeinschaft bekräftigt, indem die Lebendigkeit der Kirche durch einen authentischen, aufrichtigen und uneigennützigen Geist des Dienens unterstützt wird. Schließlich ergeht die Aufforderung, sich ständig weiterzubilden, damit das Zeugnis insgesamt und überall von jener Laienspiritualität genährt wird, die zum Leben nach dem Evangelium formt, einem Leben, das die Frohe Botschaft verkündet und in der Gesellschaft wie Sauerteig wirkt.

6. Einige pastorale Vorschläge
            In diesem letzten Teil mache ich einige pastorale Vorschläge, die innerhalb der verschiedenen Gruppen der Don-Bosco-Familie studiert und diskutiert werden können. Es sind Vorschläge, die sich aus den schon dargelegten Überlegungen ergeben und eng mit dem Bibelwort verbunden sind, das uns bei diesem JAHRESLEITGEDANKEN 2026 begleitet hat. Mein Wunsch für mich und jedes einzelne Mitglied der Don-Bosco-Familie ist es, dass wir uns stets die Kraft und das Licht von Gottes Wort vor Augen halten. Aus dieser Energie heraus bitten wir den Geist Gottes, uns Mut und Entschlossenheit zu schenken, um die Botschaft Jesu im Glauben zu leben und durch dieses Leben den jungen Menschen den „Wein der Hoffnung” zu bringen.

1. „Was er euch sagt, das tut!“: hin zu einer Pädagogik des persönlichen Zuhörens
            Die Worte Mariens an die Diener in Kana bieten sich als eine echte Erziehungsmethode an. Maria lädt zu einem persönlichen Zuhören ein, das von einem gleichgültigen Individualismus zu verantwortungsbewusster, solidarischer Autonomie führt, vom sterilen äußerlichen Konformismus zur Bekehrung des Herzens.
– Erziehen wir die jungen Menschen zum persönlichen Hören auf Gottes Wort und damit hin zu einem bewussten, erwachsenen Glauben.
– Fördern wir die Unterscheidung auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene, in Gruppen und Versammlungen.

2. Maria in Kana: Lehrmeisterin einer authentischen Freiheit
            Maria zwingt die Diener nicht, sondern richtet sie auf Ihn aus, der ihr Leben verändern kann. Das ist das Vorbild eines jeden authentischen Erziehers zum Glauben: nicht aufdrängen, sondern vorschlagen; nicht zwingen, sondern begleiten; nicht bevormunden, sondern befähigen.
– Wachsen wir als Erzieher und Erzieherinnen, die den jungen Menschen dabei helfen, sich die richtigen Fragen zu stellen; vermeiden wir die Gefahr, vorgefertigte Antworten zu geben.
– Werden wir uns bewusst, dass Autorität aus einem konsequenten und authentischen Zeugnis entsteht, nicht aus einem unterdrückerischen Erziehungsstil.
– Akzeptieren wir, dass Erziehung zur Freiheit auch bedeutet, das Risiko eines „Nein”, einer negativen Antwort, einer Ablehnung in Kauf zu nehmen. Auf jeden Fall ist den Entscheidungen der jungen Menschen auf ihrem Weg des schrittweisen Wachsens stets mit Respekt zu begegnen.

3. Die Kunst, die Zeichen der Zeit mit den jungen Menschen zu deuten
            Eine bodenständige Pastoral weiß die Realität der jungen Menschen ohne Vorurteile und ohne Verklärung der Vergangenheit zu deuten. Die jungen Menschen leben in einer komplexen Welt, die voll neuer Herausforderungen ist: digitale Revolution, unsichere Zukunft, Krise der traditionellen Institutionen, neue Formen existenzieller Armut.
– Hören wir einfühlsam zu: Versuchen wir, die jugendliche Welt von innen heraus zu verstehen, bevor wir urteilen.
– Interpretieren wir weise: Sehen wir in den kulturellen Veränderungen nicht nur Bedrohungen, sondern auch Gelegenheiten für die Verkündigung.
– Fördern wir das Gespräch im Geist: Wir leben „Synodalität“ ganz offensichtlich, wenn wir junge Menschen selbst in das gegenseitige Zuhören, in die Analyse ihrer Realität und in die Formulierung neuer Vorschläge einbeziehen.
– Mit einem Blick des Glaubens erkennen wir Gottes Handeln auch in Situationen, die anscheinend weit entfernt vom Evangelium sind.

4. Wählen: christliche Freiheit als Berufungsantwort
            Einer der heikelsten Punkte der heutigen salesianischen Jugendpastoral ist die Beziehung zwischen Glauben und Freiheit. Nur „freiwilliges Zuhören“ erlaubt es, die befreiende Kraft des Evangeliums zu erfahren.
– Bieten wir den jungen Menschen Räume und Erlebnisse eines mutigen, nicht ängstlichen Christentums, ein Angebot eines einfachen und glaubwürdigen christlichen Lebens.
– Leiten wir zum Handeln an: Jedes Handeln und jedes konkrete Angebot soll vom Wort Gottes her gelebt und geleitet werden, damit es Zeichen einer ganzheitlichen Spiritualität wird. Dienen erscheint dann als natürlicher Ausdruck eines reifen Glaubens und einer echten Freiheit.

5. 150 Jahre Salesianische Mitarbeiter/-innen Don Boscos: ein Vorbild für heute
            Das Gedenken an 150 Jahre SMDB bietet der salesianischen Sendung eine einzigartige Gelegenheit: Don Boscos Traum einer „großen Bewegung von Menschen“, die sich für das Wohl der Jugend einsetzen, lebendig werden zu lassen.

Jugendliche als Protagonisten: Die jungen Menschen sind nicht nur Empfänger pastoralen Handelns, sondern aktive Subjekte. Wie die ersten SMDB haben auch die jungen Menschen Don Boscos Traum von Anfang an geteilt. Dasselbe gilt für die jungen Menschen von heute: Sie sind gerufen, Protagonisten der Evangelisierung zu sein, in einer deutlicheren Weise als ihre Altersgenossen.

Erziehungsbündnisse: Die salesianische Sendung darf nicht das Werk einzelner sein, sondern erfordert Netzwerke zwischen Familien, christlichen Gemeinschaften, Schulen, Vereinen und der Arbeitswelt. Die SMDB von gestern und heute stellen diesen Geist pastoraler Verbundenheit dar.

Missionarische Dimension: Das salesianische Charisma ist in seinem Wesen missionarisch. Pastorale Entscheidungen dürfen sich nicht auf die Bewahrung des Vorhandenen beschränken, sondern müssen sich öffnen hin zu den Rändern, zu den neuen Formen der Armut und zu den am weitesten entfernten Jugendlichen.

Fruchtbares Laientum: Die SMDB bezeugen die Schönheit der Berufung der Laien in der Kirche. Das bedeutet, die spezifische Rolle der Laien in der Glaubenserziehung wertzuschätzen und ernst zu nehmen, indem ihre Kompetenz und ihre Autonomie geachtet und gefördert werden.

Schluss
            Mit dem JAHRESLEITGEDANKEN 2026 wird der Don-Bosco-Familie ein ebenso anspruchsvolles wie faszinierendes Programm übergeben. In einer Zeit, in der junge Menschen oft nur als problematisch oder zerbrechlich beschrieben werden, betrachtet das salesianische Angebot sie mit den Augen des Glaubens: Wenn sie auf glaubwürdige Angebote und maßgebliche Zeugen treffen, zeigen sich junge Menschen als aufrichtige Träger spezifischer Gaben, die wirklich fähig sind, authentisch zuzuhören, und auch bereit, großzügige Entscheidungen zu treffen.
Wie Maria in Kana sind wir als Erzieher und Erzieherinnen im Glauben gerufen, Christus vor den jungen Menschen zu bezeugen, nicht als ein „Objekt“, sondern als eine befreiende Beziehung. Wir sind gerufen, das christliche Leben darzustellen nicht als Regeln, die es zu befolgen gilt, sondern als Fülle des Lebens, die uns kostenlos geschenkt wird. „Was er euch sagt, das tut“ ist keine Aufforderung zu blindem Gehorsam, sondern zu einer verantwortungsvollen Freiheit, die von denen vermittelt wird, die der Liebe bereits begegnet sind. Sie haben diese erfahren und wollen sie teilen, weil in ihr das wahre Leben ist.
Ich möchte mit einer Überlegung von Romano Guardini schließen. Er stellt fest: Unser Glaube ist ein „‘angefochtener Glaube‘, der sich immerfort seines Grundes vergewissern und oft die schöne Mannigfaltigkeit wegschmelzen muß, um des Wesentlichen teilhaft zu bleiben.“ Das bedeutet, dass wir, wenn Zweifel oder Entmutigung aufkommen, die uns bei unserer Sendung oft heimsuchen, erkennen, dass der wahre Glaube ein Glaube ist, „der sich immer wieder gegen die Bezweiflung aufrichtet, […] eine Struktur, wie sie Kardinal Newman charakterisiert hat, als er sagte, glauben heiße, ‚Zweifel tragen zu können‘.“[17]
Den neuen Wein von der Hochzeit zu Kana, der die von den Glaubenden verkündete Erneuerung symbolisiert, bringen wir mit Freude und Hoffnung auch und vor allem inmitten von Herausforderungen und Schwierigkeiten, Zweifeln und Unsicherheiten. Sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft sind die jungen Menschen, die wir begleiten, Träger eines Durstes nach authentischem Leben. Sie versuchen, Glaubende zu treffen, die eine glaubwürdige christliche Botschaft vermitteln und denen sie deshalb glauben. Das ist die Herausforderung, die der JAHRESLEITGEDANKE 2026 uns allen aus der Don-Bosco-Familie, die die neuen Generationen im Herzen tragen, anvertraut.
Don Boscos Traum lebt weiter, wenn ein junger Mensch in den Erziehern und Seelsorgern, denen er begegnet, keine Einschränkung seiner Freiheit sieht, sondern den Weg, ganz er selbst zu werden, ein Glaubender, der seinen Glauben im Dienst an seinen Mitmenschen lebt. Das ist die „Frohe Botschaft“, die die salesianische Sendung zu verkünden berufen ist: den Mut des Glaubens und die Freude des Teilens.

Diesen JAHRESLEITGEDANKEN biete ich euch mit Freude und Ergriffenheit an und verpflichte mich, ihn als erster zu leben.

[1] Vgl. Papst Franziskus, Enzyklika „Lumen fidei“ (2013).

[2] Papst Franziskus, Generalaudienz, 8. Juni 2016: https://www.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2016/documents/papa-francesco_20160608_udienza-generale.html

[3] Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg: Herder 2007, S. 294.

[4] Vgl. ebd.

[5] Dominic VELIATH, „Encounter of the Salesian Charism. South Asian Context“, in: Journal of Salesian Studies, Juli–Dezember 2015, Bd. 16, Nr. 2, S. 189–207; Vgl. https://www.salesian.online/wp-content/uploads/2020/03/JSS_16_N_2_Encounter_of_the_Salesian_Charism_with_the_Southern_Asian_Context-Dominic_Veliath1.pdf

[6] Ebd., S. 207. Der englische Originaltext lautet: „The Salesian charism is still on a pilgrimage. Every pilgrimage involves a certain amount of risk; at times one is challenged to venture along what may seem as yet an uncharted course. It is in this setting that every Salesian, including the Salesian in the South Asian context, confident in the abiding presence of the Spirit of God, rooted in the Salesian charism and in fraternal communion with the Salesian congregation at large, is called to continue his journey with a little of that trust which has so insightfully been described by the poet Antonio Machado in his poem Caminante no hay Camino: ‚Wayfarer! There is no way. The way is made by walking‘.“

[7] Aus einem Brief, den Mutter Teresa an alle aus der Familie der Missionare der Nächstenliebe am 25. März 1993, während der Karwoche, schrieb; zitiert in: Raniero Cantalamessa, Dritte Homilie: Adventsmeditation 2003, 19. Dezember 2003; auf Deutsch veröffentlicht am 22. Dezember 2003: „Kennt ihr den lebendigen Christus?“ [A. d. Ü.: Auf Deutsch unter https://www.corpuschristimovement.com/german/meditationen/Cantalamessa1.html. Da diese Predigt nur den Anfang des Zitats enthält, wurde auf einen anderen Text („Testament von Mutter Teresa“) zurückgegriffen, der das Zitat vollständig wiedergibt: https://www.horeb.org/fileadmin/eigene_dateien/Neue_Seite/Downloads/PDF/PDFs/Testament-mutter-teresa.pdf.]

[8] Pietro BRAIDO, Don Bosco. Ein Priester für die Jugend. Eine wissenschaftliche Biografie, München: Don Bosco 2016, Bd. 1, S. 280 (aus Kap. 7: „Don Bosco, der Erzieher [1846-1850]).

[9] Ebd., S. 288.

[10] Papst Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Novo Millennio Ineunte“, 6. Januar 2001.

[11] Simone Weil, Quaderno IV, S. 182-183 (der italienischen Ausgabe). [A. d. Ü.: eigene Übersetzung].

[12] Brief an Herrn Carlo Vespignani, 11. April 1877, in: Francesco MOTTO (Hrsg.), Giovanni BOSCO, Epistolario, Bd. V (1876–1877), Rom: LAS 2012, S. 344. [A. d. Ü.: zitiert auch in K 19].

[13] Vgl. Pietro BRAIDO, Don Bosco. Ein Priester für die Jugend. Eine wissenschaftliche Biografie (München: Don Bosco 2016), Bd. 2. Ich empfehle die Lektüre des 22. Kapitels: Die Salesianischen Mitarbeiter – ein Projekt katholischer Solidarität in der Sendung für die Jugend (1873–1877), S. 242-282.

[14] Vgl. Egidio Viganò, L’Associazione dei Cooperatori Salesiani [= Die Vereinigung der Salesianischen Mitarbeiter], Brief, veröffentlicht in: Amtsblatt Nr. 318, 1986.

[15] Vgl. Pascual Chávez, Il Cooperatore nella mente di don Bosco [Kommentar zu: “Il Progetto di Vita Apostolica: via di fedeltà al carisma di Don Bosco”]: https://www.donboscoland.it/it/page/il-cooperatore-nella-mente-di-don-bosco

[16] Bollettino Salesiano, Juli 1885, Jahr IX. Nr. 7 siehe: https://sdl.sdb.org:9343/greenstone3/library/collection/bolletin/document/HASHf4b23f9c8aeedeefebb44e;jsessionid=5747EC043839057DDD329A721E7B8FAA [A. d. Ü.: eigene Übersetzung].

[17] Romano Guardini, Sorge um den Menschen, Bd. 1, Würzburg: Werkbund-Verlag 1962, S. 120.

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P. Fabio ATTARD

Generaloberer der Salesianer Don Boscos