Lesezeit: 6 min.
In der Spiritualität des heiligen Johannes Bosco war der Name Jesu nicht nur eine bloße Anrufung, sondern eine tägliche, heilbringende Gegenwart, die in der Bibel und der Tradition der Kirche verwurzelt war. Im Oratorium erklang das Stoßgebet „Gepriesen sei allezeit der Name Jesu und Mariens“, der von Don Bosco vertont und an die Wände geschrieben wurde. Er pflegte ihn auch durch selbst komponierte Hymnen und durch Sühnegebete gegen die Gotteslästerung. Ein geistliches Erbe, das seine Aktualität für die Glaubenserziehung der neuen Generationen unversehrt bewahrt.
Eine gelebte und weitergegebene Verehrung
In der Spiritualität des heiligen Johannes Bosco nimmt der Name Jesu einen wichtigen Platz ein. Es handelt es sich nicht um einen einfachen Ausdruck der Frömmigkeit unter vielen, sondern um eine Lesart seines erzieherischen und pastoralen Charismas. Für Don Bosco bedeutete die Anrufung des Namens Jesu, die Person des Erlösers selbst im täglichen Leben gegenwärtig zu machen, in Momenten der Freude wie auch in Zeiten der Prüfung, in der Erziehung der Jugend wie auch im Apostolat unter den Bedürftigsten.
Die Wurzeln einer betenden Tradition
Don Bosco erbte und lebte eine Verehrung, die ihre Wurzeln in der biblischen Tradition und der beständigen Praxis der Kirche hat. Der Name Jesu trägt nach dem christlichen Glauben eine besondere heilbringende Kraft in sich. Wie der heilige Paulus im Philipperbrief erinnert, ist es der Name, vor dem sich jedes Knie beugt, im Himmel, auf der Erde und unter der Erde. Diese theologische Wahrheit wurde für Don Bosco zu einer lebendigen Erfahrung, die er mit seinen Jungen und allen, denen er begegnete, teilen wollte.
Das Stoßgebet, das täglich in der Maria-Hilf-Basilika erklang, ist ein beredtes Zeugnis dafür: „Gepriesen sei allezeit der Name Jesu und Mariens“. Dieses kurze Gebet, das Don Bosco selbst vertonte, wurde am Ende der Morgenpredigt gesungen und schuf einen Moment besonderer geistlicher Intensität. Es war kein einfacher Refrain, sondern ein wahrer Glaubensakt, der die gesamte Erziehungsgemeinschaft des Oratoriums einbezog.
Der Name Jesu in der geistlichen Architektur des Oratoriums
Don Bosco wollte, dass diese Verehrung auch physisch sichtbar war. Die Worte „Gepriesen sei allezeit der heiligste Name Jesu und Mariens“ waren auf den Rahmen der Wand geschrieben, über der Tür, die zur Bibliothek führte. Eine besondere Begebenheit, die in den Biographischen Erinnerungen erzählt wird, zeigt, wie sehr Don Bosco auf den gebührenden Respekt für diese Anrufung bedacht war. Als der Anwalt Tua diese Worte spöttisch las, hielt der heilige Erzieher sofort inne und forderte mit ungewohnter Entschiedenheit alle Anwesenden auf, ihren Hut abzunehmen. Angesichts des Zögerns der Anwesenden wiederholte er mit Autorität, dass derjenige, der spöttisch begonnen hatte, mit dem gebührenden Respekt enden müsse, und befahl jedem, sein Haupt zu entblößen. Diese scheinbar strenge Geste zeigt die tiefe Ehrfurcht, die Don Bosco für den Namen Jesu hegte, und seinen Wunsch, zum Respekt vor den heiligen Dingen zu erziehen.
Eine Kraft in der Dunkelheit des Gefängnisses
Einer der bewegendsten Aspekte seiner mit dem Namen Jesu verbundenen Spiritualität geht aus seiner Erfahrung in den Turiner Gefängnissen hervor. Als der junge Priester Johannes Bosco seinen Lehrer Don Cafasso zu den Häftlingen begleitete, sah er mit eigenen Augen, wie die Anrufung des Namens Jesu selbst die heruntergekommensten Orte verwandeln konnte. Die Zellen, die durch Flüche, Gotteslästerungen und Laster wie Höllenlöcher schienen, verwandelten sich allmählich in Wohnstätten von Menschen, die sich wieder als Christen erkannten, fähig, Gott zu lieben und zu dienen und Loblieder auf den anbetungswürdigen Namen Jesu zu singen.
Diese Erfahrung war wichtig für die pastorale Ausbildung Don Boscos. Er verstand, dass selbst die verhärtetsten Herzen von der Gnade berührt werden konnten, wenn der Name des Erlösers angerufen wurde. Das Unglück jener Gefangenen rührte nämlich mehr vom Mangel an religiöser Unterweisung als von eigener Bosheit her. Der Name Jesu wurde so zum Werkzeug der Erlösung, zum Weg der Rückkehr zur verlorenen Würde, zur Hoffnung auf geistliche Wiedergeburt.
Die Ablässe: Pädagogik der Barmherzigkeit
Don Bosco förderte aktiv die Praxis der Ablässe, die mit der Anrufung des Namens Jesu verbunden sind, und nahm sie in seine Gebetbücher und die Regeln der von ihm gegründeten Vereinigungen auf. In der „Vereinigung der Verehrer Mariens, der Helferin der Christen“ von 1869 erinnerte er daran, wie Papst Sixtus V. denen, die „Gelobt sei Jesus Christus“ sagten und die Antwort „Gepriesen sei er immer“ erhielten, hundert Tage Ablass gewährt hatte. Der vollkommene Ablass wurde dann demjenigen gewährt, der im Angesicht des Todes den Heiligen Namen zumindest mit dem Herzen anrief.
Diese Aufmerksamkeit für die Ablässe ist nicht als eine Form mechanischer oder abergläubischer Religiosität zu verstehen. Für Don Bosco stellte sie vielmehr eine konkrete Möglichkeit dar, seine Jugendlichen zum Bewusstsein für den Wert des Gebets und der göttlichen Barmherzigkeit zu erziehen. Die Ablässe waren eine Pädagogik der Gnade, eine ständige Einladung, sich in jedem Moment des Tages an den heiligsten Namen Jesu zu erinnern.
Das Lob zur Wiedergutmachung der Gotteslästerungen
Besonders bedeutsam ist das Lobgebet, das Don Bosco 1862 in den „Spiegel der katholischen christlichen Lehre“ aufnahm. Diese Litanei, die mit „Gott sei gebenedeit“ beginnt und insbesondere den Namen Jesu und Mariens preist, hatte einen sühnenden Zweck: der Gotteslästerung den Segen, der Beleidigung das Lob entgegenzusetzen. Papst Pius VII. hatte ein Jahr Ablass demjenigen gewährt, der es zumindest mit zerknirschtem Herzen betete.
Don Bosco lebte in einer Zeit, in der die Gotteslästerung leider weit verbreitet war, besonders in den unteren Volksschichten. Anstatt sich auf Verurteilungen zu beschränken, zog er es vor, positiv zu erziehen, indem er die Schönheit des Lobes und die sühnende Kraft des Segens lehrte. Der gepriesene Name Jesu wurde so zum geistlichen Gegengift gegen gotteslästerliche Sprache, zum Heilmittel, um die Zunge vom Gift der Gottlosigkeit zu heilen.
Dichtung und Gesang: Träger der Verehrung
Don Bosco komponierte persönlich eine Hymne „An den heiligsten Namen Jesu“, die 1879 in der „Auswahl geistlicher Lobgesänge“ veröffentlicht wurde. Dieses poetische Werk, das in zahlreiche Strophen gegliedert ist, drückt mit einfacher, aber wirkungsvoller Sprache die Freude und den Enthusiasmus aus, die die Anrufung des göttlichen Namens begleiten sollten. „Auf, Kinder, singt, ihr schönen, unschuldigen Seelen, mit süßen Klängen: Es lebe Jesus“: So beginnt die Hymne und bezieht die Jugendlichen direkt in das Lob mit ein.
Der Einsatz von Gesang und Dichtung war kein Zufall. Don Bosco wusste sehr gut, dass die Jugendlichen am besten durch das lernen, was das Herz berührt und sich durch die Melodie im Gedächtnis einprägt. Der mit Freude gesungene Name Jesu wurde zu einer gelebten Erfahrung, nicht nur zu einer erlernten Lehre. Die Strophen der Hymne feiern die Süße dieses Namens, seine heilbringende Kraft, die Freude, die er demjenigen schenkt, der ihn mit Liebe ausspricht.
Eine missionarische Perspektive
In dem Brief an die Don-Bosco-Schwestern, der in den Biographischen Erinnerungen aufbewahrt wird, drückt Don Bosco eine weitere Dimension der Verehrung des Namens Jesu aus: die missionarische. Er lädt die Schwestern ein, für die Mitschwestern zu beten, die in die entlegensten Teile der Erde gehen, „um dort den Namen Jesu Christi zu verbreiten und ihn bekannt und geliebt zu machen“. Es handelt sich also nicht nur um eine innere Verehrung, sondern um einen konkreten apostolischen Einsatz: den Namen Jesu überallhin zu tragen, damit er von allen gekannt und geliebt wird.
Diese missionarische Vision fügt sich perfekt in das salesianische Charisma ein, das ganz auf die Verkündigung des Evangeliums ausgerichtet ist, besonders unter den Jugendlichen und den Armen. Der Name Jesu wird so zur Synthese des gesamten Evangelisierungswerks: diesen Namen zu kennen bedeutet, die Person Christi zu kennen; ihn zu lieben bedeutet, seinen Heilsplan anzunehmen.
Das Beispiel des heiligen Aloisius von Gonzaga
Don Bosco stellte seinen Jugendlichen das Beispiel des heiligen Aloisius von Gonzaga vor, der im Angesicht des Todes, während er sich bemühte, den Heiligen Namen Jesu auszusprechen, sanft verstarb. Dieses Detail, das in der „Kirchengeschichte“ von 1871 berichtet wird, ist kein nebensächliches Detail: Don Bosco wollte seinen Jungen zeigen, wie der Name Jesu den Christen bis zum letzten Atemzug begleiten sollte und so zur Eingangspforte für das ewige Leben wird.
Ein immer aktuelles Erbe
Die Verehrung des Namens Jesu durch Don Bosco ist keine historische Kuriosität oder eine überholte Praxis. Sie repräsentiert seine Spiritualität und seine Erziehungsmethode. Durch die ständige, im Glauben vollzogene Anrufung dieses Namens hat der heilige Erzieher Generationen von Jugendlichen zum Glauben geformt, Sünder bekehrt, Betrübte getröstet und heruntergekommene Umgebungen in Orte der Gnade verwandelt.
Heute wie damals bewahrt der Name Jesu seine heilbringende Kraft unversehrt. Das geistliche Erbe Don Boscos lädt uns ein, diese einfache, aber tiefe Verehrung wiederzuentdecken, diesen heiligen Namen, der über allen anderen Namen ist, mit Glauben und Liebe auszusprechen und ihn in unseren Familien, in unseren Gemeinschaften, an den Orten der Erziehung erklingen zu lassen. Wie die Jungen des Oratoriums sangen: „Es lebe Jesus! Es lebe dieser Name, dem an Glanz und Ehre kein anderer je gleichkam“.

