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Nach dem Ersten Weltkrieg, in Zeiten einer großen Hungersnot, war Professor Breitenbach, ein berühmter Arzt, schwer erkrankt. Mit der Krankheit ging ein allgemeiner Zustand der Erschöpfung einher. Die behandelnden Ärzte murmelten etwas von einer nahrhaften Diät und zuckten dann untröstlich mit den Schultern. In diesen kritischen Tagen hatte ein Bekannter einen halben Laib Brot geschickt.
Der Professor war so begeistert von dem Geschenk, dass er es nicht einmal essen konnte. Er wusste, dass sein Nachbar, ein Schulmeister, eine kranke Tochter hatte, die an Hunger litt. Also sagte er: „Was soll ich damit machen? Ich bin jetzt ein alter Mann. Es wird für das junge Leben viel nützlicher sein“. Und er schickte die Haushälterin, um das Stück Brot zur Tochter des Schulmeisters zu bringen.
Der Meister wollte das Brot auch nicht für sich behalten, sondern beschloss, es einer alten Witwe zu geben, die in einem Dachgeschoss in einem armen Stadtteil Zuflucht gefunden hatte. Die seltsame Reise des Brotes sollte kein Ende nehmen. Die alte Frau brachte es zu ihrer Tochter, die mit ihren beiden Kindern in einem Keller nicht weit von hier Zuflucht gefunden hatte.
Die Frau wiederum erinnerte sich an den kranken alten Arzt, der ein paar Häuser weiter wohnte. Sie erinnerte sich daran, dass er kurz zuvor eines ihrer Kinder, das schwer krank war, behandelt hatte, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Sie steckte sich den halben Laib Brot unter den Arm und ging zum Haus des Arztes.
„So haben wir ihn zurückbekommen“, erzählte die Haushälterin. Als er das Brot in der Hand hatte und von seiner Pilgerreise erfuhr, war der Professor tief bewegt und sagte: „Solange so viel Liebe zwischen uns ist, habe ich vor nichts Angst“.
Er aß das Brot nicht, sondern sagte: „Wir müssen es aufbewahren und jedes Mal, wenn wir uns gemein verhalten, werden wir es nehmen und es anschauen“.
Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden. Sie können Medizin kaufen, aber keine Gesundheit. Sie können Dinge kaufen, aber keine Familie.
Sie können Zweisamkeit kaufen, aber keine Liebe. Ein Buch, aber keine Intelligenz. Ein Kruzifix, aber nicht den Glauben. Luxus, aber keine Schönheit. Ein schönes Zimmer, aber keinen Schlaf. Ein luxuriöses Grabmal, aber nicht den Himmel.

